Kinder-Impfung gegen Covid-19

Warum dieser Mediziner gegen eine Impflicht, aber für die Corona-Impfung von Kindern plädiert...

Dr. Robin Kobbe (49), Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE), erklärt, warum die Sorge vor dem Corona-Impfstoff unbegründet ist und warum er eine Impfpflicht für Kinder trotzdem ablehnt.

Seit Mai 2021 ist der Impfstoff BioNTech für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen. Seit Dezember 2021 empfiehlt die STIKO die Corona-Impfung auch für Kinder ab fünf mit Vorerkrankungen. Bleibt die Frage: Piksen oder passen? Viele Eltern sind unsicher, ob sie ihren Nachwuchs gegen Covid impfen lassen sollen. Dr. Robin Kubbe, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, erklärt im Interview, warum die Angst vor dem Impfstoff aus seiner Sicht unbegründet ist – und wieso er eine Impfpflicht für Kinder trotzdem ablehnt.

Viele Eltern lassen ihre Kinder bereits impfen. Doch es gibt auch noch Zweifler, die Sorge vor noch unvollständigen Studien haben. Sind diese Zweifel begründet?

Nein. Denn obwohl der mRNA-Impfstoff auf einem relativ neuen Verfahren beruht und noch nicht so lange auf dem Markt ist, gehört er zu den bestuntersuchten Impfstoffen, die es auf der Welt gibt. Es wurden bereits Milliarden Erwachsene und Jugendliche geimpft.

Überwiegt in Ihren Augen der Nutzen der Impfung gegenüber den Risiken?

Ganz klar der Nutzen. Aus den Erfahrungen der letzten Monate kann man sagen, dass der Impfstoff sehr sicher und wirksam ist. Außerdem kommt es bei Kinder zwischen fünf und elf Jahren nur zu geringen Nebenwirkungen wie Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Einstichstelle. In ganz seltenen Fällen klagten Kinder auch über Kopfschmerzen, Fieber und Schüttelfrost. Die Wirksamkeit liegt laut Studie bei über 90 Prozent, die Wahrscheinlichkeit, schwer an Covid zu erkranken ist zwar bei den Fünf- bis Elfjährigen immer noch gering, aber deutlich höher als relevante Nebenwirkungen durch die Impfung zu erleiden.

Wie gefährdet sind ungeimpfte Kinder denn aktuell?

Kinder erkranken wie gesagt zwar sehr selten schwer, doch bei hochinfektiösen Varianten wie Delta und Omikron, die im Grunde fast alle erreichen werden, erkrankt eben auch eine relevante Anzahl an Kindern schwer. Es ist nicht so, dass die Infektion bei Kindern immer harmlos verläuft, und die schweren Verläufe sind auch nicht immer vorhersehbar. Natürlich wissen wir von einigen Gruppen, dass ihr Risiko höher ist, weshalb sie priorisiert geimpft werden sollten. Aber auch nicht vorerkrankte Kinder müssen hin und wieder ins Krankenhaus. Die Impfung kann das verhindern.

Wie sehen diese schweren Verläufe bei Kindern aus?

Bei erkrankten Kindern gibt es drei unterschiedliche Möglichkeiten: Zum einen kommt es ähnlich wie bei Erwachsenen zu einer Lungenentzündung direkt im ersten Schub der Erkrankung. Die Kinder leiden dann häufig unter Atemnot und müssen stationär behandelt werden. Vor allem Neugeborene, jüngere Kinder und diejenigen mit Vorerkrankung an Lunge oder Herz sind davon betroffen.

Zum anderen gibt es das sogenannte PIMS-Syndrom, eine noch nicht gut verstandene immunologische Reaktion, die erst einige Wochen nach der eigentlichen Virusinfektion auftritt. Bisher mussten rund 500 Kinder in Deutschland deswegen behandelt werden. Bei PIMS gerät der Körper in einen Status der Überentzündung, vermutlich angekurbelt durch körpereigene T-Zellen, die verrückt spielen. Dabei werden Organe von eigenen Entzündungszellen und Botenstoffen attackiert. Die Kinder erkranken in dem Fall so schwer, oft auch an einer Herzmuskelentzündung, dass sie ins Krankenhaus und antientzündlich therapiert werden müssen. Das dritte Szenario heißt Long Covid, was glücklicherweise seltener auftritt als anfangs befürchtet. Trotzdem leiden dabei vor allem jugendliche Mädchen über Wochen und Monate nach der Infektion an Konzentrationsschwäche, kognitiven Einschränkungen (benebeltes Denken) und körperlicher Schlappheit. Sie können dann nicht mehr so wie früher agieren, und es dauert oft sehr lange, bis sich dieser Zustand wieder bessert.

Die STIKO hat die Empfehlung zur Impfung der Fünf- bis Elfjährigen nicht grundsätzlich für alle Kinder ausgesprochen, sondern auf Vorerkrankte be-schränkt. Es wurden aber Hintertürchen gelassen: So können zum Beispiel alle Kinder dieser Altersgruppe auf besonderen Wunsch der Eltern geimpft werden. Sind Sie zufrieden mit dieser Formulierung oder hätten Sie sich mehr gewünscht?

Aktuell hat die Empfehlung in meinen Augen Sinn, weil wir ziemlich viele vorerkrankte Kinder haben. Etwa jedes zehnte Kind leidet an einer Krankheit, die einen schweren Verlauf begünstigt. Dazu gehören zum Beispiel Diabetes und Übergewicht, was leider sehr häufig bei uns vorkommt. Aber ich bin auf jeden Fall dafür und hoffe auch, dass die Empfehlung bald für alle Kinder ausgesprochen wird.

Der Impfstoff für noch kleineren Nachwuchs wird vermutlich nicht vor Mitte 2022 kommen. Was empfehlen Sie Eltern von U5-Kindern?

Wir Kinderärzte können jetzt nicht empfehlen, alle Kinder „off-label“, also im Rahmen der Therapiefreiheit, impfen zu lassen. Im Einzelfall, bei schwer vorerkrankten Kindern etwa, sollte man aber darüber nachdenken und vertrauensvoll mit dem Facharzt darüber sprechen.

Würden Sie eine Impfpflicht für Kinder unterstützen?

Wir zwingen Kinder eigentlich nie, es sei denn, es geht akut um Leben und Tod, was hier nicht der Fall ist. Die Impfung bei Kindern ist eher eine präventive Maßnahme. Deshalb versuchen wir, Eltern durch Aufklärung zu überzeugen.

Habe Sie ihre Kinder impfen lassen?

Ja, meine Kinder sind 13 und zehn Jahre alt und auch auf ihren eigenen Wunsch hin sind beide geimpft. Unseren jüngeren Sohn habe ich nach Einsicht der damals bereits zur Verfügung stehenden Studiendaten vor einiger Zeit „off-label“ impfen lassen.

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Unser Experte

Dr. Robin Kobbe (49) ...

...ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Sein Diplom für pädiatrische Infektiologie erhielt er an der University of Oxford. Er ist Teil des ständigen Arbeitskreises der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene (stark ansteckende) Erreger (STAKOB) beim Robert-Koch-Institut (RKI).

Bergen schnell entwickelte Impfstoffe eine Gefahr und was ist mit möglichen Spätfolgen?

Obwohl klar ist, dass eine breit geimpfte Bevölkerung der Schlüssel zu mehr Normalität ist, gibt es Unsicherheiten zu rasend schnell entwickelten Impfstoffen. Gerade die Rekordzeit ist es, die Fragen aufwirft: Werden dabei nicht wichtige Prüfungsschritte ausgelassen? Nein, betont ein Sprecher des Paul-Ehrlich-Instituts, das als Bundesbehörde für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel zuständig für die Zulassung ist. Alle drei für die Entwicklung üblichen Phasen seien eingehalten worden, betont man hier. Dies werde auch – und erst recht – bei den Kinderimpfstoffen so sein. Die Schnelligkeit bei der Impfstoffentwicklung rühre von einer intensiven Zusammenarbeit mit den entsprechenden Behörden. Auch parallel ablaufende Schritte und die weltweite Forschung beschleunigten die Entwicklung.

"Die Erfahrungen mit vielen Impfstoffen über viele Jahre haben gezeigt, dass die meisten Nebenwirkungen kurze Zeit nach der Impfung auftreten", heißt es vom Paul-Ehrlich-Institut dazu. Die gängigen Nebenwirkungen ähneln denen, die auch bei anderen Impfungen auftreten können: Schmerzen an der Einstichstelle, Abgeschlagenheit, Kopf- und Muskelschmerzen oder Gelenkschmerzen. Auch den in den sozialen Medien kursierenden Gerüchten, die Impfung mache unfruchtbar oder verändere das Erbgut, erteilen die Wissenschaftler eine klare Absage: Dies beruhe schlicht auf falschen Tatsachen.

Wichtig ist eine geduldige Aufklärung zu den neuen Impfstoffen. Außerdem sollten Eltern die von der Stiko empfohlenen Schutzimpfungen gegen Kinderkrankheiten in der derzeitigen Situation nicht vernachlässigen. 

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