Bauchweh-Tagebuch

Wenn Kinder häufig über Bauchweh klagen

Ein Interview mit Dr. Gunhild Kilian-Kornell, Kinder- und Jugendärztin mit einer eigenen Praxis und Pressesprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands.

Warum klagen kleine Kinder oft über Bauchweh, auch wenn etwas anderes dahintersteckt?

Dr. Gunhild Kilian-Kornell: Für Kleinkinder ist der Bauch ihre Mitte. Hierhin projizieren sie ihre Schmerzen, ihr Unwohlsein. Denn ihre Körperwahrnehmung ist noch nicht vollständig entwickelt. Ob wirklich Bauchweh dahinter steckt, ob vielleicht eine Erkältung im Anmarsch ist oder das Kind Streit mit einem Freund hatte, können Eltern leicht feststellen: Wenn sich ihr Kind nämlich ablenken lässt, etwa mit Vorlesen oder Kuscheln, verschwindet das Bauchweh oft schnell wieder.

Was sollen Eltern tun, wenn ihr Kind über Bauchschmerzen klagt?

Dr. Gunhild Kilian-Kornell: Wichtig ist, genau hinzuschauen: Hat das Kind Fieber, Durchfall oder erbricht es? Wann hatte es den letzten Stuhlgang? Machen ihm vielleicht Blähungen oder ein zu fester Stuhl zu schaffen? Hustet das Kind oder fasst es sich öfter ans Ohr? Bauchschmerzen können nämlich auch erste Anzeichen einer Mittelohr- oder Mandelentzündung sein. Als Erste-Hilfe-Maßnahmen bieten sich an: Tee, Wärmflasche, eine sanfte Massage für den Bauch oder auch ein Glyzerinzäpfchen, das den Stuhlreiz auslöst und den Kot etwas weicher macht.

Woran erkennen Eltern eine ernste Erkrankung?

Dr. Gunhild Kilian-Kornell: Alarmierend ist, wenn das Kind anhaltend schreit, der Bauch hart ist und sich durch eine Massage nicht verändert. Oder wenn das Bauchweh immer wieder auftaucht. Ich empfehle dann, einige Tage ein Bauchwehtagebuch zu führen: Wann bekommt das Kind Beschwerden? An welcher Stelle tut es weh? Sind die Schmerzen dumpf oder stechend? Was hat das Kind an diesem Tag alles gegessen oder getrunken? Gab es viel Aufregung und Unruhe?

Wann müssen Eltern mit ihrem Kleinen sofort zum Arzt?

Dr. Gunhild Kilian-Kornell: Wenn das Kind Fieber hat, aber auch bei heftigem Erbrechen oder starken Durchfällen. Bei kleinen Kindern kann das zu einem gefährlichen Flüssigkeitsverlust führen. Natürlich auch bei starken Bauchschmerzen. Es könnte sich um eine Blinddarmentzündung handeln. Typische Anzeichen, z. B. Schmerzen in der rechten Leistengegend, zeigen sich bei kleinen Kindern nicht immer. Deshalb ist ein entzündeter Blinddarm in den ersten Lebensjahren schwer zu diagnostizieren. Ein Grund mehr, sofort den Arzt aufzusuchen. Ein perforierter Blinddarm ist lebensbedrohend und muss operiert werden.

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