Kinderfüße richtig verpackt

Gebrauchte Kinderschuhe kaufen – ja oder nein?

Kinderfüße wachsen rasant, und Schuhe im Fachhandel sind teuer. Gebrauchte Kinderschuhe hingegen kosten einen Bruchteil. Unsere Autorin packt erst der Schnäppchen-Jagdinstinkt – und dann das schlechte Gewissen ...

Kinder kosten Geld. Selten spüre ich das deutlicher als an den Tagen, an denen meine beiden neue Schuhe benötigen. Winterstiefel, Sommerschuhe, Übergangs- und Hausschuhe, Sandalen und Gummistiefel und im besten Fall je ein zusätzliches Ersatzmodell von allem für Kita und Vorschule. Mal im Ernst: Wer soll das bezahlen?

Flohmarkt-Schnäppchen sind so verlockend

Deshalb habe ich mich vom Angebot der Flohmarkt-App "Mamikreisel" überzeugen lassen. Für unschlagbare 5 Euro bestellte ich gebrauchte Turnschuhe für meine Tochter – ein Zehntel des ursprünglichen Preises! 

Die Freude hielt nicht lang. Meine Tochter ließ die günstig geschossenen Schuhe links liegen. Sie seien "krumpelig". Außerdem würden sie drücken. Kann gar nicht sein, warf ich ein, schließlich hatten sie genau die Größe, die im Schuhgeschäft zuletzt ausgemessen wurde. "Die Größe passt dir!", argumentierte ich hilf- und nutzlos. Die ungeliebten neuen Secondhand-Schuhe blieben dennoch im Schrank.

Unsere Experten:

Andreas Stommel (Bild links) ist Physiotherapeut und Gründer des Bonner Zentrums für Ambulante Rehabilitation. Er sitzt im Bundesvorstand des ta.med e. V. für Tanzmedizin und doziert an der Medizinischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität in Bonn.
Weitere Informationen unter reha-bonn.de.

Silke Reith (Bild rechts) führt seit fünf Jahren den Kinderschuhladen Passt! im Hamburger Stadtteil Hoheluft. Für die qualifizierte Beratung (und die Spielecke inklusive Rutsche) ist ihr Geschäft über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Weitere Informationen unter passt-kinderschuhe.de.

Alle drei Monate müssen Kinderfüße gemessen werden

Silke Reith wundert das nicht. Sie ist Eigentümerin des Kinderschuhladens Passt! in Hamburg. Schnell stellt sie fest: Mein preiswerter Online-Kauf kann meiner Tochter gar nicht passen – sie ist längst eine Größe weiter. "Eltern sollten am besten alle drei Monate nachmessen lassen", empfiehlt sie. "Durchschnittlich wachsen die Füße von Kleinkindern etwa 1,5 mm im Monat. Ab drei Jahren werden die Intervalle mit einem Millimeter im Monat etwas länger." Meine Rechnung, Schuhe für die nächste Saison gebraucht online zu bestellen, geht also nicht auf: Die letzte Messung im Fachgeschäft ist einfach schon zu lange her.

Gebrauchte Kinderschuhe können schädlich und ungesund sein

Doch selbst bei einer aktuellen Größenmessung rät die Expertin vom Online-Kauf getragener Schuhe ab: "Die Wenigsten würden ihr Kind auf eine gebrauchte Matratze legen, die bereits ein anderer Körper vorgeformt hat", erklärt Silke Reith. "So ist es auch mit gebrauchten Schuhen, in denen ein fremder Fuß seine Konturen hinterlassen hat. Die Füße sind im Kleinkindalter weich und formbar und sollten nicht in das hinterlassene Fußbett des Vorträgers gepfercht werden." Denn dann, so die Expertin, bestehe die Gefahr, dass ein fremder Gang nachgeahmt werde.

Auch Physiotherapeut Andreas Stommel bestätigt dieses Risiko: "Ein fa­brikneuer Schuh passt sich immer dem Fuß und dem individuellen Gangbild des Kindes an. Für den nächsten Träger ist der Schuh damit ungeeignet, und es kommt zu Fehlbelastungen. Diese können zu überlasteten Gelenken, ausgeleierten Kapseln und Bändern und somit zu Schmerzen führen. Da­rüber hinaus können auch langfristige Fußdeformitäten wie ein Senk- oder Spreizfuß oder Zehendeformitäten entstehen." Stabilität und die richtige Führung, so der Experte, seien bei einem Kinderschuh besonders wichtig: "Insbesondere eine intakte Fersenkappe und eine stabile Schuhsohle sorgen dafür, dass das Fersenbein des Kindes beim Gehen nicht nach innen abknickt." Abgenutzte Schuhe können das oft nicht mehr leisten, da Schuhe nun einmal verschleißen.

Gebrauchte Kinderschuhe online kaufen?

Doch online gibt es ja nicht nur ausgetragene, sondern auch sehr gut erhaltene – teils sogar ungetragene – Schuhe aus zweiter Hand zu kaufen. Wenn es nach der Expertin geht, sollte man sich aber auch bei solchen Schnäppchen zurückhalten, weil das so wichtige Anprobieren entfällt. Dabei geht es nicht nur um die Größe: "Wir schauen uns die Füße hinsichtlich der Breite an und berücksichtigen auch, ob das Kind einen flachen Fuß oder höheren Spann hat", erklärt Silke Reith. Auch das Material, die Sohlendicke und Schafthöhe sowie das Laufstadium vom Kind spielen eine große Rolle. "Der Schuh sollte nicht zu locker sitzen und auch schmalen Fersen genügend Halt bieten, um den Fuß beim Laufen in seiner Position zu halten. Darüber hinaus soll er noch passen, wenn die Füße der kleinen Träger und Trägerinnen während der nächsten Monate wachsen. Deshalb sollte in der Schuhspitze auch seitlich genügend Raum für die dann länger gewordenen Zehen sein."

Bei gebrauchten Kinderschuhen macht die Sohle den Unterschied

Ist die Innensohle im neuwertigen Zustand und der Schuh seitlich noch nicht abgelaufen, können Schuhe laut Expertin an jüngere Geschwister vererbt werden. Sie warnt jedoch: "Auch Geschwister können ganz unterschiedliche Füße haben. So ist ein schmaler Fuß nicht gut aufgehoben im extraweit geschnittenen Schuh der großen Schwester." Einzige Ausnahme: Gummistiefel! Die sind problemlos weitervererbbar.

Kinder können die Passform nicht selbst beurteilen

Ich verstehe alles, was die Experten mir erklären – und dennoch will ich nicht aufgeben. Wenn die letzte Messung noch frisch ist und ich auf dem Flohmarkt ein Paar in der richtigen Größe entdecke, das noch nicht abgelaufen ist, dann muss ein Schnäppchen doch erlaubt sein? Erst recht, wenn mein Kind mir bei der Anprobe freudestrahlend bestätigt, dass dieser Schuh wunderbar passt und sehr bequem ist? "Dann würden wohl fast alle Kinder denjenigen Schuh als bequem bezeichnen, der die Lieblingsfarbe hat oder sogar blinkt!", entzaubert mich die Expertin. "Gerade kleine Kinder können das nicht wirklich beurteilen", ergänzt Silke Reith. "Was sich beim ersten Reinschlüpfen bequem anfühlt, kann später drücken, wenn der Schuh zu eng ist. Oder an der Ferse scheuern, falls er zu groß oder zu weit ist."

Das kommt mir bekannt vor – von meinen eigenen Schuhkäufen. Ich sehe ein: Die Investition in Kinderschuhe aus dem Fachhandel ist durchaus gerechtfertigt. Meine Schnäppchenjäger-Mentalität hebe ich mir künftig für andere Anschaffungen auf. Zum Beispiel für die Lego-Sammlung, die ich gestern auf Ebay entdeckt habe.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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