Kinder bestrafen in der Kritik

Konfliktlösung: Wenn nicht mit Strafen drohen, was dann?

Damit unsere Kinder parieren, setzen wir sie schnell mit Drohungen unter Druck. "Wenn-dann-Sätze", "Erpressung" und Bestrafung können den Kleinen jedoch erheblich schaden. Geht Konfliktlösung nicht auch anders?

"Wenn du jetzt nicht aufräumst, bekommst du heute kein Abendessen!" Entgegen aller guter Absichten ertappen wir uns dabei, dass wir unseren Kindern Strafen androhen, um sie zu Dingen zu bewegen, die uns als Eltern wichtig sind. Wer nicht hören will, muss eben fühlen. Dabei sind Bestrafungen, Drohungen und "Wenn-dann-Sätze" als Strategien zur Konfliktlösung nicht mehr zeitgemäß. 

Therapeuten und Pädagogen sehen in Bestrafungen verzweifelte Versuche, unsere Kinder zur Mitarbeit zu zwingen. Sie sind ein Ausdruck unserer Hilfslosigkeit. Da wir es häufig selbst als Kinder erlebt haben, gehören Drohungen und Strafen für uns zur Elternschaft dazu. Dabei sind Sanktionen wie "Wenn du so jammerst, fahren wir nicht in die Ferien," ebenso unverhältnismäßig wie unrealistisch. 

Was kurzfristig hilft, schadet langfristig

Der schnelle Erfolg gibt uns zunächst recht. "Wenn du jetzt nicht kommst, gehe ich ohne dich!" Mein Kind wird nicht zulassen, von seiner Mama verlassen zu werden und mir sofort tränenaufgelöst folgen. Dieses schreckliche Gefühl der Verlustangst will ich aber gar eigentlich gar nicht in ihm erzeugen. Was kurzfristig hilft, zeigt langfristig Schaden. Denn bestrafte Kinder erfahren Demütigung, Vertrauensverlust, Ablehnung und eine schlechte Beziehungsqualität in der Familie. 

Drohungen führen zu Angst und Vertrauensverlust

Eine Drohgebärde wie "Du weiß ganz genau, dass..." kann bei Kindern Gefühle wie "Schuld und Scham" auslösen. Der Effekt: Kinder lernen zu gehorchen, um nicht bestraft zu werden. Diese Motivation ist Pädagogin Katharina Saalfrank zufolge nicht die richtige. Die Beziehung eines häufig bestraften Kindes ist von Ängsten und nicht von Vertrauen geprägt. Um ihre Integrität wahren zu können, führt das dazu, dass Kindern zu oft angedrohte Konsequenzen häufig irgendwann egal werden. Auf dem Weg zu stärkeren Druckmitteln, ist es dann nicht mehr weit zur Gewaltandrohung. 

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Klar kommunizieren, was man will

Dabei wünschen sich Kinder authentische Eltern. Dem dänischen Erziehungsguru Jesper Juul zufolge, müssen Eltern klar sagen, was sie wollen oder nicht wollen und gezielte "Ich-Botschaften" senden. Wenn wir klar kommunizieren, was wir fühlen, was zu tun und was uns wichtig ist, ist die Aufforderung oft von Erfolg gekrönt. "Ich möchte jetzt wirklich los und will nicht ohne dich gehen!" wird besser funktionieren als die Drohung, das Kind alleine zurückzulassen. Kinder haben ein feines Gespür und reagieren lieber auf die ehrliche Tour. Dafür verdienen sie sich dann auch Lob. 

Statt Strafen: Verständnis, Gelassenheit und Zuwendung

Therapeutin Katharina Saalfrank, die als Supernanny bei RTL hartnäckige Familienkonflikte gelöst hat, stellt heute die Bindung zu den Eltern in den Fokus ihrer Arbeit. Um radikal sanfte Erziehung geht es auch in ihrem neuen Buch "Kindheit ohne Strafen". Dafür setzt sich Saalfrank ein: keine Bestrafung zuhause, keine Strafarbeiten in der Schule und auch keine "Wenn-dann-Sätze" zur Konfliktlösung. Ihr Rezept für den Erziehungsalltag: Endloses Verständnis und Gelassenheit der Eltern sowie liebevolle Zuwendung und ein wertschätzender Umgang. Kinder fordern durch Trotz bloß ihre Grundbedürfnisse wie Schutz, Anerkennung und Nähe ein.

Konstruktiv handeln: sanfter Umgang mit Gefühlen

Wenn das Kind nicht auf unsere Bitten regiert, wird der Ton immer schärfer. Von "bitte komm von der Fensterbank" bis zu "Wenn du nicht gleich von der Fensterbank runterkommst, gehen wir nicht zu Oma" ist es ein schmaler Grat. Saalfrank bezeichnet "Wenn-dann-Sätze" schlicht als "Nötigung". Hingegen machen konstruktive Handlungsalternativen wie wertschätzende Kommunikation und ein gegenseitig sanfter Umgang mit der Gefühlswelt für die Pädagogin Strafen überflüssig. Wenn eine Situation eskaliert ist, sollte man das Kind fragen: "Wie könnten wir es künftig besser machen, damit wir nicht in Streit geraten?"

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Auf Kooperation des Kindes vertrauen

Gerade bei Tisch kommt es zwischen Eltern und Kind schnell zur Eskalation. Dabei sind gerade Kleinkinder jetzt in der Experimentierphase. Die Kleinen lieben es etwa, mit dem Löffel auf den Teller einzuhämmern. Wer jetzt droht, vergiftet die familiäre Atmosphäre am Tisch, warnt Saalfrank. Besser ist, auf die Kooperation des Kindes zu vertrauen, ihm alternativ einen weniger lauten Gegenstand anzubieten oder mit ausgestreckter Hand das Kind aufzufordern, den Löffel hineinzulegen. 

Überreaktion durch Überkooperation

Trotzige Reaktionen resultieren der Pädagogin zufolge oft aus einer sogenannten "Überkooperation". Wenn zu oft fremdbestimmte Kids zu oft gehorcht haben. Stets den Wünschen der Eltern zu folgen kann Kinder überfordern und zu extremen Erwartungsdruck führen. Wird das Spielzeug immer wieder absichtlich zu Boden gedonnert, sollten wir Eltern das nicht persönlich nehmen. Die Kleinen sind nicht darauf aus, uns zu ärgern. Entwicklungs- und stressbedingt können sie manchmal einfach nicht aus ihrer Haut und reagieren über. In solchen Machtkämpfen sind Kids dann rational nicht erreichbar, wohlwissend, dass sie am kürzeren Hebel sitzen. 

Verständnis für die Situation zeigen

Um Toleranz, Selbstwertgefühl und Empathie bei Kindern zu steigern, rät Saalfrank, die kindliche Frustration auszuhalten und ihnen Verständnis in der Situation entgegenzubringen, ohne von der eigenen Position abzurücken. Mit einem Satz wie "Du ärgerst dich und bist ganz schön erschöpft!" können wir Eltern liebevoll zeigen, dass sich unser Kind emotional nicht alleine fühlen muss. Und wenn der Nachwuchs tobt? Dafür empfiehlt die Therapeutin: in der Situation bleiben und abwarten oder das Kind auf den Arm nehmen und die Situation verlassen. Eine Bestrafung würde der Pädagogin zufolge das überforderte Verhalten nur steigern. 

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Strafarbeiten erhöhen den Druck

Für Saalfrank auch keine gute Lösung: Strafarbeiten für Schulkinder bei unerledigten Hausaufgaben. Die Gründe, warum Schulaufgaben nicht erledigt werden, können ihrer Meinung nach mit Strafen nicht ergründet werden. Zudem könne die Motivation unserer Kinder nicht ständig bei 100 Prozent liegen. Strafarbeiten erhöhen nur den Druck und belasten die Lehrerbeziehung. Ideal, aber aus Zeitmangel selten praktiziert: wenn Lehrer und Schüler gemeinsam im Gespräch eine Lösung finden. 

Wertschätzung für ein konstruktives Miteinander

Es geht nicht darum, Kindern keine Grenzen mehr zu setzen. Die liebevolle Führung von Kindern will nach Saalfrank allerdings statt autoritär besser wertschätzend sein und andere Bedürfnisse berücksichtigen. Auch Pflichten werden von Kindern eher verstanden, wenn wie beim Tisch decken eine altersgerechte, partizipative Komponente im Spiel ist. Ein konstruktives Miteinander entsteht der Pädagogin nach dann, wenn wir Eltern den Fokus auf emotionale Wärme und enge Bindung zwischen uns und unserem Kind legen.

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Unsere Autorin

Antonia Müller

Schon als Schülerin hat Antonia Müller Bücher verschlungen, Theater gespielt, Geschichten geschrieben und Hörspiele vertont. Auf Germanistikstudium und Textschmiede folgten Redaktionsjobs für Internet, TV und Verlage.

Zwölf Jahre Kreation von erfolgreichen Ideen und Texten in der Werbung runden ihr Profil als Story Teller ab. Für Junior Medien schreibt sie heute Wissenswertes über Familie, Kind und Kegel. Was noch fehlt, ist ihre erste Romanveröffentlichung.

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