Umstrittene Erziehungsserie

"Train your baby like a dog": Schwierige Kinder dressieren wie Hunde?

Wieder mal versucht der TV-Sender RTL mit dem Thema Kindererziehung Quote zu machen. Wie früher schon mit der "Super Nanny", stehen "schwierige" Kinder im Fokus – diesmal soll im Frühabendprogramm die Kind-Hund-Methode angewandt werden: Eine Tiertrainerin berät verzweifelte Eltern und empfiehlt, Belohnung als Mittel der Wahl einzusetzen. Sitz, Platz, hol Stöckchen – kann das auch bei Kindern funktionieren?

Januar 2021: Klein-Mia zieht Grimassen, rüttelt an Zimmertüren, haut mit Spielzeug gegen Wände, oder auch ihre kleine Schwester. Die Vierjährige lebt ihr Ritual vehement aus: Jedes Mal, wenn sie Aufmerksamkeit von ihrer Mama einfordert, gibt's Geschrei, Zupacken oder Hauen – und eine Reaktion von ihrer Mutter. Die ermahnt zuerst, droht mit einer kleineren Strafe und nimmt dann ziemlich genervt oder böse die Auseinandersetzung mit Mia an. Meist endet sie im Zimmer des Mädchens, mit ein paar heftigen Worten und auch schon mal mit Tränen. Auf beiden Seiten.

Trotzdem wirkt Mia oft eher zufrieden. "Der Grund dürfte sein, dass sich die Mama ihr zugewandt hat – und das gefällt dem Kind, weil es Zuwendung will", erklärt Aurea Verebes das auffällige Verhalten des Kindes. Solche Fälle wie von Mia und ihrer Mutter bewertet sie in dem neuen Format als Hundetrainerin. In zwei Pilotfolgen von "Train your baby like a dog – die Hund-Kind-Methode" gibt Verebes den grundsätzlichen Rat, Kinder genauso zu behandeln wie einen Hund – mittels positiver Verstärkung.

Raus aus der Negativspirale

Mit ihrer tiergestützten Methode will Aurea Verebes, die selbst Mutter dreier Kinder ist, den Eltern helfen, einen Weg aus der "Negativ-Spirale" zu finden – "kein Fokussieren auf das Problem, weg von Bestrafung und harter Disziplin und hin zu dem bewussten Wahrnehmen der tiefen Bedürfnisse des Kindes und dem Markieren des positiven Verhaltens. Sie möchte den Eltern vermitteln, den Fokus auf das zu richten, was gut läuft und eben dieses Verhalten unterstützen", heißt es in der Presse-Ankündigung vom Privatsender RTL.

So hilft die Tiertrainerin in einer der Pilotfolgen in Chemnitz den Eltern der kleinen Pia, für die das allabendliche Zähneputzen und Zubettgehen mit der Zweijährigen seit Wochen zum immerwährenden Krampf geworden ist. Außerdem unterstützt die Hundetrainerin Familie H. in Berlin. Hier wütet die vierjährige Ayla regelrecht gegen ihre Mutter, ein harmonischer Alltag scheint nicht möglich zu sein.

Die Umsetzung der gesamten TV-Produktion wurde übrigens vom Münchner Kinderpsychologen Dr. Niko Hüllemann begleitet, er kommentiert in den Folgen die Methode – positiv. Die Pilotfolgen hat der Sender dem Jugendamt in Köln vorgelegt und auf Seriosität prüfen lassen.

Petition gegen die Ausstrahlung

Doch bei vielen Eltern kommt die Sendung allerdings gar nicht gut an: Der zuständigen Niedersächsischen Landesmedienanstalt liegen mehr als 100 Beschwerden vor. Der Vorwurf lautet: Das TV-Format verstoße gegen die Menschenwürde von Kindern, weil die propagierte Kindererziehung auf Erkenntnisse der Konditionierung von Hunden setze. Auch die durch das umstrittene Format "Super Nanny" vor Jahren bekannt gewordene Familientherapeutin Katharina Saalfrank kritisiert vehement die Grundrichtung der geplanten Serie. Mit einer Petition im Internet soll die Ausstrahlung verhindert werden; über 36.000 Menschen haben sie innerhalb von zwei Wochen online unterzeichnet.

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Positive Verstärkung ist ein anerkanntes Modell

Doch ist die Erziehungsidee einer "positiven Verstärkung" so abwegig in der Kleinkind-Erziehung? Ist das wirklich eine Art "Dressur"? Positive Verstärkung beschreibt generell erstmal ein Konzept der Pädagogik, bei dem statt Strafen das Loben im Vordergrund steht. Die eher klassische, also autoritäre, Erziehung setzt bei Fehlverhalten eines Kindes mehr auf Hausarrest, Spielverbote oder Ähnliches.

"Im Gegensatz dient ein positiv ausgerichtetes Belohnungssystem dazu, den Reiz des angemessenen Verhaltens bei Kindern zu erhöhen", beschreibt die weltberühmte Kinderpsychologin Adele Faber in ihrem Bestseller "So sag ich es meinem Kind". Das erfordere eine hohe Kommunikationsfähigkeit der Eltern. Sie müssen die Gefühle ihrer Kinder verstehen und situationsgerecht reagieren. Sie sollten – nach herrschender Meinung in der modernen Pädagogik – Kinder so loben, dass es diese unterstützt und nicht hemmt. Eltern müssen gemeinsam mit ihren Kindern Lösungen finden, die Kinder in Konflikten zur Kooperation motivieren und auf die besonderen Bedürfnisse von Kindern eingehen.

Tierdressur also anwendbar?

Ist also die Übertragung der Methode von Hunden auf Kinder gar nicht so dramatisch? Auch wenn sich der Begriff der Konditionierung bezogen auf Kinder etwas seltsam anhören mag, und eher bei Tieren üblich ist, so ist es doch schlussendlich genau das, was durch positive Verstärkung erreicht wird: Ein Kind lernt, dass ein bestimmtes Verhalten belohnt wird. Die Konditionierung funktioniert also dann, wenn der Anreiz groß genug ist, so und nicht anders zu handeln. Laut Definition muss sich durch einen positiven Verstärker die Wahrscheinlichkeit des zukünftigen Auftretens des Verhaltens erhöhen. Beim Hund ist es das Leckerli, bei Kleinkindern etwas Schönes, was das Kind sehr mag. In dem Pilotfilm von RTL schreibt zum Beispiel Ayla auf kleine Zettel, was sie sich wünscht, wenn sie etwas so gemacht, wie es sich die Mama vorher gewünscht hat. Und sie wird belohnt mit dem Hoppe-Hoppe-Reiter-Spiel auf den Knien der Mutter. Diese Nähe und Zuwendung ist das, was das Mädchen möchte.  

Gute Gefühle sind wesentlich

Nun kann es nicht das Ziel von Erziehung bei Kindern sein, dass Kinder in einer bestimmten Situation nur so handeln, weil sie sich etwas davon versprechen. Vielmehr sollen Kinder dazu animiert werden, selbst ein Gespür für das korrekte Verhalten zu entwickeln. Das gute Gefühl danach ist dabei wesentlich für die positive Verstärkung. Die Art der jeweils gesetzten Anreize kann sich allerdings deutlich voneinander unterscheiden.

Und es gibt sehr viele unterschiedliche Situationen, in denen Eltern ihre Kinder mit Lob regelrecht überschütten. Damit der Effekt der positiven Verstärkung allerdings sinnvoll ist, sollten Kinder nicht bei jeder Kleinigkeit eine Belohnung erwarten. Es sollte selbstverständlich sein, den Tisch abzuräumen oder das Spielzeug wegzupacken. Nicht zwangsläufig bedeutet dies jedoch, dass dann kein Lob erfolgt.

Kritik an TV-Serie ist berechtigt

Das Konzept der positiven Verstärkung (in Zusammenhang mit gewaltfreier Kommunikation) eignet sich also sehr wohl für die Kindererziehung. Allerdings wird in den gezeigten Folgen bei RTL immer wieder auch ein Hund mit der Trainerin in den Familien gezeigt und die Ähnlichkeit mit der Tier-Erziehung betont. Der vermeintliche Anlass zur Aufregung wird genutzt, um auch negative Emotionalität bei Zuschauern zu erwirken.

Der Reiz zum Zoff überlagert alles. Nicht die (seriöse) Betrachtung der Parallelen der Methode bei Tier und Kind steht im Mittelpunkt. Und die eingeblendeten Statements des Kinderpsychologen haben eine Feigenblatt-Funktion.

Am schlimmsten aber ist, dass der Fernsehsender die Not und Verzweiflung der betroffenen Eltern ausnutzt und sie so animiert, sich zu offenbaren. Und dann wird alles in ein inhaltliches Korsett presst, um die schlagenzeilenträchtige Reaktion und damit Quote zu erreichen.

Zoff sollte für hohe Quote sorgen

Aufregerthemen bringen Aufmerksamkeit und damit hohe Einschaltquoten. Dieser Plan ist bei "Train your baby like a dog – die Hund-Kind-Methode" allerdings nicht aufgegangen. "Das Format wird nicht als regelmäßige Sendung von RTL eingeplant", so der Pressesprecher Claus Richter. "Die vielfältige Ablehnung bei Zuschauern und mittelmäßige Quote hat dazu geführt." Es wird also vorerst keine weiteren Sendetermine geben. 

TV-Stream: "Train your baby like a dog – die Hund-Kind-Methode"

Bei TVnow.de könnt ihr euch die erste Folge vom 3. Januar 2021 derzeit online anschauen. 

Autor: Christian Personn

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