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"Gewitter im Kopf"

Migräne bei Kindern

Kinder leiden nicht nur unter Kopfschmerzen, sondern auch unter Migräne. Wie Eltern Symptome erkennen und wie man den Schmerz in den Griff bekommt, erklärt Kinderneurologe Dr. Raymund Pothmann im Interview.

Herr Dr. Pothmann, leiden Kinder tatsächlich schon unter Migräne?

Dr. Raymund Pothmann: Ja, schon vor der Einschulung berichten etwa zehn Prozent der Kinder über Kopfschmerzerfahrungen. Wir gehen davon aus, dass mindestens eines von hundert Kindern an einer ausgeprägten Migräne leidet, nach der Einschulung sind es dann bis zu zwölf Prozent.

Was genau passiert denn bei Migräne?

Wenn Menschen die Veranlagung zur Migräne haben, reagiert ihr Gehirn sensibler auf äußere Einflüsse. Dazu zählen Licht und Lärm, aber auch Stress, der etwa durch Schlafmangel oder Streit ausgelöst wird. Wenn das Gehirn mit diesen Reizen überfordert ist, schaltet es auf Gewitter um.

Wie unterscheidet sich die kindliche Migräne von der eines Erwachsenen?

Migräne-Attacken bei Kindern sind zwar kürzer, aber sie werden viel häufiger von heftigem Erbrechen begleitet als bei Erwachsenen. Und die Kinder beschreiben ihre Schmerzen nicht zwingend im Kopf. Oft projizieren sie die Migräne auf den Bauch, denn diesen kennen sie bereits als Schmerzort.

Wie können Eltern von kleinen Kindern erkennen, dass diese unter starken Kopfschmerzen oder Migräne leiden?

Wenn die Kinder urplötzlich mit dem Spielen aufhören und wegen der Schmerzen nicht mehr herumlaufen können, deutet das auf Migräne hin. Wenn es ihnen gut tut, in einem abgedunkelten, leisen Raum zu liegen, dann ist das auch ein Zeichen, ebenso wie Erbrechen als Vorbote und als Begleiterscheinung.

Haben Kinder auch Aura-Erlebnisse, also Wahrnehmungsstörungen als Vorbote einer Migräne?

Ja, es kann zum Beispiel vorkommen, dass ein Kind in einer Art Zoom-Effekt alles größer oder kleiner sieht. Oder es nimmt alles um sich herum verformt wahr. Das nennt sich Alice-im-Wunderland-Syndrom. Mit einem Fieberwahn hat die Aura übrigens nichts zu tun, denn bei Migräne haben die Patienten keine erhöhte Temperatur.

Wie finden Eltern heraus, ob ihre Kleinen eine Aura erleben?

Da müssen sie sehr konkret nachfragen, da Kinder sich nicht so gut selbst dazu äußern. Hilfreich ist es, die Kleinen zeichnen zu lassen, was sie da sehen, und dies dem Kinderarzt zu zeigen.

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Das ist das Stichwort: Wann sollten Eltern mit ihrem Nachwuchs zum Arzt gehen?

Wenn der Kopfschmerz-Anfall so heftig ist, dass er das Kind zum Liegen zwingt. Oder wenn das Kind regelmäßig über Kopfschmerzen klagt. Der Arzt schaut dann nach, welche Ursachen für die Kopfschmerzen infrage kommen – das können auch mal eine Sehstörung oder eine Ohrenentzündung sein.

Dürfen Kinder Medikamente gegen Migräne nehmen?

Ja. Eltern sollten auch nicht zögern, ihrem Kind durch die richtige Medizin schnell Linderung zu verschaffen, sonst quält es sich unnötig. Der Wirkstoff Ibuprofen ist in erster Linie für kindliche Migräne geeignet, oder auch Paracetamol. Welcher Wirkstoff aber genau passt, klären Eltern am besten gemeinsam mit dem Arzt. Schmerzmittel sollten jedoch nicht häufiger als zwei Mal pro Woche zum Einsatz kommen.

Welche alternativen Behandlungsformen sind für Kinder geeignet?

Alles, was stressresistenter und entspannter macht. Kinder lieben zum Beispiel Fantasiereisen. Auch die progressive Muskelentspannung nach Jacobson funktioniert bei kleinen Patienten sehr gut.

Und wie gestalten Eltern den Alltag ihres Kindes bestenfalls, um gegen Kopfschmerzen und Migräne vorzubeugen?

Sie sollten darauf achten, dass ihr Kind ausreichend trinkt und regelmäßig isst. Ein gemeinsames Frühstück nimmt den Kindern am Morgen die Hektik. Außerdem hilft es, wenn sie regelmäßig und ausreichend schlafen. Kürzere Fernsehzeiten und weniger Computerspiele können auch nicht schaden.

Detektivarbeit: Der Migräne-Kalender

Um Migräne in den Griff zu bekommen, sollten Kinder ihre Erfahrungen aufzeichnen. Das gibt einerseits dem Arzt wertvolle Hinweise bei der Suche nach dem Grund für die Kopfschmerzen. Eine Art Schmerz-Tagebuch hilft andererseits auch Eltern und Kindern dabei, den Auslösern auf die Schliche zu kommen – und diese in Zukunft zu vermeiden.

Der Migräne-Kalender zum Ausdrucken und weitere Tipps unter www.delfin-kids.de

Unser Experte:

Dr. Raymund Pothmann, Kinderneurologe und Direktor am Zentrum Integrative Kinderschmerztherapie am Krankenhaus Alsterdorf, Hamburg

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