Bauchschmerzen mit ernster Ursache

Blinddarmentzündung beim Kind: Wie erkennt man sie?

Bauchschmerzen haben Kinder häufig, doch zusammen mit Fieber und Erbrechen kann die Ursache ernst sein. Zwei Ärzte erklären, wie man eine Blinddarmentzündung beim Kind erkennt – und was dann zu tun ist.

"Ich hab Bauchweh ..." Diesen Satz haben wohl alle Eltern schon mal gehört. Kinder leiden häufig unter Bauchschmerzen. Dahinter stecken meist Probleme mit der Verdauung, Kummer, ein Darminfekt oder zu fettes beziehungsweise zu süßes Essen. Dann helfen der Gang zur Toilette, Streicheleinheiten und Wärme. Doch nicht immer ist die Ursache harmlos und so einfach zu beheben.

Anzeichen bei Kindern: Wie man eine Blinddarmentzündung erkennt

"Bei akuter Blinddarmentzündung klagen die Kinder über Bauchschmerzen, die oft in der Nabelgegend beziehungsweise im Oberbauch beginnen und dann in die rechte untere Bauchregion ziehen", erklärt Till Rausch, Kinderchirurg am Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg. Fast immer treten innerhalb von Stunden weitere Symptome auf: Fieber, Übelkeit und Erbrechen, seltener milder Durchfall. "Die Kleinen liegen meist mit angewinkelten Beinen, haben ein gebücktes Gangbild und mögen nichts zu sich nehmen", so der Mediziner.

Kleine Kinder können Schmerzen meist nicht gut lokalisieren und beschreiben. Ein Grund, warum sich die Diagnosestellung häufig verzögert. Till Rausch: "Je jünger das Kind, desto schneller sollten Eltern einen Arzt aufsuchen. Auch, wenn meist nur ein Magen-Darm-Infekt dahintersteckt – der Verlauf einer Blinddarmentzündung ist bei Säuglingen und Kleinkindern sehr schnell und muss deshalb zeitnah behandelt werden."

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Dr. Benedict Sannwaldt (34, links) und Till Rausch (31) sind Chirurgen am katholischen Kinderkrankenhaus Wilhelmstift in Hamburg. Die Operation einer Blinddarmentzündung ist der häufigste Eingriff, den sie durchführen.

Ursachen der Blinddarmentzündung

Bei einer Blinddarmentzündung, medizinisch "Appendizitis" genannt, entzündet sich nicht der Blinddarm selbst, sondern dessen Wurmfortsatz. Dieses etwa fingergroße Anhängsel (dessen Funktion nicht vollständig geklärt ist) hat ein blindes Ende, bildet also eine Sackgasse. Bleibt darin zum Beispiel ein Obstkern oder ein verhärtetes Stückchen Kot hängen, können sich Bakterien festsetzen und eine eitrige Entzündung auslösen. Auch wenn der Wurmfortsatz ungünstig liegt und abknickt, stauen sich Sekrete und rufen eine Entzündung hervor. Bei einer Operation wird der Wurmfortsatz entfernt und so die Entzündung gestoppt.

Mit dem Blinddarm im Krankenhaus: Diagnose und Operation

Eltern können bei einem Verdacht auf Blinddarmentzündung ihren Haus- oder Kinderarzt aufsuchen, oder – bei starken Symptomen – direkt in die Notaufnahme fahren. Kommt ein Kind mit Verdacht auf Blinddarmentzündung ins Krankenhaus, wird nach der ersten körperlichen Untersuchung ein Ultraschall gemacht, außerdem eine Blut- und eine Urinprobe entnommen.

Der Hamburger Kinderchirurg Dr. Benedict Sannwaldt erklärt: "Spricht alles für eine Blinddarmentzündung, wird möglichst direkt operiert. Die OP dauert normalerweise 30 bis 60 Minuten und findet unter Vollnarkose statt."

Der Arzt nutzt dabei meist die sogenannte Schlüssellochmethode und operiert endoskopisch. Dabei macht er drei kleine Schnitte am Nabel und linken und rechten Unterbauch, um den entzündeten Wurmfortsatz zu entfernen. "Während der Operation bekommt der kleine Patient vorbeugend ein Antibiotikum, danach bleibt er noch ein paar Tage zur Beobachtung im Krankenhaus", so Sannwaldt. Essen und trinken können die Kinder meist schon nach wenigen Stunden wieder und außer ein paar Tage Schmerzmittel brauchen sie meist keine weitere Behandlung.

Blinddarmdurchbruch kann lebensbedrohlich sein

Anders ist es bei einem Blinddarmdurchbruch. Sannwaldt: "Die sogenannte perforierte Appendizitis ist das am weitesten fortgeschrittene Stadium der Blinddarmentzündung. Dabei gelangt infektiöser Darminhalt und Eiter durch die zerstörte Darmwand in die Bauchhöhle. Es besteht das Risiko, dass die Entzündung auf das Bauchfell und in das Blut übergeht. Das kann lebensbedrohlich sein." In diesem Fall wird direkt nach der Diagnose operiert und der Bauchraum ausgespült.

Hat sich bei sehr fortgeschrittener Entzündung bereits eine Eiteransammlung (Abszess) gebildet, zeigt sich das meist vor der Operation beim Ultraschall. "Dann werden bei stabilem Allgemeinzustand zunächst Antibiotika gegeben und ohne 'Sofort-OP' abgewartet", sagt sein Kollege Till Rausch. Er erklärt: "Durch die Antibiotikatherapie gehen zunächst die Entzündung und der Abszess zurück und das Operationsgebiet wird übersichtlicher." Ist der Abszess abgeheilt, wird der Rest des Wurmfortsatzes in einer geplanten Operation einige Wochen später entfernt.

"Meiner Erfahrung nach ist aufgrund des schnellen Krankheitsverlaufs bei Kleinkindern der Blinddarm oft schon 'geplatzt', wenn die Operation beginnt", so der Kinderchirurg. Zum Glück bekommen kleine Jungs und Mädchen aber nicht sehr oft eine Blinddarmentzündung.

Wann Kinder eine Blinddarmentzündung bekommen

Die Blinddarmentzündung kann in jedem Alter auftreten. "Das Risiko, in seinem Leben eine Blinddarmentzündung zu bekommen, besteht zu fünf bis zehn Prozent", weiß Till Rausch. Am häufigsten sind Kinder und junge Erwachse zwischen vier und 25 Jahren betroffen, so der Bundesverband für ambulantes Operieren. Kinder unter zwei Jahren bekommen nur sehr selten eine Blindarmentzündung.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung entfallen 38 Prozent aller Blinddarmoperationen auf die Altersgruppe von fünf bis 19 Jahren. Insgesamt wird der Eingriff rund 100.000-mal pro Jahr durchgeführt und gehört damit laut Statistischem Bundesamt zu den häufigsten Operationen in Deutschland.

Blinddarmentzündung: Alternativen zur Operation

Mediziner behandeln eine Blinddarmentzündung nur selten ohne Operation und mittels Bettruhe, Nahrungsverzicht und Antibiotika. "Neue Studien zeigen, dass bei einer leichten, unkomplizierten Appendizitis unter Umständen zunächst eine Antibiotikatherapie unter stationärer Überwachung möglich ist", erläutert Dr. Benedict Sannwaldt. Allerdings komme es danach häufiger zu Rückfällen. "Die Operation gilt deshalb weiterhin als wirksamere Therapie", so der Chirurg aus dem Hamburger Kinderkrankenhaus Wilhelmstift.

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