"Verhalten wie ein Superheld"

Selbstverteidigung für Kinder: Selbstbewusst durch den Alltag

Selbstbewusstsein durch Selbstvertrauen. Selbstvertrauen durch Selbstverteidigung. Diesen Leitsätzen folgen die Ninjutsu-Akademien, welche speziell entwickelte "Self-Defense"-Programme anbieten, mit deren Hilfe bereits Kinder im Kita-Alter lernen, zunehmendem Mobbing entgegenwirken zu können, ohne dabei selbst Gewalt ausüben zu müssen.

Die kleine Julia hält sich wacker. Hände und Füße fest um den Oberkörper des Trainers geschlungen, klammert sie sich mit aller Kraft an ihm fest, während die im Kreis um die beiden "Kämpfenden" herumstehenden und johlenden Kinder laut zählen. Die "Zehn!" hallt laut durch den Kursraum und Julia lässt los. Voller Freude strahlt sie ihren Trainer an, der zurücklächelt. "Sehr gut", sagt dieser, und Julia reiht sich, immer noch grinsend, wieder in die Gruppe der begeistert dreinschauenden Gruppe ein. Das kleine Mädchen hat gerade eine effektive Haltetechnik gelernt – ganz spielerisch. Und genau so war es gedacht ...

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Mit dem "Triple A"-System zu mehr Selbstvertrauen

Die Angst um das eigene Kind ist bei Eltern allgegenwärtig. Die Sorge vor Mobbing, ob psychologisch oder gar physisch, spielt mehr denn je eine große Rolle – und das bereits in ganz jungen Jahren. Und genau dort setzen die Akademien mit ihren Programmen "Little Ninja" und weiteren sogenannten "Junior"-Kursen an. Basierend auf den Lehren japanischer Judoka und in den 1960er-Jahren entwickelt, arbeiten diese nach dem intern entwickelten "Triple A"-System, um Kindern schon früh das für ein gestärktes Selbstwertgefühl so wichtige Selbstbewusstsein mit auf den Weg zu geben.

Das erste "A" steht dabei für Ansage. Mithilfe der eigenen Körpersprache lernen die kleinen Teilnehmer hier bereits, Grenzen für sich selbst und damit auch für ihr Gegenüber zu setzen: Was möchte ich – und was nicht? Wird eine persönlich gesetzte Barriere gewollt oder ungewollt überschritten, so sind die Kleinen in der Lage, dies durch Gestik, Mimik, die eigene Stimme und selbstbewusstes Auftreten deutlich zu machen.

Das zweite "A" bedeutet Aufmerksamkeit. Hier kommen die Erwachsenen mit ins Spiel. Wird ein Kind gemobbt, muss vonseiten der Verantwortlichen frühestmöglich gehandelt werden. In Zeiten von Smartphone & Co., in denen Mobbing nicht mit dem Abholen aus der Kita oder dem Schulgong endet – der Begriff des "Cybermobbings" nimmt eine gewichtige Rolle ein –, ist dies umso entscheidender.

Die Leiter und Trainer der Ninjutsu-Akademien, die sich selbst in solchen Fällen als Vermittler verstehen, suchen aktiv den Kontakt zu Betroffenen. Oft ist nämlich ebendieser Weg, sich einer anderen Person anzuvertrauen, für Kinder der schwerste. Aufgrund der Angst vor möglichen Folgen ("Wie reagiert der Erwachsene?", "Was, wenn die anderen Kinder etwas von meiner Situation mitbekommen?") oder mangelndem Selbstvertrauen können sich Mobbingopfer schwer dazu überwinden.

Ein Ziel der Kurse ist es, dass die Betroffenen sich durch das aufgebaute Verhältnis ihren Trainern anvertrauen, sodass diese weiterführend handeln können. Sich einem Freund oder Mentor mit einem solch sen­siblen Thema zu nähern ist oft deutlich leichter, als sich Eltern oder Lehrern gegenüber zu öffnen.

Das dritte "A" verkörpert den Begriff der Aktion. Sollte es in den ersten beiden Schritten nicht zu einer klärenden Lösung gekommen und sowohl die verbale Abwehr als auch die Suche nach Hilfe nicht erfolgreich gewesen sein, so wird den Kindern ein effektiver Plan der körperlichen Selbstverteidigung auf Basis verschiedener Kampfsportarten an die Hand gegeben. Dabei wird ganz bewusst auf Schlag- und Tritttechniken verzichtet. Auf diese Weise lernen die Betroffenen, sich selbst vor An- und Übergriffen zu schützen. Körperlichkeit sollte jedoch in jedem Fall der letzte Ausweg und keineswegs die Regel sein.

Nicht jedes Kind ist geeignet

"In den vergangenen Jahren haben wir Hunderte Anwerber abgelehnt", so Schacht. "Bevor wir jemanden in unsere Kurse aufnehmen, prüfen wir dessen Ziele und Motivation." Auch Hintergrund und, sofern möglich, das Umfeld des Anwerbers werden sorgfältig gecheckt. Es käme nämlich vor, dass ein Kind den Weg in die Akademien nur suche, um mithilfe der dort erlernten Kampfkünste anderen im Alltag zu schaden. "Bestätigt sich dieser Verdacht, lehnen wir den Bewerber ab. Wir wollen und müssen von dessen guten Absichten überzeugt sein."

Doch wie kommt es überhaupt so weit?

Yakov Schacht, seines Zeichens zertifizierter Ninjutsu-Headmaster siebten Grades sowie Mitinitiator der erfolgreichen Kinderprogramme der Akademien, sieht ein Hauptproblem bei der zunehmend sinkenden Hemmschwelle bei zeitgleicher ausbleibender Kommunikation: "Ich bin überzeugt: Ein Kind muss sich im Notfall verteidigen können! Meine Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen mir, dass die Gewalt schlimmer geworden ist. Die Nutzung von Waffen ist keine Seltenheit mehr. Das ist erschreckend. Viele Werte und Normen sind abhandengekommen. Dies sorgt für potenziell mehr Mobbingfälle und -opfer. Wir beobachten, dass solche sich nicht nur auf sogenannte 'Brennpunkte' beschränken lassen, sondern auch in Vierteln, in denen sozial stärkere Schichten leben, vermehrt auftreten. Kinder müssen möglichst früh den persönlichen Selbstwert erkennen, um sich im Fall der Fälle überhaupt verteidigen zu wollen."

Durch das aus den erlernten Fähig- und Fertigkeiten entstandene Selbstbewusstsein nehmen die Kleinen eine völlig andere Haltung ein. Die Traute, sich verteidigen zu können, sollte es zu einer Gefahrensituation kommen, ermöglicht ihnen, diese viel besser einschätzen zu können und sich sogar bewusst gegen Gewalt zu entscheiden. Dieser Zustand schult ungemein und macht aus ehemaligen Opfern kleine Helden. Dazu Schacht: "Betroffene sind in der Lage, nicht nur sich selbst, sondern auch anderen helfen zu können. Das Wissen um die eigene Stärke und diese dennoch nicht einsetzen zu müssen ist ein Verhalten, das wir sonst von Superhelden kennen. Und so dürfen und sollen sich die Kinder auch fühlen."

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Unser Autor

Martin Piecha

Content Manager bei Junior Medien

Martin stammt als studierter Sportjournalist und -manager sowie ehemaliger Redakteur für Fitness- und Gesundheitsthemen aus einem eher anderen Fachbereich. Er liebt jedoch die redaktionelle Herausforderung und stellt sich voller Freude und Enthusiasmus dem weiten Feld rund um das Elternwerden und Elternsein.

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