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Sexualkunde

Was unsere Kinder über Sex wissen wollen

Zugegeben, Aufklärungsgespräche mit den eigenen Söhnen und Töchtern gehören nicht zu den leichtesten Aufgaben von Eltern.

Auch, wenn es nicht einfach ist: Es ist wichtig, dass wir uns nicht davor drücken. Wir sollten jederzeit bereit sein, die Fragen unserer Kinder zu beantworten. Mathias Brüggemeier, Chefredakteur des Magazins "Schule", kann aus eigener Erfahrung berichten.

Es muss in der dritten Klasse gewesen sein, als der Sohn aus seinem Zimmer kam und maul­te: Mit seinem Freund könne man heute nichts anfangen, der sei ja gar nicht ansprechbar. Anstatt mit ihm zu spielen, sitze er nur auf dem Hochbett rum. Das Problem: Der Freund hatte sich das Aufklärungsbuch gegriffen, das bei uns immer unauffällig, aber greifbar in einem offenen Schrank im Flur lag. Und jetzt arbeitete er die Seiten hoch konzentriert durch.

Kinder wünschen sich Aufklärung

Da war wohl gerade ein Interessensfenster in dem jungen Kopf auf­gegangen. Noch ein paar Wochen zuvor hatte sich der Freund über das "peinliche Buch" lustig gemacht und es eher befremdlich gefunden, dass bei uns in der Familie über ­Sexualität ­gesprochen wurde. Jetzt aber war er augenscheinlich vor allem wegen des Buches zu uns gekommen. Das ist durchaus typisch: Viele Kinder be­ginnen sich in diesem Alter für mehr zu interessieren, als dass die Babys aus dem Bauch der Mutter kommen. Und oft kommt das Interesse für die Eltern überraschend.

Kaum etwas fällt Müttern und Vätern so schwer, wie mit ihren Kindern über Sex zu reden. Dabei kommt uns noch immer eine Schlüsselrolle zu: 59 Prozent der jungen Frauen sagen laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), dass ihre Mutter in Sachen Aufklärung die wichtigste Person war – sogar noch vor der besten Freundin. Auch jeder dritte junge Mann nennt auf diese Frage seine Mutter – und ebenso viele ihren Vater. Für Jungs sind allerdings Lehrer noch ein Stück ­wichtigere Ratgeber, was uns Eltern vielleicht zu denken geben sollte.

Wichtige Informationen

Diese Zahlen zeigen immerhin auch: Gespräche finden offenbar trotz des unangenehmen Themas statt – spätestens wenn die Pubertät da ist und der erste Sex in Denkweite kommt. Dann ist das allerdings auch absolut nötig, wenn man be­rück­sich­tigt, dass jedes dritte Mädchen und jeder vierte Junge zwischen 14 und 17 Jahren für sich selbst noch dringenden Informationsbedarf in Sachen Verhütung sehen. Und das sind nur jene, die sich ihres mangelnden Wissens bewusst sind. Den Pornos ­jedenfalls, aus ­denen sich die Hälfte der Jungs nach eigener Angabe "wichtige Informationen" holt, sollten wir diese Aufgabe wohl besser nicht überlassen.

Zumal unser Erziehungsauftrag mit ein paar Worten zu Pille, Kondom und Geschlechtsverkehr ja nicht erledigt ist. Dass ein Kind seine Gefühle und Grenzen ausdrücken darf und soll, dass es zu nichts gedrängt werden darf und selbstverständlich das Recht hat, Nein zu sagen – solche Themen sind schon im Kindergartenalter wichtig. Wenn die Schüler älter werden, bekommen die Gespräche darüber nur zusätzliche Nuancen, gerade in Sachen Sexualität. Auch hierzu eine Zahl: Erstaunliche 83 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren sind der Meinung, dass Themen wie die #MeToo-Debatte und die Gleichstellung von Männern und Frauen in der Schule behandelt werden sollten, wie das Ifo Institut ­herausgefunden hat.

Klar ist also: Unsere Kinder wollen reden. Und wir Eltern dürfen da nicht kneifen. So können wir ­beispielsweise auch Gespräche über sexuell übertragbare Krankheiten nicht einfach an die Schulen delegieren. Zwar sind Aids-Kranke in den Medien nicht mehr so präsent wie noch vor einem Jahrzehnt, weil die Krankheit heute durch Medikamente viele Jahre lang zurückgedrängt werden kann. Heilbar ist Aids jedoch immer noch nicht, und die ­Medikamente haben teils starke ­Nebenwirkungen. Und weil die Gefahr nicht mehr tödlich wirkt, haben Paare offenbar wieder sorgloser Sex – mit der Folge, dass auch Krankheiten wie Syphilis und Tripper Thema am Esstisch sein sollten.

Medizinische Themen und Schutz vor Ansteckungen

Medizinische Themen wie diese besprechen vor allem Mädchen auch mit ihrem Arzt. Der Gynäkologe ist nach der Mutter für 14- bis 17-jährige Mädchen der wichtigste allgemeine Ratgeber für sexuelle Themen. Jungs hingegen wenden sich selten an einen Mediziner.

Auch wenn die Kinder noch kleiner sind, sollten Eltern mit ihnen über ihre Gesundheit sprechen. Ob beispielsweise eine HPV-Impfung sinnvoll ist, entscheiden die Eltern mit ihren Kindern und in Rücksprache mit einem Arzt im Optimalfall, wenn die Kinder zwischen neun und 14 Jahre alt sind.

Wichtig: Seit Ende Juni 2018 empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die HPV-Impfung nicht nur für Mädchen, von 9 bis 14 Jahren, sondern auch für Jungen in diesem Alter. Versäumte Impfungen sollten so früh wie möglich, und noch vor dem 18. Geburtstag, nachgeholt werden. Alle gesetzlichen Krankenkassen übernehmen seit November 2018 die Kosten für die Impfung – und zwar für Mädchen und Jungen.

Die Wichtigkeit dieser Impfung bestätigt auch Norbert H. Brockmeyer, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, der unter anderem die Krankenkasse Knappschaft* und ihre Versicherten zu Fragen der sexuellen Gesundheit berät. Auf der Website der Knappschaft erklärt der Experte die Gefahr, die von den HP-Viren ausgeht: "HP-Viren sind extrem gefährlich, weil sie in der Lage sind, gesunde Zellen über viele Jahre schrittweise umzuprogrammieren, sodass sie sich zu bösartigen Tumorzellen entwickeln".

Diese Thematik zeigt, wie sinnvoll es ist, die körperliche Gesundheit schon früh anzusprechen. Vor allem auch, da die Kinder selbst sich schon in jungen Jahren mit ihrem Körper beschäf­tigen. Ohnehin sollten Gespräche über die Pubertät stattfinden, bevor diese beginnt, damit das Kind vorbereitet ist. Und das kann durchaus früh losgehen: Manche Mädchen bekommen schon im Alter von neun Jahren ihre Periode – wenn ein Kind vorher nicht aufgeklärt wurde, kann es sein, dass es eines Tages auf der Toilette sitzt und Angst hat, ernsthaft erkrankt zu sein.

Fakten zum Thema Aufklärung

  • 59 Prozent der Mädchen wurden vor allem von ihrer Mutter aufgeklärt.
  • 34 Prozent der Jungs ging es ebenso. Der gleiche Anteil nennt den Vater als wichtigste Bezugsperson.
  • 80 Prozent der Jungendlichen verdanken zudem der Schule einen großen Teil ihres Wissens über Sexualität.
  • Jedes vierte Mädchen und jeder vierte Junge zwischen 14 und 17 Jahren hat noch Informationsbedarf in Sachen Verhütung.
  • 75 Prozent der Eltern sprechen mit ihren Töchtern über Sex, aber nur 65 Prozent mit ihren Söhnen.
  • Die Hälfte der Mädchen empfand ihr erstes Mal als "etwas Schönes". Ein Viertel nennt es "etwas unangenehm".
  • Drei Viertel der Jungs fanden ihr erstes Mal schön. Jeder Sechste meint eher, es war "nichts Besonderes".
  • 50 Prozent der jungen Männer zwischen 14 und 25 Jahren sagen, dass Sexfilme ihnen wichtige Informationen zur Aufklärung geliefert hätten.

Aufklärung – bereits in der Grundschule – hat heute einen weitaus größeren Stellenwert für die Entwicklung, als noch vor 40 Jahren. In dem durch die gesellschaftlichen Umbrüche nach 1968 geprägten Umfeld wurde damals in den Familien wesentlich offener und unverkrampfter zum Beispiel über Sexualiät gesprochen. Heute geht es stattdessen - trotz starker Sexualisierung des Alltags beispielsweise durch die Werbung - viel prüder zu. Auch bei Jugendlichen.

Viele Fragen bleiben deshalb unkommentiert. Oft werden auch falsche sachliche Informationen weitergegeben - gerade im Internet. Das kann bei pubertierenden Jugendlichen schnell zu falschen Schlussfolgerungen und sogar Vorurteilen führen. Eltern und Lehrer sind dann gefragt - sie sind jedoch häufig auch überfordert, die jungen Menschen darin zu bestärken, ihre persönlichen Wege, Wünsche, Vorlieben und auch Grenzen zu erkennen und dafür einzustehen. Präventionsprogramme wie das Projekt "wICHtig" von der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung (ÄGGF) und der Krankenkasse Knappschaft können Jugendlichen eine gute Hilfestellung dabei bieten, eine selbstbestimmte Sexualität zu entwickeln. Auch Eltern finden darin gute Anhaltspunkte - vor Sexfragen ihrer Kinder müssen sie sich somit nicht mehr drücken.

* Die Knappschaft ist die einzige gesetzliche Krankenkasse, die den Schutz der Kranken- und Pflegeversicherung mit einer ganzheitlichen Versorgung kombiniert: In ihrem medizinischen Kompetenznetz arbeiten Ärzte, eigene Kliniken, Pflegekräfte, Gesundheits- und Versicherungsfachleute Hand in Hand. Mit individuellem Service auf hohem Leistungsniveau begleitet die Knappschaft ihre Versicherten so durch alle Lebensbereiche.

Autoren: Mathias Brüggemeier / Christian Personn

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