Kurzer Flashback

Wann bist du eigentlich so groß geworden?

Unsere Autorin ist wehmütig: Dasselbe kleine Menschenwesen, das gerade noch weinend auf dem Wickeltisch lag, steht heute mit Zahnlücke vor ihr und tönt, dass es "zocken" will. Warum geht das alles nur so schnell?

Gestern hatte ich ein Baby auf dem Arm. Ein winzig kleines, gerade einmal 12 Tage altes, rundum unschuldiges Baby. Es hat friedlich geschlafen, sein ganzer kleiner Körper war wohlig warm und seine Kopfhaut hat geduftet nach Vanille und Plätzchen und nach Dopamin und bedingungsloser Liebe. Und obwohl es gar nicht mein eigenes Baby war, das da so wunderbar roch, wollte ich es unbedingt behalten. Ich wollte den Rest des Tages, nein, den Rest meines Lebens einfach nur an ihm riechen und ihm beim Schlafen zuschauen.

Gestern noch Baby, heute schon Zweitklässler

Mein Sohn wird bald acht Jahre alt. Damit ist er zum Glück noch ein paar Jahre von übelriechenden, pubertären Schweißausbrüchen entfernt. Aber eins steht fest: Nach Baby duftet er schon lange nicht mehr. Und seitdem ich gestern den kleinen, kompakten Säuglingskörper widerwillig zurück in die Arme der Mutter gereicht habe, stelle ich mir ununterbrochen all diese Fragen: Wann ist das eigentlich passiert? Wann wurde aus meinem unschuldig schlafenden, 12 Tage alten Baby ein Zweitklässler mit Zahnlücke und eigenem Spotify-Zugang? Wie schnell bitte sind aus den 52 Zentimetern, die mein Sohn bei der Geburt lang war, 141 geworden und seit wann genau will er eigentlich lieber "nachm Fußball noch zu Alex" als zu Mama auf den Arm?

Es kommt mir wie gestern vor, dass ich ihm die erste winzig kleine (und trotzdem immer noch viel zu große) Windel über seinen roten, zerknautschten Körper gezogen habe. Ich sehe ihn vor mir, wie er rücklings auf dem Sofa liegt, die kurzen Beinchen im grauen Frottee-Strampler in die Luft gestreckt, und es mit aller Anstrengung schafft, sich endlich allein auf den Bauch zu drehen. Und natürlich erinnere mich genau an den überwältigenden Moment, als aus seinem süßen, brabbelnden Mund das allererste Mal ganz eindeutig die Silben Ma-Ma tönten.

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Erweiterung des Wortschatzes

Das Ma-Ma höre ich auch heute noch regelmäßig. Und dazu viele andere Silben. "Krass, Alter, Mama wurde geboostert!", erzählt er gerade seiner fünfjährigen Schwester. Und während ich mich noch frage, was die Anrede "Alter" vor dem wunderbaren Wort "Mama" zu suchen hat und welche sprachlich versierteren Synonyme ich meinem Sohn für den Ausruf "krass" beibringen sollte, erklärt der seiner kleinen Schwester bereits eine andere Vokabel: "Weißt du, Mina, 'boostern' hat zwei o, aber die werden wie ein u gesprochen. Das ist nämlich Englisch. Soll ich dir beibringen, wie man das schreibt? Du willst doch schreiben lernen, oder?" Die Fünfjährige, die so gern schon ein Schulkind wäre, kann ihr Glück kaum fassen, als der große Bruder zu Stift und Papier greift und geduldig mit ihr Buchstabe für Buchstabe durchgeht.

Wie fantastisch ist das?!

Und auf einmal weicht meine Sehnsucht nach den babybedingten Dopamin-Schüben einer anderen wunderbaren Emotion: ICH BIN SO UNFASSBAR STOLZ! Was haben wir nur für einen cleveren, aufgeweckten, interessierten und hilfsbereiten Menschen erschaffen? Und wie fantastisch ist es, dass er immer weiterwächst und größer und cleverer wird, sein Umfeld entdeckt, nicht nur in der Schule und auf dem Fußballplatz und bei seinem Kumpel Alex zu Hause, sondern jeden Tag ein kleines Stückchen mehr von der Welt? Am liebsten möchte ich ihn jetzt sofort ganz fest in den Arm nehmen und den Rest des Tages an mich drücken, damit er meine endlose Begeisterung für ihn irgendwie spüren kann. Das geht natürlich nicht, ich würde nur stören, er spielt ja gerade Lehrer ... oder vielleicht doch? Nur ganz kurz?

Kurzer, großer Glücksmoment

Ich husche von hinten an meinen Sohn heran und schlinge blitzschnell meine Arme um ihn. Und in derselben Sekunde kassiere ich die lautstarke Quittung: "OAAAR MAMA, NICHT JETZT! Maaaan, ey, jetzt muss ich das O nochmal machen und DU bist schuld!"

Okay, das war ein kurzer Moment des Glücks. Aber lang genug, um meine Nase einmal ganz tief in seine blonden Locken zu stecken. Und auch wenn es nicht mehr der Vanille-Plätzchen-Dopamin-Duft der allerersten Babyzeit ist: Sie riechen auch heute noch einfach perfekt.

Profilbild

Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an. Erst kürzlich hat sie mit dem schon jetzt erfolgreichen Buch "101 Dinge, die in keinem Elternratgeber stehen" einen Mutmacher für alle Eltern geschrieben.

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