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Außer Rand und Band

ADHS: Was hinter der Störung steckt und wie Familien sie meistern

Aufgedreht, unachtsam und leicht abzulenken – Kinder mit ADHS sind kleine Wirbelwinde, die den Familien alltag oftmals kräftig durcheinander bringen. Die Erkrankung ist zwar nicht heilbar, aber wer über sie Bescheid weiß, kann sie unter Kontrolle bekommen.

Einen Nachmittag lang Stillsitzen? Geht nicht. Sich auf die Hausaufgaben konzentrieren? Schwierig. Kinder mit ADHS sind ständig hibbelig, bringen andere mit Zwischenrufen zum Lachen oder stürmen plötzlich los – mit einer neuen Idee, die sie am liebsten sofort umsetzen wollen. Ihre Gefühle können ADHS-Patienten zumeist nicht kontrollieren, sie brechen oft ohne Vorwarnung aus ihnen heraus.

Etwa fünf Prozent der Kinder in Deutschland sind vom „Aufmerksamkeitsdefizit Hyperaktivitätssyndrom“ betroffen, vor allem Jungen. Bei den Symptomen fühlen sich nicht wenige an Astrid Lindgrens „Michel aus Lönneberga“ erinnert. Der freche „Lausebengel“ aus der schwedischen Kindererzählung wird auch von Experten oft als prominentes Beispiel für ADHS herangezogen. Zwar ist Michel wegen seiner lustigen Einfälle und unüberlegten Streiche bei
der Leserschaft beliebt – und auch ADHS-Kinder werden oft als kreativ, hilfsbereit und vielseitig wahrgenommen. Doch genauso wie Michel seinem Vater oder Magd Lina immer wieder auf die Nerven geht, sind auch ADHS-Kinder anstrengend für ihr Umfeld.

Plötzliche Gefühlsausbrüche, Zerstreutheit oder „Hummeln im Hintern“ strapazieren die Nerven von Eltern, Lehrern und Freunden. Die Kinder selbst befördern sich durch ihr Verhalten oftmals in eine Außenseiterrolle, da sie sich nur schwer integrieren können. Wird ADHS nicht erkannt, droht vor allem die Schulzeit zur Tortur zu werden, wenn der Nachwuchs nicht nur schlechte Zensuren sammelt, sondern vermehrt als „Unruhestifter“ im Unterricht auffällt.

Charakterkopf oder Patient?

Hibbeliges Plappermäulchen oder tollpatschiger Querkopf: Diese Beschreibungen treffen auf viele Kinder zu. Wann ist ein Kind aber als besonders lebhaft, und wann als ADHS-Patient einzustufen? „Tatsächlich ist die Grenze schwer zu ziehen“, erklärt der psychologische Psychotherapeut Professor Gerhard Lauth. „Definitiv feststellen lässt sich ADHS erst, wenneine Reihe von Verhaltensweisen auftritt. Sie lassen sich zumeist nur im Alltag und erst ab dem Grundschulalter beobachten“, so der Experte weiter.

Bei jüngeren Kindern befinden sich selbst Mediziner in einer Grauzone. Der Gipfelpunkt der Erkrankung ist in der Regel in der dritten und vierten Klasse erreicht. Wenn ein Zappelphilipp dem Unterricht nur schwer folgen kann und ständig Ermahnungen durch den Lehrer braucht, um an einer Aufgabe dranzubleiben, steckt möglicherweise ADHS dahinter.

Familiensache

Warum sich die Störung ausgerechnet bei ihrem Nachwuchs zeigt, diese Frage stellen sich viele Mütter und Väter. Doch mit schlechter Erziehung oder Vernachlässigung hat die „Unzähmbarkeit“ ihres Nachwuchses oft nur wenig zu tun. „Ob und wie stark sich die Symptome zeigen, hängt von mehreren Faktoren ab. Gene aber auch Charaktereigenschaften des Kindes
spielen eine große Rolle: Wie ist sein Temperament, wie hoch seine Frustrationstoleranz?“, weiß ADHS-Experte Lauth. Auch wie das Umfeld auf Ausbrüche und Unkonzentriertheiten reagiert, ist für den Krankheitsverlauf entscheidend. Deshalb müssen betroffene Familien lernen, sich auf

bestimmte Belastungssituationen gut vorzubereiten – um diese möglichst zu vermeiden. Kleine Wirbelwinde bleiben beim Restaurantbesuch zum Beispiel eher am Tisch sitzen, wenn die Eltern ihnen etwas zum Malen mitnehmen. Und da sich ADHS-Kinder nur schwer konzentrieren können, brauchen sie immer wieder neue Anweisungen.

Gerhard Lauth erklärt: „Eltern müssen ihr Kind in die Aufgabe hinein begleiten.“ Das bedeutet, etwa bei den Hausaufgaben gemeinsam durchzulesen, was zu tun ist und die ersten Schritte zu besprechen oder mit dem Kind zusammen zum Aufräumen ins Kinderzimmer zu gehen. Dieser konsequente Erziehungsstil erfordert von den Eltern viel Engagement – und ein hohes Maß an Nervenstärke.

Behandlungsmix

Doch so entscheidend der verständnisvolle und disziplinierte Umgang mit dem ADHS-Kind ist, so wichtig ist die Therapie bei einem spezialisierten Kinderpsychiater. Bei einer Verhaltens- und Lerntherapie lernen die kleinen Patienten, mit der Störung umzugehen.

Je nach Stärke der Symptome und dem Krankheitsverlauf gehört zum Behandlungskonzept auch das Medikament Ritalin mit dem Wirkstoff „Methylphenidat“. Es macht aufmerksamer und dämpft gleichzeitig die Unruhe. In den 90-er Jahren wurde das Mittel jedoch leichtfertig verschrieben und ADHS bekam den Ruf einer „Modeerkrankung“. Dennoch gilt Ritalin auch heute mitunter als wichtiger Therapie-Baustein. „Es sollte jedoch nicht die alleinige, und nicht die erste Behandlung bei ADHS sein“, unterstreicht Professor Lauth.

Nicht fehlen darf außerdem ein Schulungsprogramm für die Eltern. Denn auch sie müssen lernen, wie sie Struktur in den Familienalltag bringen – und wie sie selbst ruhig bleiben, wenn ihr kleiner Querkopf mal wieder den „Michel“ gibt.

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