Wie schütze ich mein Kind?

Wie ihr eure Kinder vor sexuellem Missbrauch schützt

Mehr als 15.000 Fälle von Kindesmissbrauch gab es laut Bundeskriminalamt 2019 in Deutschland. Umso wichtiger ist es, Kinder früh zu stärken – aber wie? Wir haben bei zwei Expertinnen nachgefragt.

Die Vorstellung, dass das eigene Kind missbraucht wird, ist für die meisten von uns unerträglich. Und trotzdem passiert es täglich: Laut Kriminalstatistik werden in Deutschland jeden Tag 43 Kinder Opfer von sexueller Gewalt. Mehr als 15.000 Missbrauchsfälle hat das Bundeskriminalamt im Jahr 2019 registriert. Die Dunkelziffer ist hoch – und durch Corona noch höher als sonst.

Studien zufolge haben sexuelle Gewalt und Missbrauch an Kindern vor allem während der Ausgangsbeschränkungen zugenommen. "Europol verzeichnet bei der Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen einen Anstieg um 30 Prozent", sagt Julia von Weiler, Diplom-Psychologin und Vorstand von Innocence in Danger e. V., der weltweiten Bewegung gegen sexuellen Missbrauch bei Kindern. Das Problem nämlich ist: In den meisten Fällen ist es nicht ein Fremder, der sich an dem Kind vergeht – sondern ein Täter aus dem direkten Familienumfeld. Und trotzdem bleibt der Missbrauch oft lange Zeit unentdeckt.

Körperliche Verletzungen sind oft nicht sichtbar

Denn: "Gerade kleinere Kinder finden oft noch keine Worte dafür, was ihnen passiert ist", sagt Sozialpädagogin Eva Quiering vom N.I.N.A. e. V., der Nationalen Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexueller Gewalt an Mädchen und Jungen. Und: Generell sei es schwierig, Anzeichen für sexuellen Missbrauch zu erkennen – sichtbare körperliche Verletzungen im Genital- oder Analbereich seien selten. Daher gilt es, besonders wachsam bei psychischen Anzeichen zu sein.

Zu den alarmierenden Signalen zählen laut Quiering "extreme, plötzliche Veränderungen sowie sexualisiertes Verhalten: Wenn das Kind über Dinge Bescheid weiß, die Erwachsene beim Sex machen oder sie beim Spielen nachstellt." Auffällig seien zudem ein starker Rückzug, häufige Konflikte mit anderen Kindern, Konzentrationsschwäche, Schlaf- und Essstörungen, psychosomatische Kopf- und Bauchschmerzen. Quiering: "Natürlich kann es auch viele andere Gründe für all das geben. Wichtig ist jedoch, sexuellen Missbrauch überhaupt als eine mögliche Ursache in Betracht zu ziehen und aufmerksam zu sein."

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Kinder so früh wie möglich aufklären

Wie aber stärken wir unsere Kleinen, damit es gar nicht erst zum Schlimmsten kommt? Gut ist, wenn Kinder von Beginn an positive Körpererfahrungen (z. B. Babymassage, PEKiP-Kurse etc.) machen – und ihren eigenen Körper kennenlernen, ihn entdecken können, ohne dass etwas tabuisiert wird. Julia von Weiler rät dazu, Kinder frühzeitig aufzuklären und "alle Körperteile selbstverständlich zu benennen". Wesentlich sei auch, den Kids früh zu vermitteln, dass sie sich abgrenzen dürfen – selbst den Eltern oder Geschwistern gegenüber. Auch Eva Quiering empfiehlt, die Selbstbestimmung des Kindes zu fördern. "Sie müssen nicht ungefragt gehorchen, dürfen ihre Meinung sagen, ihre Bedürfnisse äußern." Zudem sollte das Kind selbst über seinen Körper bestimmen dürfen: "Dazu gehört auch, Küsschen abzulehnen und mitzuentscheiden, wann es fotografiert wird."

Kinder sollten auch lernen, "gute von schlechten Geheimnissen zu unterscheiden" – und die schlechten Vertrauenspersonen mitzuteilen. Ab dem Grundschulalter ist es sinnvoll, mit Kindern (in kindgerechter Sprache) über sexuellen Missbrauch zu reden. Wichtig: Wenn ihr einen Verdacht habt, bitte keinen Druck ausüben, lieber sanft fragen, z. B.: "Gibt es etwas, das du mir nicht erzählen sollst und was dich bedrückt? Du kannst es mir sagen." Noch wichtiger: Seht nicht weg. Holt euch Hilfe!

Jedes Kind, das missbraucht wird, ist ein Kind zu viel!

Wird ein Täter oder eine Täterin dingfest gemacht, ist es Aufgabe der Gerichte, die Fälle zu verhandeln. Immer mehr steht die Frage im Raum, wie wir der wachsenden Zahl von sexueller Gewalt an Kindern dauerhaft begegnen können. Neben präventiven Maßnahmen ist das Aufdecken solcher Fälle die wichtigste Möglichkeit, um Opfern zu helfen.

Sexueller Missbrauch: Hier gibt es Hilfe für Eltern und Kinder

Kostenlose und anonyme Beratung am Hilfetelefon Sexueller Missbrauch: 0800/2255530

Regionale Anlaufstellen: hilfeportal-missbrauch.de

Online-Beratungsangebot für Kinder und Jugendliche: save-me-online.de

Kindgerechte Infos der bundesweiten Initiative zur Prävention des sexuellen Kindesmissbrauchs: trau-dich.de

Autorin: Antonia Müller

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