Wahrnehmungsunterschiede bei Kindern

Ergotherapie mit Bilderbüchern: "Mama, die ist ja so wie ich!"

Manche Kinder spüren sich selbst kaum oder verarbeiten Reize anders als andere – Wahrnehmungsunterschiede nennen das Ergotherapeuten. Spezielle Spiele und auch zwei neue Bilderbücher helfen, sich besser in die Kinder reinzufühlen.

Experten-Bild

Unsere Expertin:

Isolde Fehringer arbeitet seit 2000 im Kinderbereich, seit 2009 als freiberufliche Ergotherapeutin in Niederösterreich. Die Bücher "Der kleine Tollpatsch Bummbumm" und "Die kleine Mimose Mimi" schrieb sie mit dem Kommunikationswissenschaftler Klaus Ebenhöh. Die Illustrationen stammen von Daniel Spreitzer.

Mina weint. Das mittlerweile siebte Sockenpaar schmeißt die Dreijährige jetzt in die Ecke. Keins davon will sie anziehen – zu dick, zu dünn, zu lang, zu kurz, zu flauschig, zu hart. Dicke Tränen kullern ihre Wange hinunter. Genauso verzweifelt ist Minas Mutter: "Jeden Morgen ist es das Gleiche", erzählt sie. Das Geschrei ihrer Tochter schiebt Minas Mutter auf die Trotzphase: "Ihr großer Bruder war überhaupt nicht so in dem Alter, das irritiert mich schon."

Isolde Fehringer irritiert Minas Verhalten gar nicht: "Menschen spüren unterschiedlich", erklärt die Ergotherapeutin. "Nur fällt das niemandem sofort auf.“ Anders als Haarfarbe, Stimme oder Körperhaltung kann man die persönliche Wahrnehmung eines Menschen nun einmal nicht sehen oder hören. Und selbst empathische Menschen können nie genau das spüren, was ihr Gegenüber spürt – und sei es nur die störende Sockennaht. Daher fehlt häufig das Verständnis für bestimmte Verhaltensweisen, selbst bei den eigenen Eltern.

Eine Figur zum Identifizieren

Wildgans Mimi würde Mina sofort verstehen. Die Heldin in Isolde Fehringers Bilderbuch "Die kleine Mimose Mimi" empfindet viele Berührungen als unangenehm. "Mimi reagiert aufgrund einer andersartigen Reizverarbeitung im Gehirn auf Berührung, Druck, Temperatur oder Schmerz überempfindlich", erklärt sie. Kindern wie Mimi begegnet Isolde Fehringer als Ergotherapeutin immer wieder. Von einer sensorischen Integrationsstörung ist die Rede, wenn all die Sinneseindrücke, die auf einen kleinen Menschen einströmen, von ihm nicht verarbeitet werden können. Doch Fehringer sieht die besondere Reizverarbeitung nicht als Mangel oder Fehler, im Gegenteil: "Man stelle sich mal vor, wie blass die Welt für jemanden ist, der das Gegenteil von Mimi ist."

Reize unterschiedlich verarbeiten

Bär Bummbumm ist nicht das direkte Gegenteil von Mimi, aber doch ganz anders: Bummbumm ist propriozeptiv unterempfindlich. Einfacher gesagt: Er spürt sich selbst nicht gut. Isolde Fehringers erstes Buch "Der kleine Tollpatsch Bummbumm" beschreibt, wie das in seinem Alltag zu Missverständnissen und Schwierigkeiten führt: Er umarmt andere Kinder immer ein bisschen zu fest, spielt und tobt so wild, dass es gefährlich werden kann, und ist einfach ein kleiner Tollpatsch. "Bummbumm kann tiefensensible Reize im Körper nicht so verarbeiten wie andere Kinder", erklärt Isolde Fehringer. "Kinder wie er haben oft Schwierigkeiten beim Erlernen von Abläufen – zum Beispiel bei grobmotorischen Aufgaben wie dem Laufen, bei feinmotorischen Aufgaben wie dem Sprechen oder bei Bewegungen, die Timing verlangen, dazu gehört etwa das Ballspielen."

Lösungen zum Vorlesen

Ein Kind wie Bummbumm braucht intensivere Reize, also körperlich größere Anstrengungen als andere Kinder, zum Beispiel durch besonders fordernde Spiele. Auch die Geschichte von Mimi liefert konkrete Ideen: Kinder wie Mimi ekeln sich häufig vor der Konsistenz bestimmter Speisen. Sie finden Spaghetti mit Soße schrecklich, essen beides aber leidenschaftlich gern, wenn Nudeln und Soße getrennt vor ihnen stehen. So einfach können Lösungen aussehen, wenn man das Problem kennt.

Verhalten besser verstehen

Auch Mina und ihrer Mutter hat Wildgans Mimi geholfen. "Ich habe verstanden, dass Mina mich nicht ärgern will mit ihrem Verhalten", räumt ihre Mutter ein. Gemeinsam haben die beiden die Socken aussortiert und entsorgt, die Mina besonders ungern trägt. Der Tag startet so für Mutter und Kind viel entspannter. Heute endet er mit dem erneuten Vorlesen von Mimis Geschichte: "Wie ich!", ruft Mina noch, als Mimi im Buch ihre Haare nicht waschen will. Kurz darauf schläft sie ein – in ihren Lieblingssocken. 

Für wen sind die Bücher hilfreich?

Betroffene Kinder und deren Freundinnen und Freunde können sich im Buch wiederfinden. Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen zeigt es den richtigen Umgang mit diesen Kindern. Lesenswert aber sind die Geschichten für jeden, denn letztendlich haben wir alle ein kleines bisschen von Mimi oder Bummbumm in uns. 

"Der kleine Tollpatsch Bummbumm" und "Die kleine Mimose Mimi", Verlag: Bibliothek der Provinz, über bibliothekderprovinz.at

Profilbild

Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

Teile diesen Artikel: