World Press Photo 2022

Dieses Foto würdigt 215 Kinder, die an Misshandlungen starben

Ein dunkles Kapitel der kanadischen Geschichte: Jahrelang wurden indigene Kinder ihren Familien entrissen, auf Internate gesteckt, misshandelt ... 2021 wurden die Leichen von 215 solcher Kinder auf einem ehemaligen Schulgelände gefunden. Die zutiefst traurige Geschichte hinter diesem Bild, das dafür nun den internationalen World Press Photo Award erhält.

64.823 eingereichte Bildern von über 4.000 Fotograf:innen. Die World Press Photo Foundation kürt in jedem Jahr die besten Pressebilder. Dieses Jahr gewinnt ein Foto, das aufrüttelt – und Betrachter:innen fassungslos zurücklässt. 

Die Kanadierin Amber Bracken fotografierte für die New York Times rote Sommerkleider. Drapiert an Kreuzen. Kleider von jungen Mädchen. Kinder, die zu einer Schule gingen, weil sie dazu gezwungen wurden. Weit weit weg von ihren Eltern. Entrissen. Misshandelt. Verstorben. 

Diese Schule war das katholische Internat "Kamloops Indian Residential School" im Westen Kanadas, das noch bis 1969 als eine Art Umerziehungscamp für Kinder indigener Familien diente. Es war mit 500 Schülern das größte seiner Art. Im letzten Jahr, 2021, wurden bei Boden-Untersuchungen des stillgelegten Internatgeländes 215 Kinderleichen gefunden. Ein zufälliger Schreckensfund, der nicht nur die kanadische Gesellschaft zutiefst erschütterte: Die Kinder waren zum Teil unter drei Jahren. Sie litten an übler Unterernährung, unbehandelten Krankheiten und wiesen Spuren von Misshandlungen auf, die letztendlich zu diesen fürchterlichen Todesfällen führten – und das alles, weil ihre kulturelle Herkunft nicht in das Weltbild des weißen Kolonialismus passte. Die weißen Herrscher wollten die Urbevölkerung Nordamerikas systematisch unterordnen, in Reservaten absondern und ihrer eigenen (vermeintlich besseren) Kultur angleichen. Vor Gewalt schreckten sie dabei nicht zurück.

Unvorstellbar: Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1996 (!!!) durchliefen in Kanada ca. 150.000 indigene Kinder Schulen wie diese. Quellen gehen von insgesamt über 4.000 toten Kindern aus.

Die Kleider auf dem Foto sind zwar keine tatsächlichen Fundstücke, stehen aber symbolisch für die ausgelöschten Kinderseelen – und sollen sie über ihren Tod hinaus würdigen und an sie erinnern. 

Die drückende Stille und der Schrecken der Kolonisation seien förmlich zu spüren, heißt es bei der Fach-Jury des Foto-Wettbewerbs. "Es ist die Art Bild, die sich ins Gedächtnis brennt", so Jury-Sprecherin Rena Effendi. 

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