Ärztin fordert sofortige Kitaöffnungen

Kinder brauchen Viren und Bakterien

Seit Wochen sind Kitas wegen des Coronavirus geschlossen. Ihr Immunsystem können Kinder aber nur aufbauen und stärken, wenn sie in Kontakt mit Viren und Bakterien kommen. Die HNO-Ärztin Dr. Elisabeth Herold fordert daher, die Einrichtungen zu öffnen – auch ohne strikte Abstands- und Hygienevorschriften.

11. Mai 2020

Dr. Elisabeth Herold: "Gegenwärtig wird diskutiert, wann und unter welchen Umständen Kitas wieder öffnen sollen. Die Rede ist davon, dies nur unter Einhaltung strikter Abstands- und Hygieneregeln zu erlauben, denn Kinder könnten 'kleine Virenschleudern' sein (so der Titel eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung). Aus meiner Sicht als HNO-Ärztin blendet man dabei jedoch einen wesentlichen Aspekt aus: Kinder entwickeln überhaupt erst in den ersten Lebensjahren ihr Immunsystem (als Säuglinge sind sie noch bis etwa zum sechsten Lebensmonat durch das nachwirkende Immunsystem der Mutter geschützt). Das ist ihnen aber nur möglich, wenn sie in ihrem Umfeld, insbesondere im Kontakt mit anderen Kindern, Bakterien und Viren ausgesetzt werden und dadurch die körpereigenen Abwehrkräfte (also ihr Immunsystem) ausbilden und stärken können.

Kleine Kinder sind häufig krank – das ist ganz normal

Deshalb erkranken Kinder bis zum fünften Lebensjahr in der Regel etwa alle sechs Wochen an Infekten der oberen Luftwege, in nahezu allen Fällen mit milden Symptomen (Halsweh, Husten, Schnupfen, leichtes Fieber), die sie rasch überwinden. In diesen Zeiten kann dies – neben den längst bekannten Bakterien und Coronaviren – auch das Covid-19-Virus einschließen, welches bei Kindern meistens, wenn überhaupt, nur milde Symptome hervorruft.

Wenn man Kleinkinder nun über einen längeren Zeitraum in Quarantäne hält und, wie derzeit offenbar von den Behörden angedacht, sie nach Rückkehr in die Kitas dort strengen Hygienemaßnahmen unterwirft, wie häufige Desinfektion der Hände und Abstandsregeln, dann verwehrt man ihnen die Möglichkeit, ein lebenslang wirkendes stabiles Immunsystem aufzubauen. Das würde sich mittelfristig auf die Gesundheit einer ganzen Altersklasse verheerend auswirken – von den sozialen und psychischen negativen Folgen ganz zu schweigen.

Unsere Expertin:

Dr. med. Elisabeth Herold führt eine HNO-Praxis mit Schwerpunkt Allergologie und Immunologie in Frankfurt am Main. Mehr Infos unter: brueck-hno.de

Kitas müssen wieder öffnen – ohne strikte Abstands- und Hygieneregeln

Deshalb müssen Kitas umgehend wieder öffnen, und zwar unter Verzicht auf strikte Abstands- und sonstige Hygienevorschriften, wie sie Jugendlichen und Erwachsenen zumutbar sind. Häufiges Händewaschen mit klassischer Seife ist okay, mehr aber auch nicht. Desinfektionsmittel schädigen nämlich den natürlichen Schutz der Haut. Unklar ist derzeit überhaupt noch, ob und wenn ja wie häufig kleine Kinder überhaupt Erwachsene anstecken können. Sicherlich sollten sich die Betreuer in Kitas selbst schützen und Zugang zu Tests haben. Sollten Covid-19-Infektionen punktuell in Kitas auftreten, kann und muss man in solchen Einzelfällen rasch handeln.

Zu erwarten ist aber, dass nach acht Wochen Quarantäne bei Wiedereröffnung der Kitas überproportional viele Kinder zeitnah an 'normalen' Infektionen erkranken werden – das ist aber kein Grund zu übertriebener Sorge. Kinder mit Fieber sollten allerdings nicht in die Kita gehen."

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