Gedanken einer wütenden Mutter

Kinder als Hai-Futter: Klassenfahrt in die Klinik

Die Zwillinge unserer Autorin sind zum ersten Mal auf Klassenfahrt. Eigentlich ja toll – wäre da nicht das offenbar vollständig fehlende Hygiene-Konzept für eine solche Reise. In einer Stadt, die aktuell zu Deutschlands Corona-Hotspots zählt ...

Ich war in den vergangenen Monaten oft wütend. Aber gerade bin ich richtig wütend. Wieso?

Meine siebenjährigen Zwillinge sind seit ein paar Stunden zum ersten Mal auf Klassenfahrt. Schön, könnte man denken: Endlich mal ein bisschen Normalität. Bis heute Morgen um 7.45 Uhr war ich guter Dinge.

Als ich die beiden am Treffpunkt übergab, hätte ich sie am liebsten gleich wieder mit nach Hause genommen. Rund 70 Schüler warteten dort. DREI Klassen anstatt nur die meiner Kinder. Kein Abstand im Gewusel. Masken auf halb acht. Statt wie ursprünglich mal geplant mit dem Reisebus fährt die gesamte "Kohorte" mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ungetestet, versteht sich. In einer Stadt, die mit einer 7-Tage-Inzidenz von 87 ganz weit vorne liegt in Deutschland.

Schön und gut, dass die Impf-Empfehlung der Stiko für über 12-Jährige endlich da ist. Aber diesen "Bei-den-Kleinen-lassen-wir-jetzt-Durchseuchung-zu"-Move verstehe ich beim besten Willen nicht. 17 Monate haben wir uns zusammengerissen. Dafür, dass jetzt plötzlich alles egal ist?

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Seit über einem Jahr schreien wir Eltern in die Welt, dass es so nicht geht. Dass wir funktionierende Konzepte für die Kitas und Schulen brauchen. Dass die Minis nicht vergessen werden dürfen. Gehört wurde offenbar gar nichts von all dem. Und anstatt vernünftig zu handeln, die Kinder in solch einer Situation wirklich wieder mit nach Hause zu nehmen, machen wir: nichts. Wollen ihnen nicht das kleine Stück Normalität nehmen, das endlich wieder zum Greifen nah ist. Und unseren Nerven nicht das antun, wovon wir Anfang des Jahres alle schon mehr als genug hatten.

Kennt ihr schon diese herrlich treffende Illustration mit dem Hai, der vor der Küste auf und ab schwimmt? Am Strand steht ein Mann, der die Menschen dazu auffordert, die Kinder wieder ins Wasser zu lassen: "Es wird doch nur ein Prozent gefressen." Sind wir tatsächlich so müde, dass wir genau das im Pandemie-Irrsinn zulassen – und alle einfach hoffen, dass es nicht das eigene Kind sein wird, das in der Klinik beatmet werden muss?

Ich bin nicht nur wütend. Sondern auch ratlos. Und habe Bauchweh. Wenn ich an diese Woche denke, wenn ich an den Herbst denke – und wenn ich daran denke, dass die Frage nicht mehr ist, ob meine Kinder krank werden. Sondern wann und wie schlimm.

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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