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"Lasst eure Kinder auf Bäume klettern!"

Bewegung bei Kindern

Unsere Kinder bewegen sich zu wenig. Zu diesem Ergebnis kommt die Langzeitstudie "Motorik-Modul" des Karlsruher Instituts für Technologie. Wir haben Dr. Gerrit Lautner, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen befragt, wie viel Bewegung wirklich wichtig ist. Und wann der beste Augenblick ist, damit zu starten.

Herr Dr. Lautner, wie früh können Eltern beginnen, körperliche Bewegung und Bewegungsspiele in den Alltag ihres Nachwuchses einzubauen?

Bewegung und der Spaß daran beginnen im Mutterleib. Auch dort legt das Kind schon kleine Sporteinheiten ein. Das heißt: Nach der Geburt kann es durch die größere Bewegungsfreiheit auch mit dem Babysport richtig losgehen. Wichtig finde ich dabei, dass man dem Kind seinen natürlichen, durch die Neugier gesteuerten Bewegungstrieb lässt. Angeleitete Bewegungen oder später gar Hilfsmittel wie ein "Gehfrei" dienen nicht der besseren Bewegung. Sie sind sogar gefährlich. Mein Rat: Beobachten Sie Ihr Kind, und freuen Sie sich an der spontanen Bewegungsentwicklung.

Babys müssen das Krabbeln erst lernen, Kleinkinder das Laufen – kann man in diesem Alter überhaupt schon von "zu wenig Bewegung" sprechen, wenn der Körper die Bewegung selbst erst noch erlernen muss?

Natürlich kann man auch zu wenig Bewegung haben. Wenn das Kind zum Beispiel stundenweise in der Babyschale angeschnallt mit dem Familien-Van durch die Gegend kutschiert wird. Wichtig für die Bewegungsentwicklung ist eine freie, ungehemmte Bewegungsentfaltung. Also eine große Fläche, frei von gefährlichen Gegenständen, auf der das Kind seinem natürlichen Bewegungstrieb und Entdeckungsdrang folgend die Meilensteine der Bewegungsentwicklung frei entdecken und erreichen kann.

Was ist im Kindergarten-Alter die bessere Idee: das "freie" Austoben auf dem Spielplatz oder Sport in einem richtigen Kurs?

Ich persönlich finde das Austoben auf dem Spielplatz gelungener. Je niedrigschwelliger das Angebot ist, umso besser. Das heißt: Spielen im eigenen Garten, ohne sich vorher verabreden zu müssen, oder das Spielen auf dem Spielplatz ohne feste Zeiten führen auf jeden Fall zu häufigerer und regelmäßigerer Bewegung.

Zählt am Ende die "Wochen-Bilanz", oder sollte man dafür sorgen, dass der Sport und die Bewegung gleichmäßig über die Woche verteilt sind?

Im Kita-Alter ist die Woche noch nicht so stark rhythmisiert wie bei uns Erwachsenen. Da ist es ohne Weiteres möglich, die Bewegung auf alle sieben Tage der Woche annähernd gleichmäßig zu verteilen. Am besten ist es natürlich, wenn Samstag und Sonntag auch Mama und Papa mittoben. Also für mich ganz klar: besser die Bewegung gleichmäßig über die Woche verteilen.

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Ab welchem Alter sagen Sie: Der Buggy muss weg, das Kind soll selbst laufen?

Wichtig ist, dass die Bewegungen im Alltag frühzeitig als selbstverständlich angesehen werden. Das heißt, wenn das Kind allein in der Lage ist zu laufen, kann der Buggy wegbleiben. Wenn wir ehrlich sind, wird der Buggy doch häufig benutzt, um den Alltag für die Eltern einfacher zu machen. Das Kind sollte so oft wie möglich selbst laufen. Es wird dann schon signalisieren, wenn es in den Buggy zurück will.

Welche Entfernungen kann ich im Kita-Alter zu Fuß "zumuten"?

Das ist vollkommen individuell verschieden. Es ist abhängig von Tageszeit, persönlicher Fitness und Gesundheit des Kindes. Wichtig ist: Dem Kind die Möglichkeit zur Bewegung anbieten, ihm aber auch bei Erschöpfung die Erholung, die es braucht, gewähren. Kinder haben in der Regel noch ein sehr gutes Gespür für ihre innere Leistungsfähigkeit.

Woran erkenne ich, dass ein Kind im Kita-Alter sich zu wenig bewegt?

Sicherlich wird hier der Vergleich zu Kindern von Freunden oder Verwandten eine wichtige Rolle spielen. Des Weiteren ist ein normales Gewicht ein guter Indikator für die Bilanz zwischen Kalorienzufuhr auf der einen Seite (Essen) und Kalorienverbrauch auf der anderen Seite (Bewegung). Ein dickes Kind bewegt sich sicherlich zu wenig, könnte aber viel effektiver sein Gewicht auch durch Reduktion der Kalorienzufuhr reduzieren. Abgesehen von krankhaften Formen des Bewegungsmangels (zum Beispiel durch Muskelschwäche oder andere muskuläre oder Nervenerkrankungen) ist das Bewegungsbedürfnis zwischen den einzelnen Kindern so unterschiedlich wie das Bedürfnis nach Schlaf.

Die sogenannten "Elterntaxis" stehen in der Kritik. Welchen Schulweg kann ich einem Grundschulkind als Fußweg zumuten? Gibt es einen Richtwert?

Diese Frage hätten wir vor 60 Jahren ganz anders beantwortet als heute. Damals war es ganz natürlich, dass die Kinder den Weg zur Schule zu Fuß zurücklegten und dabei auch Stunden unterwegs gewesen sind. (In vielen Ländern ist das heute noch so.) In Deutschland wird man heute sicherlich eine Grenze bei etwa 20 bis 25 Minuten einfacher Weg ziehen, sei es mit dem Fahrrad oder zu Fuß. "Zumutbar" wären aber auch längere Wegstrecken.

Welche Folgen für den Körper zeigen sich bei Bewegungsmangel bereits im Grundschul- oder Schulalter?

Mangelnde körperliche Fitness und Übergewicht, in der Folge dann leider auch schon Erkrankungen, die wir früher erst im (höheren) Erwachsenenalter gesehen haben wie Gelenkverschleiß, Störungen des Zuckerhaushaltes (Diabetes), Bluthochdruck und weitere chronische Erkrankungen. Eine weitere Folge von Bewegungsmangel ist eine erhöhte Ungeschicklichkeit und damit eine höhere Unfallhäufigkeit.

Zusätzlich zum Schulsport viele verschiedene Sportarten ausprobieren und "alles ein bisschen" machen oder einen ausgewählten Sport im Verein wirklich intensiv betreiben – was ist aus ärztlicher Sicht besser?

Ich persönlich finde das Ausprobieren verschiedener Sportarten deutlich besser. Irgendwann wird das Kind, der Jugendliche seine besonderen Stärken finden und kann dort einen Schwerpunkt legen. Je vielfältiger jedoch das Bewegungsangebot und damit auch die Bewegungen sind, umso mehr Fähigkeiten werden trainiert und umso abwechslungsreicher und spaßvoller wird auch die Bewegung. Das ändert sich natürlich spätestens dann, wenn man einen Sport leistungsmäßig betreiben möchte und auch national oder international erfolgreich werden möchte.

Welche Tipps geben Sie Eltern, damit sie mehr Bewegung zum Inhalt ihres Alltags machen können?

Das geht natürlich nur durch gutes Vorbild. Möglichkeiten dazu sind zum Beispiel der Weg zur Schule zu Fuß, gern auch mit Elternbegleitung. Wobei sich die Eltern der Schüler durchaus abwechseln können und mehrere Kinder dann an den Wochentagen von unterschiedlichen Eltern zur Schule begleitet werden. Das stärkt auch die Gemeinschaft zwischen den Schülern. In öffentlichen Gebäuden selbst auch die Treppe nehmen und nicht den Aufzug. Sein eigenes Fahrrad in Schuss halten, um mit gutem Beispiel voranzufahren. Freundschaften der Kinder zu anderen fördern, die sich gern bewegen. Fördern des natürlichen Wunsches des Kindes, sich eine Sportart im Verein etwas näher anzuschauen. Nicht immer wie selbstverständlich als "Taxi" bereitstehen.

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Wie haben Sie es selbst geschafft, dass Ihre fünf Kinder sich immer ausreichend bewegt haben?

In unserer Familie haben wir uns immer gern gemeinsam im Freien auf Spaziergängen und Radtouren oder durchaus auch in Kinder- oder Babyturnkursen mit anderen bewegt. Gut gepflegte Fahrräder und gutes Sportschuhwerk haben den Spaß an der Bewegung auch gefördert. Die Kinder, die dazu Lust hatten, konnten zusammen mit ihrem Vater auch an dem einen oder anderen Laufevent teilnehmen. Zusammengefasst: Bewegung muss Spaß machen und ist am schönsten in der Gemeinschaft.

Welche Botschaft an alle Eltern da draußen für ein Leben voller gesunder Bewegung ist Ihnen wichtig?

Lasst euren Kindern den Bewegungsfreiraum, den sie brauchen. Engt Säuglinge und die jungen Kleinkinder nicht zu sehr ein. Begleitet sie auf ihrem von der Neugier getriebenen Weg in der motorischen Entwicklung vom auf dem Rücken liegenden Neugeborenen hin zum aufrechten Gang des Eineinhalbjährigen. Beobachtet, was euren Kindern Spaß macht, und lasst sie im wahrsten Sinne des Wortes im Kita-Alter los. Lasst sie auch auf Bäume klettern, sie sind geschickter als ihr Eltern und werden sich in der Regel nicht verletzen. Zwingt eure Kinder nicht zu Sportarten, die sie nicht mögen. Alles, was sie nicht mit Spaß machen, werden sie auf Dauer auch nicht richtig gut machen. Wenn es euch Eltern da draußen ums Gewicht eurer Kinder geht: Zum Abbau von Übergewicht ist es viel zeiteffektiver, eine Tafel Schokolade am Tag zu sparen, als sich eine Stunde lang die Kalorien wieder abzulaufen.

Unser Experte

Dr. Gerrit Lautner ist ärztlicher Direktor der "Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen" und gehört zum medizinischen Kompetenznetz der Knappschaft.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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