Psychisch fit fürs Leben

Resilienz: Was Kinder stark macht

Damit Kinder Misserfolge und Rückschläge besser wegstecken und nicht gleich aufgeben, ist seelische Widerstandskraft wichtig. Und auch mit einem holprigen Start kann ein gutes Leben gelingen. Resilienz – die Fähigkeit, Krisen zu meistern – spielt dabei die entscheidende Rolle.

Morgens um sechs ist die Welt von Neo schon ganz schön ungemütlich. Seine Mama muss – wie viele berufstätige Eltern – ihren Kleinen früh in die Kita bringen. Sie arbeitet am anderen Ende der Stadt und kann ihren Sohn nur auf dem Arbeitsweg abgeben. Für Frühaufsteher-Kinder toll, für Morgenmuffel eine Überwindung. Noch schlaftrunken in die Welt geschubst, da fühlte Neo sich anfangs schon etwas verloren. Zum Glück findet er bei seiner Kindergärtnerin liebevolle Ersatzarme, in die er schlüpfen kann. Da fühlt er sich geborgen, das ist wie ein Zuhause.

"Die Kindergärtnerin stellt eine feste und verbindliche Bezugsperson dar, auf die Verlass ist", schätzt Psychologin Lilo Endriss diese Situation ein. Die emotionale Bindung, die zu mindestens einem Elternteil bestehen soll, werde in der Kita fortgeführt. Das Wissen um diesen sicheren Hafen schafft Selbstvertrauen, stärkt damit die seelische Widerstandsfähigkeit der Kinder, so definieren Forscher die Resilienz – und schafft Mut weiterzugehen.

Resilienz bei Kindern psychisch kranker Eltern

Denn selbst wenn am Anfang des Lebens nicht alles perfekt läuft, die Eltern beispielsweise psychisch krank sind, kann es später sehr gut werden. Untersuchungen zeigen, dass ein Drittel aller Kinder, die vernachlässigt oder misshandelt wurden oder zum Beispiel unter der Trennung der Eltern litten, trotzdem glückliche, fürsorgliche und erfolgreiche Erwachsene werden, die in stabilen Beziehungen leben. Was zeichnet diese Menschen aus? Sie haben Resilienz entwickelt.

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Seelische Robustheit bei Kindern stärken

Wer darüber verfügt, ist vor Schicksalsschlägen zwar nicht gefeit – Verluste, Misserfolge, Trauer oder Krankheiten gehören zum Leben –, sie können sie aber überstehen, ohne daran zu zerbrechen. Selbstwirksamkeit lautet das Zauberwort. Das Gefühl, selbst Einfluss zu haben und etwas bewirken zu können, gilt als innerer Schutzfaktor. Wer sein Leben selbst positiv beeinflussen kann, kommt auch aus scheinbar hoffnungslosen Situationen wieder heraus.

Schon in frühen Jahren lässt sich die Resilienz stärken. Obwohl es Theorien gibt, dass Resilienz genetisch bedingt ist, gilt es heute als erwiesen, dass Gene und Umwelt zusammenkommen. Mit dieser Kombination lässt sich viel erreichen. 

Der kleine Neo checkt morgens in seiner Kita erst mal, wer eigentlich schon da ist. An den Garderobenhaken der Kinder hängen Fotos von den Kindergärtnerinnen und von den anderen Minis, die bei Anwesenheit umgedreht werden. "Die Kinder können sich so selbst orientieren", sagt Gabriele Koster, die stellvertretende Leiterin der Einrichtung im Hamburger Stadtteil Lohbrügge. 

Eigenständigkeit wird hier ganz großgeschrieben. Die Kinder können mehr oder weniger frühzeitig selbst bestimmen, wie sie ihre Zeit hier verbringen: nach draußen gehen und durch das nahe Wäldchen toben, mit den anderen malen oder sich in die Rückzugsecke verkrümeln. 

Neo knüpft an diesem Morgen zarte Bande mit Emilie – mit ihr spielt er gerne. In seinem Alter, mit gut zwei Jahren, suchen sich die Knirpse die ersten Freunde, sagt Erzieherin Koster. Wenn Neo ein neues Spiel ausprobieren will, und er schafft es nicht alleine, dann wird ihm von den Kitamitarbeitern geholfen. Die selbstständige Erfahrung tut ihm gut, so steht Neo schon da wie eine Eins. 

"Das Erleben von Fürsorglichkeit, Ermutigungen durch Erwachsene und geschützte Freiräume zum Spielen unterstützen die sogenannte Selbstwirksamkeit des Kindes, das sich dadurch als aktiv gestaltendes Wesen erfährt", bewertet Psychologin Endriss dieses Verhalten von Neo. Kinder wie er fühlen sich dabei nicht dem Schicksal ausgeliefert, sondern lernen früh, dass sie selbst Einfluss nehmen und verändernd in ihre jeweilige Situation eingreifen können.

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Gute Vorbilder helfen Kindern, stark zu werden

Kicken wie die Großen, das ist voll Henrys Ding. Mit fünf Jahren geht er deshalb zum Fußballtraining des größten Hamburger Sportvereins, des Eimsbütteler Turnverbands (ETV). Das ist eine neue Herausforderung für ihn, die es manchmal auch in sich hat. "Die Kleinen müssen erst lernen, sich in die Mannschaft einzufügen", sagt Loïc Favé, Fußball-Jugendkoordinator des ETV. "Nicht alle sind gleich begnadete Stürmer!"

Er sieht gerade in der frühen Phase noch eine Menge Verantwortung und Einfluss bei den Trainern. Dementsprechend weist er alle Trainer beim ETV immer wieder darauf hin, dass sie Vorbilder sind und Lob und Tadel gerecht verteilen müssen. So würden die Kinder bei der Sache bleiben und sich nicht verzetteln.

Auch beim Dribbeln auf dem Fußballfeld fließe schon mal die eine oder andere Träne bei den kleinen Fußballstars. Später, meint Favé, werde es dann leichter. "Erfolge und Niederlagen werden dann gemeinschaftlich getragen, in der Mannschaft." Das finden natürlich auch die Mädchen ganz großartig – längst ist das Fußballspielen keine Domäne der Jungs mehr. Nicht nur die Erfolge der Frauen-Nationalmannschaft haben dem Frauenfußball einen gehörigen Kick nach vorn gebracht. "Positive Vorbilder sind enorm wichtig", betont auch die Hamburger Psychologin Lilo Endriss. "Vorbilder geben Orientierung, machen den Kindern Mut und mobilisieren Beharrlichkeit."

Mit Niederlagen und Verlusten umgehen lernen

Das Training für den Mannschaftssport baut sich leistungsbezogen auf, die Anstrengungsbereitschaft wird langsam, aber stetig gefordert. So können alle ihr eigenes Körpergefühl – entsprechend ihren Fähigkeiten – steigern und schauen, wo die eigenen Grenzen sind. Die Kinder lernen spielerisch, mit dem Leistungsgedanken umzugehen. "Und ihre Koordinationsfähigkeit wird gesteigert, weil sie lernen müssen, komplexe Bewegungsabläufe schnell zu begreifen", erläutert ETV-Trainer Favé. 

Das alles findet ja bei jedem Wind und Wetter statt – was enorm abhärtet. Aber man solle es nicht übertreiben, erzählt ein Vater am Spielfeldrand. Ab und zu müsse man auch alle fünfe gerade sein lassen, sonst verlieren die Minisportler die Lust. Unter dem spielerischen Aspekt geht das. Meisterkicker müssen allerdings mit Disziplin und Einsatzbereitschaft ständig ran, dann können sie sich ganz nach oben kicken – und vielleicht sogar ihr Hobby zum Beruf machen. 

"Einerseits ist es wichtig, dass Kinder die sogenannte Leistungsmotivation entwickeln, also die Überzeugung, dass sich Leistung lohnt. Andererseits sollten die Erwachsenen genau darauf achten, dass sich die Kinder, etwa bei Niederlagen, in ihrer Persönlichkeit nicht abgewertet fühlen", betont Psychologin Endriss.

Kreative Impulse der Kinder fördern

"Nicht alle Kinder eignen sich für den Mannschaftssport", sagt Constanze Kopplow aus Erfahrung. Seit knapp 20 Jahren leitet sie die Ballettwerkstatt in Hamburg-Eppendorf, mit einem Angebot von Hip-Hop bis Ballett. "Manche Kinder sind typische Individualisten, für die bietet der Tanz bessere Möglichkeiten." Jojo tanzt mit Begeisterung. Die Zwölfjährige schätzt die Schönheit der Bewegung mit klassischer Musik. Der Ballettunterricht bildet seit sieben Jahren eine feste Kon-stante in ihrem Leben. Sie lernt, ihren Körper zu kontrollieren und sich im Rhythmus zur Musik graziös zu bewegen. 

Das Ballett "haucht den Kindern Kultur ein", so die Tanzlehrerin, und es fördere die Fantasie, um sich selbst aussagefähig nach außen darzustellen. Die Psychologin bewertet auch dies positiv: "Besonders kreative Kinder streben gern eigene, schöpferische Ziele an, denen sie sich mit Hingabe widmen." Endriss nennt das selbstverpflichtende Zielbindung. Wenn Eltern kreative Impulse fördern, tragen sie zu einer starken Identitätsentwicklung ihrer Sprösslinge bei. Das gibt Halt.

Auch Meditation und Körperbewusstsein fördern Resilienz bei Kindern

"Jede Stunde ist fast wie eine kleine Meditation zu sehen, mit Ruhe und Konzentration auf die wesentlichen Muskeln achten und auf sich selbst", lächelt Kopplow. Derart gezielte Muskelbildung schafft eine Art Korsett. Die Kinder bekommen ein Körperbewusstsein, das zu einer Selbstverständlichkeit wird.

"Bei Kindern die später einsteigen, sieht man ganz deutlich den Unterschied, sie sind im Vergleich zu den früher Beginnenden noch verhalten und unsicher", erläutert Kopplow. Aber auch Spätstarter lernen die selbstbewusste Körperhaltung schnell. Allerdings gilt für alle: Die Schüler werden in der Werkstatt gesehen (und gefördert), aber nicht gemessen – nicht an der Leistung anderer, nicht an irgendwelchen Standards. Bei größeren Aufführungen können alle ihr Können zeigen. Sie werden bestaunt und beachtet. Ein wichtiger Aspekt für ein gutes Selbstwertgefühl – das gelte es zu stärken und nicht Konkurrenz aufzubauen.

Hobbys können eine gute Basis für seelische Widerstandsfähigkeit bei Kindern sein

"Wer seine Kinder in einem geschützten Feld experimentieren lässt und sie nicht ständig als überbehütende Helikoptereltern daran hindert, eigene spielerische Erfahrungen zu machen, der gibt ihnen die Chance, durch entdeckendes Lernen eine besonders zuversichtliche Grundhaltung dem Leben gegenüber zu erwerben", schätzt Psychologin Endriss dies ein. Aus dem Vollen schöpfen und ein schönes Hobby wählen, das fördert die Kontinuität, die Kreativität und bildet so eine gute Basis für seelische Widerstandsfähigkeit.

10 Dinge, die Eltern und Erzieher tun können, um Resilienz bei Kindern zu fördern

  1. Loben und ermutigen – vor allem, wenn sich das Kind bemüht und nicht aufgibt, wenn ihm etwas schwerfällt. Selbst wenn es nicht schafft, was von ihm erwartet wird, sollte auch der Versuch gelobt werden.
  2. Feste Bezugspersonen, die Zuversicht vermitteln, stärken Kinder ein Leben lang. Wenn das nicht die eigenen Eltern sein können, haben auch andere Menschen einen großen Einfluss: Verwandte, Pädagogen, Trainer, Nachbarn oder andere Mutmacher. Es müssen Erwachsene sein, die verlässlich da sind und das Kind seinen Bedürfnissen entsprechend behandeln.
  3. Anteil nehmen. Wenn Erwachsene echtes Interesse zeigen, blühen Kinder auf. Die Großen sollten die Kleinen deshalb immer wieder auffordern, etwas von sich und ihren Gefühlen zu erzählen. Was spielst du gern? Was liest du? Was magst du an deinen Freunden? Wie gefallen dir bestimmte Dinge? Bei solchen Fragen lernen Kinder, ihre Emotionen zum Ausdruck zu bringen und diese später zielgerichtet einzusetzen, um sich selbst zu helfen.
  4. Kritik ist erlaubt. Sie sollte aber richtig formuliert werden. Das heißt, dass nicht die Mängel im Vordergrund stehen, sondern das Bemühen. Auch wenn Kinder etwas falsch machen, müssen sie nicht beschimpft werden. Wenn etwas kritisiert wird, dann ist es das Verhalten und nicht die Person. 
  5. Zeit für Zärtlichkeit. In den Arm nehmen, kuscheln, über den Kopf streicheln – das tut jedem Kind gut. Man kann es gar nicht oft genug machen und muss auch keine Angst davor haben. Wenn es mal zu viel werden sollte, wird das Kind seine Eltern das spüren lassen, indem es sich zurückzieht.
  6. Du bist einzigartig und wertvoll. Väter und Mütter sollten ihre Kinder nicht mit anderen vergleichen ("Guck mal, dein Freund kann das viel besser"). Das kränkt und nimmt den Kleinen den Glauben an sich selbst. Ein zuverlässiges "Wir haben dich lieb – gleichgültig was du tust und wie du bist" macht stark.
  7. Selbstvertrauen gewinnen. Kinder dürfen nicht zu sehr in Watte gepackt werden. Wenn Eltern ihnen jeden Fehltritt ersparen wollen, bleiben wichtige Erfahrungen einfach aus. Das Kind erlebt dann nie, dass es sich selbst helfen kann.
  8. Vorbild sein. Auch bei Erwachsenen läuft nicht immer alles nach Plan. Wenn Eltern im Konfliktfall Reißaus nehmen und den Kopf in den Sand stecken, ist es kein Wunder, wenn die Kinder das auch tun. Mütter und Väter sollten Vorbild sein und ihrem Nachwuchs zeigen, wie man nach Niederlagen wieder aufsteht. Zum Beispiel, indem man sich an frühere Erfolge erinnert, an etwas Schönes denkt oder sich trösten lässt.
  9. Tränen zulassen. "Ein Indianer kennt keinen Schmerz", "Jetzt heul doch nicht", "Mach mal ein fröhliches Gesicht" – solche Sprüche sollten Eltern sich verkneifen. Denn Kinder müssen auch lernen, negative Gefühle zuzulassen. Trauer, Wut, geschockt sein – nur wer solche Gefühle kennt, kann mit ihnen umgehen.
  10. Früh Verantwortung übertragen. Sei es für das Haustier, für kleinere Geschwister oder Aufgaben im Haushalt – wer Verantwortung übernehmen kann und dabei erfolgreich ist, hat meist auch später Spaß an Herausforderungen, die glücklich und stark machen.

Unsere Expertin

Lilo Endriss, Diplom-Psychologin, Expertin in Sachen kreative Entfaltung. Ihre Erfahrungen hat sie in dem Buch "Steh auf Mensch!" zusammengefasst, Books on Demand, 21,80 Euro.

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