Geschwächtes Immunsystem

Keimfrei durch Corona?

Unsere Kleinen haben in den vergangenen Monaten wesentlich weniger Infekte durchgemacht als üblich. Eigentlich ein Grund zum Jubeln. Wäre da nicht die Frage, ob die Corona-Maßnahmen nicht nur Krankheitserreger, sondern auch das Immunsystem der Kids ausbremsen.

Dauerschniefnasen, bellender Husten, fiebrige Nächte: Eltern sind es gewohnt, dass der Nachwuchs so manchen Infekt nach Hause bringt. Doch seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie ist alles anders. Kontaktbeschränkungen, Abstandsregeln, Mundschutz und immer wieder Kita-Schließungen haben sich nicht nur auf die Verbreitung des Coronavirus ausgewirkt, sondern auch gleich eine ganze Reihe anderer Krankheiten verhindert. So hat das Robert Koch Institut zwischen März und August letzten Jahres 35 Prozent weniger Infektionskrankheiten in Deutschland verzeichnet als in den Jahren zuvor. Am gravierendsten – nämlich um 57 Prozent – sanken die Fallzahlen jedoch bei den Kleinsten zwischen null und vier Jahren.

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Unser Experte

Professor Christoph Härtel

ist Direktor der Kinderklinik des Universitätsklinikums Würzburg und u. a. spezialisiert auf Pädiatrische Intensivmedizin und Infektiologie.

 

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Professor Johannes Hübner

ist stellvertretender Direktor der Kinderklinik und Kinderpoliklinik im Dr. von Haunerschen Kinderspital München und Abteilungsleiter der Infektiologie.

Weniger Grippefälle durch AHA

"Bei uns, aber auch in den Kinderarztpraxen ging es diesen Winter deutlich ruhiger zu“, sagt der Direktor der Uni-Kinderklinik Würzburg, Professor Christoph Härtel. Eine Erfahrung, die Professor Johannes Hübner, stellvertretender Direktor des Haunerschen Kinderspitals in München teilt: "Atemwegserkrankungen, die bei Säuglingen und Kleinkindern einen schweren Verlauf nehmen können – verursacht durch RS- und Influenza-Viren – sind praktisch fast vollkommen ausgefallen." Auch die Masern oder durch das Rota- oder Norovirus ausgelöste Magen-Darm-Infekte seien signifikant zurückgegangen. "Die AHA-Maßnahmen haben zwar nicht wahnsinnig toll gegen die Verbreitung von Corona funktioniert, aber sehr gut gegen all diese anderen Krankheiten", so Infektiologe Hübner.

Ist das Immunsystem unterfordert?

Dass in Zeiten von Homeoffice und Homeschooling nicht auch noch Brechdurchfall die ganze Familie flachlegt, würden viele Eltern wohl als einen der wenigen positiven Nebeneffekte der Pandemie bezeichnen. Allerdings trainiert jeder Infekt auch den körpereigenen Abwehrmechanismus. "Jedes Kind hat ein angeborenes Immunsystem. Das ist aber nicht gegen spezifische Erreger gerichtet, sondern ist eine generelle Abwehrmöglichkeit", erklärt Infektiologe Härtel. Ergänzt werde es durch das sogenannte erworbene Immunsystem. Weil es sich mit Viren und Bakterien auseinandersetzt, bildet es spezifische Abwehrzellen und produziert Antikörper gegen einzelne Infektionserreger. Die Folge: "Bei erneutem Kontakt zeigen Kinder keine Symptome oder erkranken nicht so schwer." Doch genau dieser Prozess blieb jetzt aus. Ist das Abwehrsystem unserer Kinder also geschwächt, weil es durch AHA-Regeln im Winterschlaf war?

Kuscheln stärkt die Abwehr

Johannes Hübner kann besorgte Eltern beruhigen. "Unsere Kinder wachsen ja trotz Corona-Regeln nicht steril auf. Sie sind ständig mit Bakterien und Antigenen in Kontakt. Diese sitzen etwa auf unserer Haut oder im Hausstaub, und wir nehmen sie über Lebensmittel wie Salate oder den Apfel vom Markt auf." Studien würden belegen: Auch Kinder ohne Geschwister, die in den ersten drei Lebensjahren keine Krippe besuchen, in der Legosteine von Mund zu Mund wandern, entwickeln ein gesundes Abwehrsystem.

So sieht das auch Kinderarzt Härtel: "Kinder müssen nicht in einer bestimmten Zeit eine gewisse Zahl von Infekten durchlaufen, um ein reifes Immunsystem zu haben. Das ist vielmehr ein lebenslanger Prozess." Wichtig sei, so die beiden Kinderärzte, den Nachwuchs nicht in Watte zu packen, viel in der Natur zu sein und keine Desinfektionsorgien zu veranstalten. Eine ausgewogene Ernährung, viel Kuscheln sowie Spielen mit anderen Kindern sorgen für einen extra Push.

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Impfen nicht vergessen

Auch wenn die Experten Entwarnung geben: Den Impfplan sollten Eltern nicht aus den Augen verlieren. "Denn neben banalen Infekten gibt es Viruserkrankungen, die lebensbedrohlich sein können, wenn Säuglinge und Kleinkinder zum ersten Mal mit ihnen in Kontakt kommen", betont Hübner. Gut im Blick haben die beiden Infektiologen auch das Influenzavirus. Da wir zuletzt noch nicht mal einzelnen Erregerstämmen ausgesetzt waren, könnte es im Herbst und Winter zu einer Grippewelle kommen. "In Österreich und England werden Kinder schon geimpft, das halte ich für eine gute Idee", sagt Professor Hübner. Denn Influenza sei für die Kleinsten in der Regel gefährlicher als Covid. Zudem würden so auch Erwachsene geschützt. "Im Gegensatz zu Covid-19 sind hier nämlich vor allem Kinder die Hauptüberträger", erklärt Härtel. Und was können Eltern selbst tun, damit Infekte nicht gleich die Runde machen? "Kinder mit Symptomen ins Bett, statt in die Kita zu bringen. Das hat während der Pandemie gewirkt, und wird uns auch danach helfen", betont Hübner.

Autorin: Ruth van Doornik

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