Selbstbewusstsein stärken

Wie eure Kinder lernen, sich selbst zu lieben

Selbstliebe. Bisher kennen wir dieses Wort eher im Zusammenhang mit Erwachsenen. Doch der Grundstein für dieses wichtige Gefühl wird in der Kindheit gelegt. Warum es so entscheidend ist und wie wir es fördern.

Unsere Experten

Ralph Schliewenz
ist Diplom-Psychologe, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut in Soest, außerdem im Berufsverband Deutsche Psychologinnen und Psychologen aktiv.

Gisela Dreyer
ist Diplom-Sozialpädagogin und Diplom-Psychologin. Die Therapeutin hat eine eigene Praxis in Bonn.

Für einige von uns ist es selbstverständlich, anderen fällt es gar nicht so leicht: sich selbst zu lieben. Wir wollen ja auch nicht als egoistisch oder egozentrisch gelten. Doch Selbstliebe ist ein Gefühl, das uns als Menschen ausmachen und unsere Basis sein sollte, denn es gibt Sicherheit, Vertrauen und vor allem eins: die Fähigkeit, auch andere Menschen lieben zu können. Wenn Kinder früh ein gutes Verhältnis zu sich selbst entwickeln, fühlen sie sich grundsätzlich sicher und aufgehoben im Leben. Durch dieses sichere Gefühl trauen sie sich mehr zu und gehen offen an neue Situationen, Umstände und Menschen heran. Das Leben ist so einfach leichter. Der Kinder- und Jugendpsychologe Ralph Schliewenz sagt dazu: "Was ich als Kind nicht erleben durfte, fällt mir als Erwachsener schwer zu lernen. Von gesunden Automatismen aus der Kindheit profitiere ich noch lange Zeit – auch als erwachsene Person." Schliewenz geht sogar noch weiter: "Wer sich selbst nicht lieb haben kann, wird sich auch seltener lieb haben lassen und dafür häufiger mobben lassen."

Das beste Rezept: bedingunsglose Liebe

Wie entwickeln unsere Kinder aber ein gutes Verhältnis zu sich selbst? Erster Schritt: Wir als Eltern sollten ihnen das tagtäglich vorleben. Doch das ist nicht immer einfach: Oft fühlen wir uns nicht wohl in unserer Haut, klagen über jedes Pfund zu viel oder denken, wir seien schlechte Eltern. Häufig plagen uns Selbstzweifel statt dass wir uns selbst akzeptieren. Ein Stück weit sind solche Zweifel völlig normal und in Ordnung. Auch wer nicht immer mit sich selbst im Reinen ist, kann ein gutes Vorbild sein. Vielleicht lebt unser Partner stärker ein gesundes Verhältnis zu sich selbst vor. Gemeinsam können wir als Eltern unsere Kinder darin unterstützen, ein positives Gefühl für sich selbst zu entwickeln.

Der zweite und fast noch wichtigere Punkt, wie wir unseren Kindern Selbstvertrauen mitgeben, ist eigentlich ganz einfach: indem wir sie lieben. Ralph Schliewenz: "Wenn Liebe etwas Unbedingtes, also nicht an Bedingungen Geknüpftes ist, dann ist genau dies das Gefühl, das wir als Eltern vermitteln sollten: "Ich liebe dich, weil du da bist, weil es dich gibt! Das heißt allerdings nicht, dass ich alles lieben muss, was du tust. Aber egal was du tust, ich liebe dich dennoch!". Wir dürfen unseren Kindern also sagen, dass es nicht in Ordnung ist, wenn sie beispielsweise jemanden ärgern oder ihm wehtun. Und dennoch lieben wir sie. Was wir aber unbedingt vermeiden sollten, sind Sätze wie: "Wenn du jetzt nicht brav bist, habe ich dich nicht mehr lieb." 

Selbstliebe hat auch viel mit Selbstfürsorge zu tun. Nur wenn wir uns um uns selbst kümmern, unsere eigenen Bedürfnisse deutlich spüren und (wenn möglich) entsprechend handeln, ohne dabei übermäßig egoistisch zu sein, bleiben wir langfristig seelisch gesund. Das bedeutet, dass wir unsere Kinder möglichst früh dazu motivieren sollten, es nicht nur anderen recht machen zu wollen, sondern eine eigene Meinung zu haben und zu vertreten.

Buch-Tipp

Die Autorin Jessica Sanders will Kindern und Jugendlichen zeigen, wie schön jeder einzelne Körper ist und vor allem, was man Tolles mit ihm machen kann. Dabei kommt es weniger auf das Aussehen an als auf das Gefühl, denn das kommt von Herzen. Mit Illustrationen von Carol Rossetti. 

"Liebe deinen Körper: Die Anleitung zur Selbstliebe"* Für Kinder – vor allem Mädchen – zwischen acht und vierzehn Jahren, 24,90 Euro, Zuckersüss Verlag.

 

 

Stolpersteine: Magermodels und Superhelden

Kindern bringt es viel, wenn sie spüren, dass sie gemocht werden, wie sie sind, und dass es nicht auf äußere Faktoren ankommt, also beispielsweise darauf, wie hübsch, sportlich oder musikalisch jemand ist. "Wer sich wirklich selbst lieb hat, also ein real positives Bild von sich selbst besitzt, braucht kein Idol", so Schliewenz. "Ideal-Bilder von sich selbst, die unerreichbar oder vielleicht sogar schädlich sind, sollten vermieden werden", so der Experte weiter. "Sich unrealistische Ziele zu setzen, provoziert Misserfolg und damit ein vermindertes Selbstwertgefühl." Was die Selbstliebe in Zeiten von Facebook, Instagram und "Germany's Next Topmodel" so schwer macht: Magermodels und Superhelden, aber auch die beschönigte Darstellung vieler Privatpersonen in den sozialen Medien verschieben einen realistischen Blick auf die Welt und gaukeln eine Scheinwelt vor. Da Kinder noch sehr formbar sind, lassen sie sich leicht von äußeren Eindrücken beeinflussen und können diese nicht unbedingt richtig filtern. Das kann zum Beispiel der erste Schritt in eine Essstörung sein. Hier ist es umso wichtiger, dass wir unseren Kindern beiseitestehen und Eindrücke aus den Medien ins richtige Licht rücken. Und zwar immer wieder: mit Geschichten aus der eigenen Erfahrung, einem entsprechenden Buch oder einem verständnisvollen Gespräch.

Die Psychologin Gisela Dreyer sieht Stolpersteine auf dem Weg zur Selbstliebe unter anderem durch "Überforderung in der Schule, im sozialen Umfeld und in der Familie, wenn Kinder übersehen, missverstanden oder nicht ernst genommen werden. Streit zwischen den Eltern oder ernsthafte gesundheitliche Beschwerden nahestehender Personen können sorgenvolles Grübeln und Unsicherheit auch in der Selbstwahrnehmung auslösen", so die Psychologin. Das könne auch passieren, "wenn Kinder von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden, etwa aus finanziellen Gründen bei Schulausflügen nicht mitmachen können. Antipathie und Zurückweisung unter Mitschülern wirken oft besonders einschneidend. Mobbing erfolgt in den sozialen Medien heute noch wirkungsvoller. Oft ist es mit einem tiefen Scham- und Peinlichkeitsgefühl verbunden, was es Eltern und Lehrern erschwert, durch ein Gespräch Kontakt zum betroffenen Kind zu finden."

Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät

Die Zusammenhänge zu erkennen erfordert laut Gisela Dreyer eine genaue Aufarbeitung der Entstehungsursachen – besonders wenn "Störungen" auftreten. Eine altersgemäße Psychotherapie könne helfen, "durch Erkennen der Rahmenbedingungen Einfluss auf das emotionale und soziale Umfeld zu nehmen". Denn das Gute ist: "Solange der Mensch lebt, kann er sich ändern durch gezielte Fokussierung im Erleben, Fühlen, Handeln und Denken", erklärt Dreyer. Selbstakzeptanz und Selbstliebe entstehen der Psychologin zufolge vor allem durch eigene Kompetenz, die durch Erfahrung und angeleitetes Lernen entstehen könne. Das beginne schon mit der Freude des Erwachsenen über die ersten Zeichnungen oder den Bauklötzeturm des noch kleinen Kindes. Schliewenz ist ebenfalls der Ansicht, dass es nie zu spät ist, Selbstliebe zu entwickeln. Dazu brauche es nur ernsthafte, ehrliche und realistische Unterstützung von anderen.

Unsere Autorin

Irlana Nörtemann ist seit vielen Jahren mit Herzblut Redakteurin bei Junior Medien. Zu ihren Aufgaben zählt auch Contentmanagement.

Als Mutter eines Jungen lässt sie ihre Alltagserfahrungen in ihre Artikel mit einfließen. Die Schwerpunkte liegen dabei auf den Themen Reise und Gesundheit.

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