Vor allem in unruhigen Zeiten

Gestresste Kinder

Wir haben es vemutet – eine Studie belegt die Zunahme von Stress-Symptomen unter Kindern.

Nie zuvor war die Zeit schnelllebiger und reizerfüllter als heute. Babys und Kleinkinder sind völlig auf die Feinfühligkeit ihrer Eltern angewiesen: Wie vielen Reizen sie ausgesetzt werden oder wann sie in stressigen Situationen Hilfe beim Beruhigen erhalten. Elterliches Reagieren und Handeln ist von Anbeginn und weit darüber hinaus prägend.

Kommen Kinder in die Schule, erwartet sie ein straffes Lernprogramm. Vom Unterricht gehts für viele nahtlos ins Nachmittagsprogramm über. Klavierunterricht, Turnen oder Malkurs? Nicht jedes Kind ist für einen gefüllten Terminkalender gemacht. Manch eines hat mehr Verpflichtungen als der ein oder andere Erwachsene. Fühlt sich das Kind dabei wohl und zeigt keinerlei Auffälligkeiten, kann alles bleiben, wie es ist.

Doch sobald Kinder Stress-Symptome aufweisen und unter Druck leiden, ist es höchste Eisenbahn für Reizreduzierung und Stressbewältigung. Damit Kinder gesund aufwachsen, braucht es möglichst wenig Stress, Begleitung und eine Extraportion Verständnis. Der perfekte Mix? Kinder altersgerecht fördern, ohne sie zu überfordern. Wichtig: Jedes Kind ist individuell, reagiert anders. Die einen bewältigen Stresssituationen besser als die anderen. Doch das kann sich ändern. Bedürfnisse von Kindern sind stets im Wandel und sollten bei der individuellen Planung des Tagesablaufs immer wieder neu berücksichtigt werden. Im Idealfall dürfen Kinder diesen mitgestalten.

Viele Kinder fühlen sich schon in der Grundschulzeit gestresst

Stress beginnt in Deutschland also offenbar schon im Kinderzimmer: Fast jedes sechste Kind (18 Prozent) und jeder fünfte Jugendliche (19 Prozent) leidet unter deutlich hohem Stress. Die negativen Folgen bei Kindern und Jugendlichen sind enorm, gestresste Kinder entwickeln Depressionen und Versagensängste und haben ein erheblich erhöhtes Aggressionspotential. Wesentliche Ursache für diesen Stress ist der fehlende Freiraum für eine kindliche Selbstbestimmung, ausgelöst durch die hohen Erwartungen von Eltern an ihre Kinder. 

Das zeigt eine aktuelle Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung (1.100 befragte Kinder von sechs bis elf Jahre). Wie genau wird danach Stress wahrgenommen? Forscher bezeichnen es als "Ungleichgewicht zwischen wahrgenommenen Anforderungen und der subjektiven Fähigkeit, diese Anforderungen zu erfüllen". 

Übersetzt heißt das: Betroffene Kinder empfinden ihr Verhalten oft als wütend oder zornig. Kinder mit hohem Stress leiden außerdem unter Versagensängsten. Knapp die Hälfte der gestressten Kinder hat Angst seine Eltern zu enttäuschen, denn gestresste Kinder nehmen die an sie herangetragenen Erwartungen der Eltern viel intensiver wahr. Kinder leiden unter erhöhten Einschlafschwierigkeiten, Kopf- und Bauchschmerzen oder Müdigkeit. "Dies sind klassische Burn-out-Symptome, die für Eltern wichtige Warnsignale sind", veranschaulicht Studienleiter Profssor Holger Ziegler, Erziehungswissenschaftler der Universität Bielefeld. 

Laut Stress-Studie beeinflussen insbesondere zwei Faktoren das Stressempfinden der Kinder und Jugendlichen: Sie empfinden es als negativ, dass sie nicht selbst bestimmte Dinge entscheiden können – und sie haben zu viele Termine. 60,2 Prozent der gestressten Kinder geben an, nur manchmal oder nie nach ihrer Meinung gefragt zu werden und 85,6 Prozent der Kinder mit hohem Stress werden nicht in die eigene Freizeitplanung eingebunden.

Darüber hinaus berichten knapp 82 Prozent der Kinder mit hohem Stress von einer Belastung durch Aufgaben im Haushalt. "Es gibt Familien, in denen Kinder Behördengänge tätigen, die Erziehung der Geschwister übernehmen oder den gesamten Haushalt managen müssen. Das ist traurig, aber wahr. Daher ist es wichtig, den Kindern anderweitig Freiraum für eine gesunde kindliche Entwicklung zu geben", berichtet Forschungsleiter Ziegler. 

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Sensibilisierung der Eltern ist wichtig – viele wissen gar nicht, dass ihr Kind gestresst ist

Interessant ist, dass 87,3 Prozent der Eltern von gestressten Kindern nicht glauben, ihr Kind zu überfordern und ungefähr 50 Prozent gaben an, alles dafür zu tun, um ihr Kind zu fördern. "Eltern wollen immer das Beste für ihre Kinder. Wichtig ist, dass sie dabei ein Feingefühl dafür entwickeln, was Kinder wirklich brauchen und sie nicht überfordern. Ich erlebe die Eltern selbst enorm unter gesellschaftlichen Druck. Sie wollen allen Anforderungen gerecht werden. Dies übertragen sie dann auch auf ihre Kinder. Somit entsteht eine Stressspirale, die für Kinder fatale Folgen haben kann", so Katia Saalfrank, Schirmherrin der Bepanthen-Kinderförderung und Familienberaterin. 

Stress bleibt nicht ohne Folgen für die Betroffenen. "Unserer Gesellschaft bringt es nichts, wenn Kinder und Jugendliche unter Stress aufwachsen und so schon in jungen Jahren Burn-out-Symptome aufweisen, zornig und aggressiv sind, weil sie überfordert und mit ihrem Leben nicht zufrieden sind. Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung eine stressfreie Umgebung und vertrauensvolle Atmosphäre. Sie benötigen Begleitung und Unterstützung – kindgerecht und ihrem Alter entsprechend. Umso wichtiger ist es, über dieses Thema aufzuklären. Dies sehe ich in meiner Verantwortung als Schirmherrin der Bepanthen-Kinderförderung", verdeutlicht Katia Saalfrank.

Stress bei Kindern: Diese Entspannungstipps helfen

  1. Überprüft als Eltern eure eigenen Erwartungen: Oft sind diese zu hoch und lassen euch selbst in Stress geraten. Reduziert euren Stress und lasst euch in Bezug auf die Förderung eures Kindes nicht von anderen verunsichern. Dein Kind hat sein eigenes Tempo und braucht eure Bestärkung. Druck führt zu Gegendruck und erstickt so die natürliche Neugier und Lernlust der Kinder.
  2. Gestresste Eltern – gestresste Kinder: Stress von Eltern kann auf Kinder abfärben. Eltern sollten daher versuchen, nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder in Balance zu bleiben. Den eigenen Stress reduzieren – für Ausgleich sorgen. Denn entspannte Eltern können ihren Kindern besser zur Seite stehen und Vorbild sein.
  3. Qualitätszeit für Kinder schaffen: Seid als Mama oder Papa achtsam und sensibel mit euch selbst und euren eigenen Bedürfnissen. Nur dann könnt ihr auch ein Gespür dafür entwickeln, wie es euren Kindern geht. Denn diese brauchen die Freiräume, in der sie selbstbestimmt Dinge tun können, die ihnen Spaß machen.
  4. Mehr Autonomie für Kinder: Bezieht eure Kinder in eure Planungen und Vorstellungen mit ein und fragt sie offen, wie es euren Kindern mit den vielen Terminen und außerschulischen Aktivitäten geht – plant dann gegebenenfalls gemeinsam um. Wichtig: Oft ist es nicht die Anzahl der Termine die Kindern Stress macht, sondern das Gefühl, sich nicht selbst für die Termine entschieden zu haben. Und doch: Kinder werden unter Umständen nicht sagen, dass ihnen manche Hobbys oder Veranstaltungen zu viel sind.
  5. Schafft eine vertrauensvolle Atmosphäre: Kinder brauchen eine liebevolle, stabile Beziehung. Achtet auf Signale der Kinder und Anzeichen von Überforderung: Müdigkeit, Erschöpfung, schlechte Laune, Schlafschwierigkeiten oder aggressives Verhalten. Kinder brauchen eine vertrauensvolle Atmosphäre, sie benötigen Begleitung und Unterstützung, kindgerecht und ihrem Alter entsprechend.
  6. Ruhepausen ermöglichen: Eine Kuscheleinheit auf Mamas oder Papas Schoß, etwas trinken oder einfach nur aus dem Fenster gucken kann bereits helfen.
  7. Entspannungsrituale wie Massagen, Baden oder eine Geschichte erzählen.
  8. Rückzugsmöglichkeit für Kinder einrichten: Zeit zum Krafttanken einbauen, um Erlebtes zu verarbeiten.
  9. Sport reduziert Stress. Hormone durch Aktivsein ins Gleichgewicht bringen.
  10. Anti-Stress-Spielzeuge – optimal, um dosiert Dampf abzulassen.
  11. Wenn keine Besserung eintritt, ist es ratsam, professionelle Hilfe von einem Psychologen in Anspruch zu nehmen oder beispielsweise einen Elternkurs gegen Stress zu besuchen.

Autorin: Stephanie Albert

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