Experten fordern schnelles Handeln

Corona-Impfung für Kinder schon im Sommer?

Experten kritisieren, dass Kinder in der Pandemie beim Impfen hinten anstehen, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte setzt sich für mehr Tempo bei der Zulassung des Impfstoffes für die Kleinen ein. Jetzt könnte es tatsächlich schneller gehen als erwartet.

8. Februar 2020: Seit Ende Dezember wird in Deutschland gegen das Coronavirus geimpft – rund drei Millionen Impfdosen wurden nach Angaben des Robert Koch-Instituts trotz des schleppenden Starts der bundesweiten Impfkampagne in den ersten sechs Wochen verabreicht. Die Bevölkerungsgruppe, die auf der sogenannten Prioritätenliste zunächst keine Rolle spielt: unsere Kinder. Und genau das kritisiert Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Kinder und Familien seien in der Pandemie durch Kita- und Schulschließungen ohnehin schon besonders benachteiligt. "Dass sie nun auch beim Impfen hintanstehen, ist daher doppelt bitter", so Fischbach.

„Es gibt inzwischen viele Studien, die belegen, dass die Auffälligkeiten bei Kindern durch die Folgen der Pandemie stark zunehmen. Viele drohen durch die fehlenden sozialen Kontakte in eine Depression oder Angststörung abzurutschen oder sind bereits depressiv“, sagt Fischbach, „Wir sehen zudem die Entwicklung vieler Kinder als absolut gefährdet. Die möglichen Langzeitfolgen dürfen nicht ignoriert werden. Und die Situation an Schulen und Kitas kann sich nur dann dauerhaft entspannen, wenn auch die Kinder eine Schutzimpfung erhalten. In der Aufgeregtheit über die Impfstoffknappheit für Erwachsene ist die Zulassung eines Impfstoffes für Kinder zwischenzeitlich leider völlig aus dem Blick geraten."   

Der Kinder- und Jugendarzt aus Solingen zählte zu den ersten, der auch Impfforschungen für Kinder forderte, wurde anfangs stark dafür kritisiert. Inzwischen hat ein Umdenken eingesetzt, und Fischbach bleibt dabei: "Es braucht so schnell wie möglich auch eine geeignete Vakzine für Kinder und Jugendliche, die Testung und Zulassung sollten mit Hochdruck vorangetrieben werden. Der gesamtgesellschaftliche Schutz entsteht ja nicht, wenn man eine so große Bevölkerungsgruppe wie die Kinder einfach komplett auslässt, dann wird es immer wieder auf’s Neue zu Kita- und Schulschließungen kommen - ein Teufelskreis."

Fakt ist: Der Zulassungsprozess für Kinder-Impfstoffe ist deutlich komplizierter. Sie werden allein schon aus ethischen Gründen erst an minderjährigen Probanden getestet, wenn durch Studien nachgewiesen konnte, dass es bei Erwachsenen nicht zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kam. Noch vor ein paar Wochen ging man davon aus, dass Kinder in Deutschland frühestens in ein oder zwei Jahren die Corona-Schutzimpfung erhalten können. Nun aber sieht es so aus, als könne dies doch deutlich schneller gehen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) versicherte, dass bereits mehrere Hersteller daran arbeiten, einen Impfstoff für Menschen unter 18 Jahren zu entwickeln. "Wir gehen davon aus, toi, toi toi, wenn die Dinge gut laufen, dass wir im Sommer auch einen Impfstoff haben, der eben dann Kinder und Jugendliche schützen kann", so Spahn. 

Das bestätigt auch Thomas Fischbach. „Nach meinen internen Informationen sind erste Impfungen bei Kindern im Sommer realistisch - aber nur mit Einschränkungen möglich. So wird man vermutlich zuerst Kinder ab 12 Jahren und chronisch kranke Kinder impfen, erst danach werden die jüngeren Kinder folgen."

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Unser Experte

Dr. med. Thomas Fischbach

ist niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Solingen (NRW) und seit 2015 Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

Bergen schnell entwickelte Impfstoffe eine Gefahr?

Obwohl klar ist, dass eine breit geimpfte Bevölkerung der Schlüssel zu mehr Normalität ist, gibt es Unsicherheiten zu rasend schnell entwickelten Impfstoffen. Gerade die Rekordzeit ist es, die Fragen aufwirft: Werden dabei nicht wichtige Prüfungsschritte ausgelassen? Nein, betont ein Sprecher des Paul-Ehrlich-Instituts, das als Bundesbehörde für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel zuständig für die Zulassung ist. Alle drei für die Entwicklung üblichen Phasen seien eingehalten worden, betont man hier. Dies werde auch – und erst recht – bei den Kinderimpfstoffen so sein. Die Schnelligkeit bei der Impfstoffentwicklung rühre von einer intensiven Zusammenarbeit mit den entsprechenden Behörden. Auch parallel ablaufende Schritte und die weltweite Forschung beschleunigten die Entwicklung.

Was ist mit möglichen Spätfolgen?

"Die Erfahrungen mit vielen Impfstoffen über viele Jahre haben gezeigt, dass die meisten Nebenwirkungen kurze Zeit nach der Impfung auftreten", heißt es vom Paul-Ehrlich-Institut dazu. Die gängigen Nebenwirkungen ähneln denen, die auch bei anderen Impfungen auftreten können: Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit, Kopf- und Muskelschmerzen oder Gelenkschmerzen. Auch den in den sozialen Medien kursierenden Gerüchten, die Impfung mache unfruchtbar oder verändere das Erbgut, erteilen die Wissenschaftler eine klare Absage: Dies beruhe schlicht auf falschen Tatsachen.

Wichtig sei eine geduldige Aufklärung zu den neuen Impfstoffen, erklärt Thomas Fischbach. Außerdem dürften Eltern die von der Stiko empfohlenen Schutzimpfungen gegen Kinderkrankheiten in der derzeitigen Situation nicht vernachlässigen. Einige Kollegen verzeichneten Fischbach zufolge einen Rückgang im zweistelligen Bereich. "Die Kinderarztpraxen haben gute Konzepte", so Fischbach, "man muss sich dort nicht vor einer Infektion mit Coronaviren fürchten."

Wer wird wann geimpft?

Solange der Impfstoff knapp ist, wird die Corona-Schutzimpfung nach einer Prioritätenliste verabreicht. Seit Dezember 2020 ist Gruppe 1 an der Reihe: Hierzu zählen über 80-Jährige, Menschen in Pflegeheimen, Personal auf Intensivstationen, in Notaufnahmen und Rettungsdiensten. Dann folgt Gruppe 2: über 70-Jährige, Menschen mit Trisomie 21, Demenz, Transplantationspatienten. In Gruppe 3 kommen über 60-Jährige sowie medizinisch vorbelastete Menschen, Polizei und Feuerwehr, Personal in Kitas, Schulen und im Einzelhandel dran. Die Bundesregierung hält an ihrem Ziel fest, bis Ende September jedem Erwachsenen in Deutschland ein Impfangebot machen zu können.

Autorin: Claudia Weingärtner
Redaktionelle Mitarbeit: Natalie Klüver

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