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Zum Vorlesen und Nacherzählen

Lea, Jan und der Lenkdrachen

Wunderschön sah der Lenkdrachen aus, wie Mama ihn da hoch über ihren Kopf in den Wind hielt – leuchtend in allen Regenbogenfarben. Der Drachen zitterte leicht in der Brise, die über den Strand wehte, fast wie ein lebendiges Wesen, das nur darauf wartete, sich in den Wind zu stürzen und hoch hinauf in den blauen Herbsthimmel aufzusteigen. „Jetzt! Lass los!“, rief Lea. Mama ließ den Drachen los, der Wind packte zu, Lea zog an den beiden Leinen – und rums! – landete der Lenkdrachen wieder auf dem breiten Strand von St. Peter-Ording an der Nordsee und bohrte seine Nase in den Sand. „Och nö“, rief Lea enttäuscht. „Macht nix, nochmal!“, rief Mama. Wieder hielt sie den Drachen hoch, der Wind zerrte gierig an ihm, dass es nur so knatterte. „Jetzt!“, rief Lea noch einmal, Mama ließ los, und rums! – wieder fiel der Drachen herunter. Wieder und wieder probierten die beiden, dem Drachen das Fliegen beizubringen, und wieder und wieder stürzte er ab. Bald hatte Lea keine Lust mehr.

Sie hatte den Lenkdrachen zum Geburtstag bekommen, von ihrem Papa, der aber nicht mehr zu Hause wohnte.

An jedem Wochenende holte Papa sie ab, und sie durfte bei ihm in seiner neuen Wohnung übernachten. Und an ihrem Geburtstag hatte er sie mit dem bunten Drachen überrascht. „Den lassen wir beide  steigen, wenn wir mal wieder an der Nordsee sind“, hatte Papa gesagt. Aber als Lea sich von ihm gewünscht hatte, dass er in den Herbstferien mit ihr nach St. Peter-Ording fuhr, wo sie früher, als sie noch eine Familie gewesen waren, immer gemeinsam den Urlaub verbracht hatten, da hatte Papa keine Zeit gehabt. Und so war eben Mama mit Lea nach St. Peter-Ording gefahren.

Auch Mama hatte jetzt keine Lust mehr auf Drachen steigen lassen und setzte sich in den Strandkorb, um ein Buch zu lesen.
Lea ging zum Meeresufer, setzte sich in den Sand und schaute aufs Meer hinaus. Die Wellen rauschten, Möwen zogen über den Himmel und kreischten ihr wildes Lied, der Wind blies Lea ins Gesicht und brachte den frischen Duft des Meeres mit sich. Schön war es hier – aber früher war es schöner gewesen, als Papa noch dabei gewesen war … Nach einer Weile stand Lea auf und schlenderte  langsam zum Strandkorb zurück.

Mama war eingeschlafen, und ihr Buch war in den Sand gefallen.
Lea hob es auf und legte es in den Strandkorb. Mama sah irgendwie traurig aus, wie sie so da lag und schlief, und Lena dachte: „Mama vermisst Papa bestimmt auch …“

Warum Mama und Papa sich getrennt hatten, das wusste Lea nicht.
Die beiden hatten sich gestritten, und dann war Papa ausgezogen, und jetzt war Lea mit Mama alleine hier am Nordseestrand. „Wie schön wäre es, wenn wenigstens ein anderes Kind hier wäre“, dachte Lea, vielleicht ihre Freundin Anne, dann könnten sie zusammen spielen und vielleicht würde es ihnen ja sogar gelingen, den Drachen steigen zu lassen … Aber Anne war nicht da, und plötzlich fand es Lea total uncool hier in St. Peter-Ording und wäre am liebsten wieder nach Hause gefahren.

Plötzlich hörte Lea ein leises Geräusch.
Der Drachen lehnte an der Seite des  Strandkorbs, eine sanfte Windböe raschelte in seinem bunten Segel, und es war, als ob er Lea sagen wollte: „Versuch’s doch nochmal, diesmal klappt es bestimmt!“ Lea nahm den Drachen und hob ihn auf. Wie sollte sie ihn jetzt ganz allein zum Fliegen bringen? Lea dachte kurz nach, dann legte sie den Drachen in den Sand. „Wenn ich jetzt einfach ganz schnell loslaufe und den Drachen hinter mir herziehe“, überlegte Lea, „dann müsste es doch klappen!“

Gesagt, getan. Lea lief los.
Sie lief so schnell sie konnte. Ihre Füße trippelten über den Boden so schnell wie Trommelstöcke, genau im selben Rhythmus wie ihr Lieblingssong „Happy“, den sie sich jeden Tag auf ihrem MP3-Player anhörte. Heute aber fand Lea, das Lied des Windes klang noch viel schöner als jeder Song aus dem Radio oder auf YouTube. Der Wind zerzauste Leas Haare, und für einen Moment fühlte sie sich wild und frei und all ihre Sorgen waren vergessen. Sie schaute sich um, ob sich der Drachen schon vom Boden erhoben hatte, aber der schleifte durch den Sand und wollte nicht fliegen … Rums! machte es da auf einmal, und Lea fiel hin und hielt sich den Kopf. Sie hatte nicht gesehen, dass ein Junge ihren Weg kreuzte, und der Junge hatte geträumt und sie auch nicht gesehen, und schon war es passiert und die beiden waren mit den Köpfen zusammengekracht.

„Kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst?“, pflaumte Lea den Jungen an. „Danke, ich finde es auch schön, dich kennenzulernen“, sagte der Junge und befühlte die Beule, die auf seiner Stirn wuchs. „Ich bin übrigens Jan, hier aus St. Peter-Ording. Und wer bist du?“ Zuerst starrte Lea Jan noch wütend an, aber dann musste sie lachen. Sie fand Jungs eigentlich doof, aber dieser hier schien in Ordnung zu sein. „Ich heiße Lea“, stellte sie sich vor. „Du willst also einen Lenkdrachen steigen lassen“, sagte Jan. „Soll ich dir zeigen, wie man das richtig macht?“

In der nächsten halben Stunde lernte Lea nun endlich, wie man einen Lenkdrachen in die Luft gehen lässt. Wie man sich beim Start mit dem Drachen gegen den Wind stellt, wie man kurz abwechselnd an den Leinen zieht, um den Drachen Loopings machen zu lassen, und wie man ihn wieder landen lässt. Als Lea den Drachen vorsichtig mit den Leinen aus dem Wind bewegte, sodass er  ganz sanft wieder im Sand landete, klatschte Jan in die Hände und rief: „Super gemacht, Lea!“, und Lea wusste: Sie hatte einen neuen Freund gefunden.

Ups, was war denn das?
Eine mächtige Windböe kam, schnappte sich den Drachen, und weg war, und so schnell Lea und Jan auch hinter ihm her rannten, sie konnten ihn nicht mehr einfangen.

Später spazierten die beiden am Meeresufer entlang, um vielleicht irgendwo den davongeflogenen Drachen zu finden.

Die Ebbe war gekommen, das Wasser hatte sich zurückgezogen und den Meeresboden, das Watt, freigegeben. Überall lagen Muscheln in allen Formen und Farben herum. Und Lea hob eine besonders hübsche Muschel auf. „Was liegt am Strand und spricht undeutlich?“, fragte Jan. „Keine Ahnung“, sagte Lea, „eine Muschel vielleicht?“ Jan lachte. „Nö“, sagte er dann, „eine Nuschel!“ Zuerst verstand Lea nicht, aber dann: Klar, jemand der undeutlich spricht, der nuschelt! „Ich weiß auch noch einen!“, sagte Lea. „Wer sitzt im Urwald und schummelt?“ „Na, sag schon!“, rief Jan. „Na, wer wohl? Mogli natürlich – aus dem Dschungelbuch!“ Jan lachte. „Klar“, sagte er dann, „Mogli mogelt, echt gut!“

Die beiden gingen weiter.
Überall im Watt lagen kleine Sandhäufchen. Die waren von den unsichtbaren Wattwürmern, die unter dem Sand leben, nach oben geschaufelt worden. „Guck mal da!“, rief Lea auf einmal. Genau vor ihren Füßen schob ein Wattwurm ein neues Sandhäufchen aus dem Wattboden heraus. Und was war denn das? Der Sand kringelte sich nicht etwa zu verworrenen Schlangenlinien, sondern er formte sich zu einem perfekten Herz – einem Herz aus Sand!  „So was hab‘ ich ja noch nie gesehen“, flüsterte Jan, „und ich bin fast jeden Tag hier am Strand.“ „Das ist ein Zeichen“, sagte Lea leise. Nur ein Zeichen wofür? Lea wusste es nicht.

Er hielt Leas Lenkdrachen in der Hand.

„Da ist der Drachen ja!“, rief Lea. Als sie jetzt genauer hinschaute, kam Lea irgendetwas an der Art, wie der Mann sich bewegte, bekannt vor. Er kam näher und hatte schon fast den Strandkorb erreicht, in dem Leas Mutter saß. Da sprang Mama plötzlich auf und lief dem Mann entgegen. Und da erkannte Lea ihn: Es war ihr Vater! Sie dachte an das Herz aus Sand, und jetzt wusste sie, dass alles gut werden würde. Papa ließ den Drachen fallen, breitete seine Arme aus, Mama lief zu ihm und fiel ihm um den Hals. Dann kam Lea dazu, und die ganze Familie umarmte sich, alle lachten und weinten zugleich.

Jan hatte den Drachen aufgehoben. Lea lief zu ihm hinüber und nahm ihm den Drachen aus der Hand. „Du hast uns Glück gebracht, Drachen“, sagte sie, „du hast Jan und mich zusammengebracht, und du hast Papa zu uns zurückgebracht …“

Und dann liefen Lea und Jan durch den Sand und ließen noch einmal den Drachen steigen, hoch in den blauen Herbsthimmel. Sie schrien und lachten, und es war der schönste Tag seit langer, langer Zeit.

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