Oh Sohle mio!

Spielen mit Alltagsgegenständen: Darauf sollten Eltern achten

Wie gefährlich ist es eigentlich, wenn mein Kind am Turnschuh kaut, den Hausschlüssel ableckt oder mit der Blumenerde spielt? Ein Kinderarzt gibt Antworten.

Eigentlich ist es egal, wo ich mit meiner Tochter hingehe. Ich habe das Gefühl, sie läuft immer mit der Zunge voran. Alles wird in den Mund gesteckt oder angeleckt. Zusätzlich wird natürlich an sämtlichen Dingen gezerrt und gezogen. Jeder Spielplatz, jeder Einkaufsladen, jede fremde Wohnung sind das pure Abenteuer für meine kleine Entdeckerin und versetzen mich in pausenlose Hab-Acht-Stellung. Wenn wir dann nach Hause kommen, gibt sie ihre Neugierde – zum Glück – nicht an der Wohnungstür ab, sondern spielt mit den unterschiedlichsten Alltagsgegenständen weiter. Die sind häufig sogar viel spannender als das bunte, quietschende Plastikspielzeug. Ich allerdings entspanne ich mich beim Überschreiten der Schwelle merklich. Was soll schon passieren, wenn sie mal wieder das Schlüsselbund vollsabbert oder an meinen Schuhsohlen kaut. So ein paar Keime schaden schließlich nicht. Oder etwa doch? Der Kinderfacharzt Dr. Vitor Gatinho (38) klärt auf.

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Unser Experte

Dr. Vitor P. Gatinho (38) ist Familienvater und Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Frankfurt am Main. Auf der Social-Media-Plattform Instagram klärt er seit einem Jahr über vielfältige Themen rund ums Kind auf. Mittlerweile haben über 230.000 Menschen seinen Kanal (@kids.doc.de) abonniert, mehr als 140 Beiträge sind entstanden.

Der Haustür- oder Autoschlüssel

Handelt es sich um den Schlüssel an sich, ist es nicht so schlimm, wenn Kleinkinder diesen mal in den Mund nehmen. Selbst mögliche Schmieröl-Rückstände fallen oft zu gering aus, um bedenklich zu sein. Viele vergessen aber, dass an Schlüsselbunden oft kleine Anhänger wie Minitaschenlampen baumeln. "Die sind üblicherweise nicht kindgerecht, nicht genormt und können gefährlich werden, denn darin befinden sich Knopfbatterien. Wenn Kinder die verschlucken, handelt es sich immer um einen Notfall, weil es zu massiven Problemen kommen kann. Egal, ob die Knopfzelle in der Speiseröhre bleibt oder im Magen landet, sie fällt auf eine feuchte Umgebung – und es fließ sofort Strom. Das Gewebe an der Stelle schmort, es kommt zur Perforation des betroffenen Organs und schon nach 20 Minuten sind die Verbrennungen innerlich sichtbar", erklärt Dr. Gatinho. Deshalb sollten Eltern schon beim bloßen Verdacht des Verschluckens ins Krankenhaus fahren.

Schuhe

Iiiieh! Erwachsene finden es natürlich eklig, wenn das Kind an einem Schuh oder gar einer Sohle leckt oder kaut. Aber: "Die Gefahr, dass wirklich etwas passiert, ist gering", beruhigt Dr. Gatinho. "Natürlich könnten die Kinder Keime aufnehmen und auch mal Durchfall bekommen. Das kann aber auch passieren, wenn sie auf dem Spielplatz an irgendetwas lecken."

Blumenerde

Jedes Kind hat sich schon einmal Sand in den Mund gesteckt, und nichts ist passiert. Aber bei Blumenerde sieht die Sache anders aus. "Wenn die Erde mit Düngemittel angereichert wurde oder etwa ein Pflanzenstift darin steckt, bedeutet das eine Gefahr, weil diese Stoffe giftig sind. Es gibt zwar auch Erden, die nur natürliche Düngemittel enthalten, die etwa für Haustiere ebenfalls unbedenklich sind, doch die meisten Produkte enthalten Chemikalien. Da muss man genau hinsehen", sagt der Arzt. Hat das Kind angereicherte Erde verschluckt, am besten den Giftnotruf wählen und die Packung mit der Blumenerde bereithalten, um den Fachleuten die Inhaltsstoffe mitteilen zu können.

Spülschwamm

Gerade noch hat man damit den angetrockneten Soßenrand abgeschrubbt, in der nächsten Sekunde hat sich der Nachwuchs das Utensil gemopst und in den Mund gesteckt. Eklig! "Die Schwämme sind oft älter. Dadurch haben sich darin Bakterien angereichert, die bei Kindern zu Erbrechen und Durchfall führen können", weiß der Arzt. Und: Kinder können Stücke aus Schwämmen rausbeißen und sich dran verschlucken, weil der Stoff durch Kauen nicht zerkleinert wird.

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Kühlschrank- oder Spielzeugmagnet

Man kann es nicht anders sagen: Magneten sind gefährlich! "Sie gehören in die gleiche Kategorie wie Knopfbatterien", mahnt Dr. Gatinho. Natürlich verschluckt kein Kind eine getöpferte Windmühle aus Holland. Aber gerade Souvenirs sind qualitativ oft schlecht gemacht und nur mit Klebstoff an einem kleinen Magneten befestigt. Schluckt das Kind einen Magneten allein runter, passiert nichts. Doch sobald noch weitere Magneten oder etwas Metallisches dazu kommt, stellt das Verschlucken einen Notfall dar. Denn: "Spätestens im Darm, der ja verschlungen ist, kann es zu schweren Problemen kommen. Befindet sich etwa ein Magnet in einer unteren Darmschlinge, ein weiterer in einer darüber liegenden, ziehen die Magneten den Darm zusammen." Deshalb gilt auch hier: Schon beim Verdacht sollten Eltern in die Klinik fahren.

Kabel und Kordeln

Dass Kinder nicht auf unter Strom stehenden Kabeln rumbeißen sollten, erklärt sich von selbst. Doch es gibt noch ein paar andere Punkte zu beachten: Kabelsalat im Büro sollte vor Kindern geschützt werden, weil sie sich die Kabel nur zu gern um den Hals legen, um zum Beispiel wie die Mama eine Kette zu tragen. Doch sie können sich damit strangulieren. "Schnullerketten oder auch Kordeln von Aufziehspieluhren sind in Deutschland aus diesem Grund genormt und dürfen maximal nur 22 cm lang sein, um diese Gefahr zu vermeiden. Kinder sollten auch keine Ketten tragen. Und wenn sie es doch tun, muss die Kette eine Sollbruchstelle enthalten, damit sie im Notfall sofort reißt, wenn das Kind irgendwo hängen bleibt." Die gleiche Gefahr geht übrigens von Schlüsselbändern aus.

Taschentuchpackung

Ein typisches Szenario: Das Baby liegt im Kinderwagen und quengelt. Zur Ablenkung findet sich gerade keine Rassel, also gibt Mama oder Papa dem Nachwuchs eine knisternde Packung Papiertaschentücher. "Der Verschlussstreifen ist jedoch nicht fest. Wenn das Kind diesen Verschluss verschluckt, kann der sich auf den Kehlkopf oder in die Luftröhre legen und zum Ersticken führen. Denn der Verschluss ist zu leicht, als dass er sich herausklopfen ließe, zudem klebt er ja."

Oh Gott, oh Gott, oh Gott! Das klingt fast so, als lauerten überall Gefahren für unsere Kleinen. Das stimmt zwar in gewisser Weise, doch große Sorgen kann man meist schon mit kleinen Schritten loswerden. Knopfbatterien lege ich in Zukunft sicher mit noch größerer Sorgfalt weg, aber meine Schuhe darf sich meine Tochter auch weiterhin vornehmen. Sie wird irgendwann auch selbst merken, dass ein Apfel besser schmeckt ...

Autorin: Andrea Leim

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