Jedes Kind in seinem Tempo

Wie viel Förderung brauchen Kinder?

Auch wenn viele von uns sich das vielleicht wünschen: Unser Nachwuchs entwickelt sich nicht schneller, wenn wir ihn mit Förderung überschütten. Ein neues Buch ist ein Plädoyer dafür, die Kinder sein zu lassen, wie sie sind, und sie entspannt beim Aufwachsen zu begleiten.

Eltern von heute wirken immer mehr wie Manager ihrer Kinder, die Entwicklungsschritte akribisch verfolgen, Termine organisieren und Leistungen abfragen. Da werden Dreijährige zur "Talentförderung" in die Musikschule geschickt und Babys zum Englischkurs. Dabei brauchen Kinder keine Talentförderung, um ihre Talente zu entfalten – und schon gar keinen Druck. Viel wichtiger ist es, dass sie ihre eigenen Erfahrungen machen und auf eigene Faust Lösungen suchen. Wer immer nur fertige Lösungen vorgesetzt bekommt, lernt nicht, wie man Probleme selber löst.

Das mit den eigenen Erfahrungen beginnt bereits im Babyalter: Für die Entwicklung ihres Gehirns brauchen Babys nämlich möglichst vielfältige Anregungen. Nicht in Form von Förderkursen, sondern insofern, dass sie an unserem Alltag teilnehmen. Babys und Kleinkinder lernen durchs Nachahmen und durchs Beobachten. Ein Baby auf einer Decke auf einer Wiese nackig strampeln zu lassen und mit den Fingern Grashalme herausrupfen zu lassen, hilft der Entwicklung mehr als jeder Baby-Englisch-Kurs.

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Druck bremst die Entwicklung

Können wir diese Entwicklung durch Förderung nicht beschleunigen? Nein. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht – man beschädigt dabei höchstens die Wurzel. Ein bisschen so ist es auch beim Nachwuchs. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Egal ob beim Laufenlernen, Trockenwerden oder Sprechenlernen. Druck ist kontraproduktiv. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, die Autonomie der Kinder zu fördern und ihnen die Zeit zu geben, die sie benötigen.

Womit wir unsere Kinder am meisten unterstützen können: Indem wir ihnen möglichst viel Zeit fürs freie Spielen geben. Für das freie Spielen benötigen Kinder Ruhe, Zeit und auch eine gewissen Leere. Wenn Eltern sie ständig mit Angeboten und gut gemeinten Vorschlägen überfrachten, nehmen wir ihnen die Möglichkeit, in den Flow zu finden. Im freien Spiel lernen Kinder auch, ihre eigenen Grenzen auszutesten. Wir sollten eines nie vergessen: Kinder bringen eine angeborene Neugier mit, auf das Leben, auf die Umwelt, auf neues Wissen.

Wie können wir Eltern unsere Kinder fördern und unterstützen?

  1. Sitzen lernen: Erst, wenn die Wirbelsäule kräftig genug ist und im Gehirn bestimmte Entwicklungsschritte abgeschlossen sind, kann ein Baby alleine sitzen. Es zu früh immer wieder hinzusetzen, schadet der Wirbelsäule. Was stattdessen hilft: Das Baby so viel wie möglich strampeln zu lassen, das kräftigt die Muskeln.
  2. Laufen lernen: Die ersten Schritte gehen Kinder im Schnitt zwischen zehn und 20 Monaten – eine enorme Spannweite! Gezielte Motorikübungen bringen normal entwickelten Kindern nichts. Statt das Kind an den Händen laufen lernen zu lassen, hilft es, ihm so viel Raum wie möglich zu geben, die eigene Motorik zu üben und den Körper zu erfahren.
  3. Sprechen lernen: Das Tempo, in dem Kinder sprechen lernen, ist ebenfalls ganz individuell. Druck bewirkt auch hier nichts. Eltern können Kinder bei der Sprachentwicklung unterstützen, indem sie von Anfang an viel mit ihnen sprechen, Bücher anschauen, singen und den Nachwuchs mit anderen Kindern spielen lassen.
  4. Trocken werden: Druck und Töpfchentraining zögern das Trockenwerden hinaus. Jedes Kind hat einen eigenen Zeitpunkt, zu dem es in der Lage ist, die Ausscheidungen zu kontrollieren. Genaues Beobachten hilft, diesen Zeitpunkt zu erkennen. Die ersten Töpfchenbesuche sollten sanft und sowieso ohne Druck und Strafen ablaufen.

Unser Buchtipp zum Weiterlesen

"Das Kind wächst nicht schneller, wenn man daran zieht – Erziehung einfach unperfekt: Wie du deine Kinder entspannt beim Großwerden begleitest", von Nathalie Klüver, Trias Verlag, 14,99 Euro, über Amazon.de*

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Autorin: Nathalie Klüver

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