Immer mehr Jugendliche konsumieren Cannabis

Hilfe, mein Kind kifft!

Jugendliche konsumieren immer mehr Cannabis. Über die Risiken wissen sie wenig. Höchste Zeit für ein paar Fakten zum Gras.

"Chill mal, Mama!" Lisa Rau* weiß nicht, wie oft sie diesen Satz schon gehört hat, wenn sie mit ihrem Sohn Jonas* übers Kiffen reden wollte. Mit 14 hatte der Berliner Gymnasiast angefangen, Gras zu rauchen. Rau erinnert sich noch gut an den Moment, als ihr das klar wurde: "Ich hatte es gerochen. Außerdem gehört Jonas zu den Leuten, denen man sofort ansieht, wenn sie bekifft sind. Ich finde das richtig bescheuert, aber ich kann es ihm ja nicht verbieten." Seit fünf Jahren raucht Jonas nun schon täglich Gras. "Es ist einfach unheimlich schwer, es sein zu lassen, wenn alle anderen auch kiffen", sagt seine Mutter. 

Tatsächlich ist Jonas mit seinem frühen Einstieg nicht allein. 14,6 Jahre alt sind Berliner Jugendliche im Schnitt, wenn sie zum ersten Mal an einem Joint ziehen, 1,8 Jahre jünger als der Bundesdurchschnitt. Das ergab eine Befragung der Fachstelle für Suchtprävention in der Hauptstadt. "Viele Jugendliche denken, Cannabis sei total harmlos", sagt Tina Hofmann, die fachliche Leiterin. Kein Wunder, denn gerade in Berlin könne man an jeder Ecke Cannabis kaufen, oft steige einem der typische Geruch von Gras in die Nase. Kiffende Jugendliche sind aber nicht nur ein Phänomen der Hauptstadt. Nachdem die Konsumentenzahlen in Deutschland seit 2004 gesunken waren, stiegen sie in den letzten Jahren wieder an. 9,6 Prozent der Jugendlichen gaben laut dem aktuellen Drogenbericht der Bundesregierung 2018 an, schon einmal gekifft zu haben, 1,3 Prozentpunkte mehr als 2016. Bei den 18- bis 25-Jährigen waren es schon 40,5 Prozent. Hier ist der Anstieg mit 6,7 Prozentpunkten noch deutlicher. 

Magazin SCHULE im Abo

Das Magazin SCHULE ist kompetenter Ratgeber und verständnisvoller Begleiter für Eltern von Schulkindern.

Cannabis – eine sanfte Droge?

Wie gefährlich aber ist Cannabis? Stimmt das Klischee von der sanften Droge? Experten unterscheiden hier danach, wann und wie oft konsumiert wird. "Je früher im Leben begonnen und je intensiver gekifft wird, desto größer ist das gesundheitliche Risiko", stellt Eva Hoch, Leiterin der Forschungsgruppe Cannabinoide am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München, klar. "Die aktuelle Studienlage legt nahe, dass schon ein bis zwei Joints das jugendliche Gehirn schädigen können", sagt Hoch. Als Forscherin, die sich seit 15 Jahren mit den Risiken von Cannabis auseinandersetzt, warnt sie Jugendliche klar vor der Substanz. "Das Gehirn ist in der Pubertät empfindlich. Es reift vermutlich bis ins 25. Lebensjahr hinein. Durch Cannabis wird diese Entwicklung gestört."

Was beim Kiffen im Körper passiert

Erklären lässt sich das durch einen Blick in das Nervensystem. In den Neunzigerjahren entdeckten Forscher, dass der Mensch über ein eigenes Cannabinoid-System verfügt, mit körpereigenem Cannabis und den dazu passenden Rezeptoren. Es spielt bei einer Vielzahl von Funktionen im Körper eine Rolle und ist in der Pubertät an der Gehirnreifung beteiligt. "Beim Kiffen wird dieses System mit Cannabinoiden 'überschwemmt', die sich nicht so schnell abbauen wie die körpereigenen", erklärt Hoch. "Werden die Rezeptoren aber ständig von gerauchtem Cannabis blockiert, kann sich das Cannabinoid-System verändern." Die aktuellste Forschung lege nahe, dass das die Struktur und Funktion des Gehirns beeinflusse. Auch in die Entwicklung des Belohnungssystems greift Cannabis ein, bei regelmäßigem Konsum kommt es zu einer Sensibilisierung. Cannabis wird dann als besonders belohnend empfunden, während die bisherigen natürlichen Verstärker wie Sporttreiben oder Musizieren kaum mehr wirkten – der ­erste Schritt zur Abhängigkeit.

Die negativen Folgen des Kiffens musste auch Lisa Rau an ihrem Sohn beobachten. Immer träger und gleichgültiger sei Jonas geworden. Oft habe er schon direkt nach der Schule den ersten Joint geraucht und dann den restlichen Tag mit Videospielen verbracht. Alles andere sei ihm nicht mehr wichtig gewesen. "Das Kiffen ließ ihn stagnieren", sagt Rau. Jonas sei zwar unheimlich schlau, aber in allem ein Spätzünder. Sie erklärt sich das so: "Wenn du in der Pubertät, in der Zeit, in der du eigentlich zu einer Persönlichkeit reifst, alles nur noch gedämpft wahrnimmst, ist die Identitätsfindung wahnsinnig schwer." Auch in der Schule häuften sich die Probleme. Letztendlich habe er dadurch sein Abi vergeigt.

Auch das ist aus der Forschung bekannt: Je früher und intensiver ein Jugendlicher kifft, desto höher ist das Risiko, in der Schule oder Ausbildung zu scheitern. "Wer früh mit dem Kiffen anfängt und dann durchgängig intensiv konsumiert, hat ein viel höheres Risiko für Probleme mit dem Denken, mit Gedächtnis, Konzentration und Intelligenz", sagt Eva Hoch. Immerhin könne sich das Gehirn eventuell wieder erholen, wenn man mit dem Kiffen aufhöre. Wie lang die Abstinenz dafür sein muss, sei allerdings noch nicht ausreichend erforscht. 

Lebenslange Folgen kann Cannabis für Konsumenten haben, die besonders empfindlich für psychische Erkrankungen sind. "Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Kiffen und Angststörungen, bipolaren Störungen, Depressionen und Psychosen", sagt Hoch. Allerdings sei Cannabis nicht der einzige Auslöser. Gibt es eine Vorbelastung, kann es aber die Krankheit zum Ausbruch bringen. „Ungefähr ein Drittel der Bevölkerung hat Risiko­gene für eine Psychose“, sagt Hoch. Das Problem: Man weiß in der Regel erst, ob man dazugehört, wenn es zu spät ist. 

Hinzu kommt, dass heute deutlich stärkeres Cannabis auf dem Markt ist als früher. Laut aktuellem Drogenbericht hat sich der Gehalt des Hauptwirkstoffs THC im Cannabis seit 1996 mehr als verdreifacht. Dadurch verstärkt sich zum einen die berauschende Wirkung. THC wird aber auch für unerwünschte Folgen des Konsums wie Einbußen in der Kognition, Angst und Psychosen verantwortlich gemacht. Gleichzeitig wurde der zweite Hauptwirkstoff Cannabidiol (CBD), der vermutlich einen eher schützenden Effekt hat, aus vielen Produkten herausgezüchtet — mit gefährlichen Folgen: "In der deutschen Suchthilfestatistik sieht man, dass die Behandlungszahlen kontinuierlich angestiegen sind", sagt Eva Hoch. Das gelte für ganz Europa. Eine im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie des Londoner King’s College in mehreren Ländern zeigt, dass in Großstädten wie London oder Amsterdam, wo der THC-Gehalt im Cannabis deutlich höher ist, fünfmal mehr Psychosen auftreten als in ländlichen Gebieten.

Mein Kind kifft – was tun?

Wie aber können Eltern ihre Kinder vor Cannabis schützen? Am wichtigsten sei es, mit den Jugendlichen im Gespräch zu bleiben und sie über die Wirkungen und Risiken des Kiffens zu informieren, sagt Tina Hofmann von der Fachstelle für Suchtprävention in Berlin. "Man denkt immer, sie sind schon groß und brauchen einen nicht mehr. Der Eindruck täuscht aber, sie benötigen eine Bezugsperson und die Konfrontation." Die Erfahrung zeigt, dass Teenager den Cannabiskonsum am ehesten hinaus­zögern, wenn ihre Eltern klare Ansagen machen, etwa: Ich möchte nicht, dass du vor 18 kiffst. 

Auch Andreas Gantner vom Therapieladen e. V. in Berlin rät, mit den Jugendlichen im Dialog zu bleiben. Was wissen sie bereits über Cannabis? Was haben sie in der Schule gehört? Was denken sie darüber? „"Manchmal haben die Kids den Eindruck, alle würden kiffen. Wir haben zwar ab einem gewissen Alter recht hohe Quoten bei denen, die es zumindest schon einmal probiert haben." Man müsse aber auch die andere Seite sehen: Viele wollen nichts damit zu tun haben und wissen, dass es ungesund ist. 

Haben Eltern den Verdacht, dass ihr Kind kifft, sollten sie das auf jeden Fall ansprechen und den Konsum nicht dramatisieren. "Viele machen ja in der Pubertät ihre Erfahrungen", sagt Gantner. "Für die meisten bleibt es aber beim Probieren oder gelegentlichen Kiffen auf Partys." Wichtig sei es, die gesamte Lebensrealität des Jugendlichen im Blick zu behalten und nicht nur noch über das Kiffen zu sprechen. Spätestens wenn Freunde, Familie oder Hobbys vernachlässigt werden oder die Schule unter dem Konsum leidet, sollte man aber professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. 

Jonas Rau scheint auf einem guten Weg zu sein: Gerade hat er eine Ausbildung zum Schlosser begonnen. Auch seine Einstellung zum Kiffen ist kritischer geworden. "Jonas hat sich selbst eine Kiffpause auferlegt", berichtet Lisa Rau stolz. Bis Ostern möchte er durchhalten.

Ideen und Hilfe:

  • Internet: www.drugcom.de, Internetangebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
  • Telefon: persönliche anonyme Telefonberatung der BZgA zur Suchtprävention: 02  21/ 89  20  31 (Mo–Do 10–22 Uhr, Fr–So 10–18 Uhr)
  • Für Schulen: "Schule und Cannabis – Regeln, Maßnahmen, Frühintervention", Leitfaden für Schulen und Lehrkräfte der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Autorin: Kristina Gärtner

Teile diesen Artikel: