Zum Vorlesen und Nacherzählen

Wann gibt's endlich Schnee?

Es war Winter. Weihnachten war schon lange vorbei, aber noch immer hatte es nicht geschneit. Es war so warm draußen wie im Frühling. Lukas saß am Fenster in seinem Zimmer und schaute hinaus. Wie sehr wünschte er sich, dass es endlich schneite! Es sollte wieder so sein wie im letzten Jahr: Die ganze Stadt war mit Schnee bedeckt gewesen, weiß wie der Zuckerguss auf Lukas` Lieblingsmuffins.
Lukas liebte es, in den Himmel zu schauen, wenn es schneite. Es war, als schwebten die Flocken zur Erde herab wie lauter winzig kleine silbrige Sterne. Oder wie die Schneeflockenfee in Lukas` Märchenbuch. Die konnte machen, dass es schneit. Aber leider gab es sie nicht in Wirklichkeit. Nein, es würde wohl in diesem Winter keinen Schnee geben. Traurig schaute Lukas noch eine Weile zum Fenster hinaus. Draußen wurde es langsam dunkel, und silbern blinkten die Sterne vom Himmel herab. Sterne – aber leider keine Schneeflocken.

Später, als Lukas im Bett lag, da dachte er noch einmal, wie schön es doch wäre, wenn es die Schneeflockenfee wirklich gäbe.

Dann fielen ihm die Augen zu ... Lukas hatte noch nicht lange geschlafen, da ging plötzlich das Fenster auf, ganz von selbst! Der kühle Nachtwind kam hereingeweht, und Lukas schreckte in seinem Bett hoch. War er wach oder träumte er? Und da – was war denn das? Eine kleine silbrige Schneeflocke schwebte durchs Fenster und setzte sich genau vor Lukas auf die Bettdecke. Lukas traute seinen Augen nicht: Als er genauer hinschaute, da sah er, dass die Schneeflocke eigentlich eine winzig kleine Fee war, ganz in Silber und Weiß gekleidet und mit Augen so glitzernd wie Eiskristalle.

Das konnte einfach nur ein Traum sein.
Doch Lukas fühlte sich so wach wie am hellen Tag! Und jetzt fing die Schneeflockenfee auch noch zu sprechen an: „Du hast mich gerufen? Hier bin ich!“ Ganz leise war ihre Stimme. Aber so hell und klar, dass Lukas die Fee so gut verstehen konnte, als hätte sie ihm genau ins Ohr geflüstert. „Ich? Ich hab dich gerufen?“, fragte Lukas ungläubig. „Klar hast du das!“, lachte die Fee. „Du hast dir doch was gewünscht, oder nicht?“ – „Ja, Schnee hab’ ich mir gewünscht! Kannst du etwa meine Gedanken lesen?“ – „Logo kann ich Gedanken lesen.“ Die Fee lachte wieder ihr silberhelles Lachen. „Sonst hätte ich doch gar nicht gemerkt, dass du mich gerufen hast!“

Das musste ein Traum sein. Feen gab es doch nur im Märchen!

Doch wieso fühlte sich dann alles so wirklich an? „Ist doch egal, ob Traum oder Wirklichkeit“, rief die Fee. „Komm mit, ich will dir was zeigen!“ Sie nahm Lukas` Hand – und schwupp flogen beide zusammen zum Fenster hinaus! Lukas schnappte nach Luft vor Schreck. Doch solange die Fee ihn an der Hand hielt, konnte er nicht abstürzen. „Uii, ich fliege!“, schrie Lukas voller Begeisterung. Die Fee lachte. Dann zeigte sie nach unten. „Schau dir das an“, rief sie. Und Lukas schaute. Er konnte alles genau erkennen, denn plötzlich war es nicht mehr dunkel, sondern heller Tag.

„So, ich zeig dir, wie es ist, wenn es schneit!“, rief die Fee ihm zu – und im Nu war die Luft von dichtem Schneetreiben erfüllt. Schnell war die ganze Stadt zugeschneit, und auf den Straßen kamen die Autos nicht mehr voran. Bis zu sich herauf, wo er mit der Fee über der Stadt schwebte, konnte Lukas die Autofahrer schimpfen hören. „Siehst du?“, rief die Fee, „die Autofahrer mögen keinen Schnee. Die haben es eilig. Sie wollen schnell zur Arbeit oder zum Einkaufen. Die haben keine Zeit mehr für Schnee.“

Ein Wagen der Stadtreinigung kam  mit Blaulicht und Tatütata herbeigefahren. Er streute Salz auf die  Straßen, das brachte den Schnee zum Schmelzen brachte. „Warum soll ich es schneien lassen?“, fragte die Fee traurig. „Die Menschen streuen Salz, damit der Schnee taut. Das Salz vergiftet die Bäume am Straßenrand, und die Hunde verbrennen sich die Pfoten daran. Warum können sich die Menschen nicht einfach mal ein bisschen Zeit lassen, wenn es schneit?“ – „Aber die Kinder“, rief Lukas, „die wollen Schlitten fahren, einen Schneemann bauen und Schneeballschlachten machen!“ „Meinst du wirklich?“, fragte die Fee. „Schau nur.“ Und dann zeigte sie Lukas Kinder, die in ihren Zimmern vor dem Computer  saßen und gar nicht merkten, wie schön draußen vor ihren Fenstern die Schneeflocken herunterschwebten. „Siehst du!“, sagte die Fee. „So, jetzt wird es aber Zeit für dich!“

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