Badeunfälle vermeiden

Kinder ertrinken lautlos ...

Sommerzeit ist Badezeit! Wir wollen euch den Spaß am Wasser nicht verderben – dieser Text ist trotzdem wichtig. Denn noch immer ertrinken Kinder, weil Eltern nicht aufmerksam genug sind.

Kennt ihr das? Es ist einer der ersten Sommertage, an denen das Freibad so richtig voll ist. Ihr habt nur schnell gefühlte zehn Sekunden aufs Handy geschaut – doch als ihr wieder aufblickt, seht ihr euer Kind, das gerade noch am Beckenrand spielte, nicht mehr. Herzklopfen, hektisches Hin- und Herschauen. Zum Glück entdeckt ihr euren kleinen Schatz im Getümmel und schwört euch, das Handy für den Rest des Schwimmbad-Besuches in der Tasche zu lassen.

Gut so. Denn laut der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) kosten genau solche "Mal-kurz-abgelenkt-sein"-Momente noch immer Kinderleben: 2019 ertranken in Deutschland 25 Kinder unter zehn Jahren – 17 davon waren im Vorschul-, acht im Grundschulalter.

Auch wenn es in Filmen oft anders inszeniert wird: Bevor Kinder ertrinken, winken, strampeln oder schreien sie in der Regel nicht. In Fachkreisen ist von "stillem Ertrinken" die Rede. "Das Problem ist die Schockstarre", sagt Ulf Bühligen, Leiter der Poliklinik für Kinderchirurgie am Uniklinikum Leipzig. "Ertrinkende Kinder verschwinden ganz plötzlich."

Anzeichen für stilles Ertrinken

Um einen tödlichen Badeunfall zu vermeiden, solltet ihr eure Kinder ununterbrochen im Blick behalten – gerade weil die Anzeichen für stilles Ertrinken nicht immer leicht zu erkennen sind und es im Ernstfall dann rasend schnell geht.

  • Ertrinkende Kinder können oft nicht schreien. Sie ringen um Luft, ihre Kraft reicht nur zum Atmen. Hinzu kommt, dass der Mund immer wieder unter Wasser taucht, es bleibt kaum Zeit für einen Hilfeschrei.
  • Auch winken ist nicht immer mögllich. Instinktiv drücken ertrinkende Kinder ihre Arme seitlich ausgestreckt auf die Wasseroberfläche, um den Körper oberhalb des Wassers zu halten. Ihnen fehlt die Kraft, die Arme nach oben zu reißen. So können sie nicht auf sich aufmerksam machen.
  • Der Körper ertrinkender Kinder steht meist senkrecht im Wasser oder treibt an der Wasseroberfläche. Ertrinkende Kinder können nicht mehr schwimmen, verharren an einer Stelle – oft kommt Hilfe schon nach einer Minute zu spät: In der Regel kann sich ein Kind in so einer Situation nur 20 bis 60 Sekunden an der Wasseroberfläche halten.

Erste Hilfe leisten nach einem Badeunfall – aber wie?

Die gute Nachricht: Kinder können in der Regel einfacher gerettet werden als Erwachsene, da sie weniger Kraft haben und ihren Retter deshalb nicht durch panisches Umklammern unter Wasser drücken können. Wer es sich zutraut, ein gefährdetes Kind selbst an Land zu holen, sollte – sofern vorhanden – Hilfsmittel (z. B. Schwimmweste oder Rettungsring) mit ins Wasser nehmen. Wichtig ist, die eigenen Kräfte richtig einzuschätzen, um nicht völlig verausgabt beim ertrinkenden Kind anzukommen. Während man den kleinen Körper ans Ufer zieht, sollte man darauf achten, dass der Kopf des Kindes möglichst über Wasser gehalten wird. An Land bitte sofort mit Erste-Hilfe-Maßnahmen beginnen: Ist das Kind bei Bewusstsein, zieht ihm die nasse Kleidung aus, packt es in eine warme Decke, verständigt einen Notarzt. Falls es bewusstlos ist: sofort mit der Wiederbelebung beginnen.

Sekundäres Ertrinken: Wenn Kinder auch an Land keine Luft mehr bekommen

Achtung: Selbst nach dem Schwimmen, wenn Kinder wieder im Trockenen oder längst zu Hause sind, bleibt es nach einem Badeunfall wichtig, für mindestens 24 Stunden genau auf bestimmte Symptome zu achten. Denn tatsächlich können Kinder auch an Land noch ertrinken. Dieser medizinische Notfall wird "sekundäres Ertrinken" oder "zweites Ertrinken" (Secondary Drowning) genannt. In der Regel geht sekundärem Ertrinken ein Badeunfall voraus, beispielsweise wenn ein Kind fast ertrunken wäre oder beim Baden viel Wasser eingeatmet hat, das in die Lungen gelangt ist. In der Lunge können – zeitlich verzögert – Komplikationen auftreten. Es kommt zu einem Sauerstoffmangel, der sofort behandelt werden muss.

Symptome, die auf einen Sauerstoffmangel hindeuten, sind zum Beispiel verfärbte Lippen, Husten, ungewöhnliches Atmen oder ein teilnahmslos wirkendes Kind. Jetzt ist es notwendig, sofort einen Notarzt zu rufen. Selbst wenn sich ein Kind zunächst gut von dem Badeunfall erholt zu haben scheint, sollte es vorsorglich in einer Klinik untersucht werden, um zweites Ertrinken zu vermeiden.

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Trockenes Ertrinken – es kommt nicht auf die Tiefe an

Eine weitere Gefahr ist das "Trockene Ertrinken" (Dry Drowning), das fälschlicherweise oft mit sekundärem Ertrinken gleichgesetzt wird. Anders als beim sekundären Ertrinken ist beim trockenen Ertrinken kein Wasser in die Lunge des Kindes gelangt. Vor allem bei Kleinkindern, die mit dem Kopf in Wasser geraten, verschließt sich die Stimmritze reflexartig, damit das Kind kein Wasser einatmet. Dieser Reflex kann allerdings in einen Stimmritzenkrampf übergehen, und das Kind bekommt augenblicklich keine Luft mehr. Löst sich der Krampf nicht rechtzeitig, kann er zum Ersticken führen, weil das Kind nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Die Anzeichen für trockenes Ertrinken (z. B. Husten, Atemschwierigkeiten) sind nicht zu übersehen, der Zustand tritt sofort ein. Auch jetzt ist es entscheidend, schnell die 112 zu wählen.

Vor Angst gelähmt – der Totstellreflex

Es droht also nicht nur in tieferen Gewässern Gefahr. Auch in heimischen Badewannen, Gartenteichen oder Regentonnen können Unfälle passieren. Kinderchirurg Bühligen empfiehlt daher: "Den eigenen Teich oder Pool sichern! Denn nicht die Wassertiefe, sondern die leichte Zugänglichkeit des Gewässers stellt das höchste Risiko dar." Für Kinder unter drei Jahren ist auch flaches Wasser gefährlich, da sie einen sogenannten Totstellreflex haben: Selbst wenn das Wasser nur wenige Zentimeter tief ist – wie das zum Beispiel bei einer Pfütze der Fall ist –, können Kleinkinder vor lauter Angst ihren Kopf nicht mehr aus dem Wasser heben, denn sie sind wie gelähmt.

So sorgen Eltern richtig vor

Am wichtigsten ist es demnach tatsächlich, Kinder in Wassernähe nicht aus den Augen zu lassen. Verlasst euch im Schwimmbad nicht auf den Bademeister: Die Aufsichtspflicht liegt zu 100 Prozent bei den Eltern! Um Kinder vor dem Ertrinken zu schützen, sollten sie eine Schwimmhilfe tragen, die zu Größe und Gewicht passt und auf Sicherheit geprüft ist. Die Sicherheitsnorm für Schwimmhilfen lautet "EN 13138". Experten empfehlen Schwimmwesten, weil diese beim Planschen nicht so leicht wegrutschen wie zum Beispiel Schwimmflügel.

Eine weitere Präventionsmaßnahme ist es, Kinder frühzeitig an Wasser zu gewöhnen, damit sie keine Angst entwickeln und gleichzeitig einen respektvollen Umgang mit Wasser lernen. Eine wichtige Regel lautet: Nie alleine ans Wasser gehen, auch nicht an flaches! Übt mit euren Kids so früh wie möglich den sogenannten Pustereflex: Spritzt eurem Kind dazu etwas Wasser ins Gesicht und bringt ihm bei, zu pusten, anstatt das Wasser einzuatmen. Mit etwa fünf Jahren sollten Kinder dann einen Schwimmkurs machen.

Unser Experte

Prof. Ulf Bühligen ist Leiter der Poliklinik für Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Leipzig – und setzt sich dafür ein, Eltern gut zu informieren, um Kinderunfälle zu vermeiden.

Autorin: Cristina Sandner

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