Gutes für Körper, Geist und Seele

Yoga für Kinder: "Als Familie im Baum stehen"

Pritpal Kaur ist Yogalehrerin und Ausbilderin, unterrichtet Kinder, Erwachsene und Senioren. Im Interview gibt sie uns spannende Einblicke ins Kinderyoga. Plus: Yogakarten für Kinder zum Ausdrucken.

leben-und-erziehen.de: Was ist der Unterschied zwischen Yoga für Kinder und Yoga für Erwachsene?

Pritpal Kaur: Es unterscheidet sich in vielen Bereichen. Wir Erwachsene nutzen Yoga zum Regenerieren, verweilen länger in einer Position. Die Kinder sind noch im physischen und psychischen Aufbau, deshalb sollen sie die Übungen nicht zu lange halten und wir wollen das Drüsensystem und die Gelenke nicht zu stark beanspruchen.

Kinderyoga ist Spaß und Freude. Es ist spielerisch, frei und kreativ. Wir begleiten es durch positive Leitsätze, Lieder, Gesang und sogar Zählübungen. Man meditiert, atmet und entspannt spielerisch. Atemwahrnehmungsübungen, die Imitation von Tierlauten sowie Pustespiele gehören auch dazu.

Je jünger die Kinder, desto spielerischer üben sie das Yoga. Deshalb sind die Übungen auf den jeweiligen Entwicklungsstand abgestimmt. In jeder Übung kombinieren wir Bewegung mit Stille, Anspannung mit Entspannung. Beim Baum kann man zum Beispiel einerseits still stehen, sich andererseits im Wind bewegen. Das Rauschen des Windes machen wir mit unseren Stimmen nach, dann ist es gleichzeitig eine Atemübung. Yoga für Kinder ist offen und fantasievoll. Ein Hund kann einmal so und einmal anders aussehen. Wir korrigieren da nichts.

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Unsere Expertin

Pritpal Kaur kommt aus Indien und lebt seit 1990 mit ihrer Familie in Hamburg. Sie unterrichtet Yoga für Kinder, Erwachsene und Senioren. Außerdem bildet sie Yogalehrer aus. Auch Kochkurse an der Volkshochschule gehören zu ihrem Repertoire. Momentan gibt sie aufgrund der Coronasituation über die Elternschule Harburg kostenlose Yogakurse für Kinder auch kontaktlos über Skype.

Mehr Infos zu Pritpal Kaur und ihren Angeboten unter yoga-spirit-of-india.de

Kann jedes Kind Yoga machen? Ab wann ist Kinderyoga geeignet?

Yoga ist für jeden gut. Natürlich sollten die Kinder mich verstehen, sprechen und laufen können. Ich habe schon Yoga mit Zweijährigen gemacht. Das hängt ganz individuell vom Kind ab. Am Anfang verteile ich Bildkarten, darauf können Tiere oder auch Gegenstände zu sehen sein. Die Kinder entwickeln dann selbst die Übung, indem sie sich beispielsweise vorstellen, wie man mit seinem Körper eine Rutsche darstellen kann. Daraus entwickelt sich eine ganz tolle Dynamik und viele Kinder machen das ganz intuitiv.

Man kann nichts falsch machen – alles ist gut und richtig. Wir denken uns Geschichten aus, reisen nach Afrika und überlegen gemeinsam, was wir dort sehen, wie sich ein Tier bewegt, welche Laute es von sich gibt und so weiter. In der Pubertät sprechen wir über Themen wie zum Beispiel Mitgefühl, Achtsamkeit, Konzentration und später auch Prüfungsangst.

Was sind weitere Vorteile, wenn Kinder Yoga machen?

Im Yoga stellen wir eine Verbindung zwischen Körper, Geist und Seele her. Heutzutage haben die meisten Kinder nicht mehr viel Kontakt zur Natur und verbringen den größten Teil des Tages drinnen und sitzend. In den Übungen, wenn wir beispielsweise strahlen wie eine Sonne oder still sind wie ein Stein, verbinden sie sich wieder mit der Natur.

Wir schulen die Koordination, die Sinneswahrnehmungen, die Haltung und Aufrichtung. Viele Kinder lernen durch die Atmung erstmals wieder, ihren Körper wirklich wahrzunehmen. Die Übungen stärken dadurch auch das Selbstbewusstsein. Wir arbeiten unter anderem mit Affirmationen, positiven Glaubenssätzen. Wenn man sich vorstellt, dass man stark (wie ein Löwe) ist, fühlt man das auch eher.

Wir können über das Yoga Aggressionen, Wut, Spannung und Stress abbauen, wenn wir beispielsweise toben wie ein Gorilla. Wenn Kinder schon früh an diese Art des Umgangs mit sich und ihrem Körper gewöhnt sind, nehmen sie das für ihr ganzes Leben als innere Stärke mit.

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Sie geben (normalerweise) auch Yogaunterricht an Kitas und Schulen. Was ist dabei die größte Herausforderung?

Eigentlich gibt es keine. Einige Eltern denken, Yoga sei eine Glaubensrichtung oder Religion. Das ist aber nicht so. Yoga ist ein Lebensweg, eine Lebensphilosophie. Yoga wird in Indien seit mehreren tausend Jahren praktiziert. Es verbindet Körper, Geist und Seele. Zum Glück ist Yoga inzwischen auch hier in der westlichen Welt angekommen, sodass ich eigentlich keinen Gegenwind mehr von den Eltern erlebe.

Und von den Kindern?

Es gibt machmal Kinder, die nicht mitmachen wollen oder stören. Das ist aber vollkommen in Ordnung. Die Kinder dürfen erst mal zusehen, ich lasse sie in Ruhe. Die Erfahrung zeigt, dass kaum ein Kind länger als zwei bis drei Minuten zuschaut, bis es doch mitmachen will.

Viele Familien verbringen momentan mehr Zeit miteinander als sonst und haben unter Umständen noch weniger Bewegung. Was sollte man beachten, wenn man zu Hause mit Kindern Yoga machen möchte?

Grundsätzlich kann man bei den Yogaübungen mit Kindern nichts falsch machen. Es reicht, wenn man regelmäßig ein oder zwei Übungen macht, es muss keine ganze Serie sein. Man kann sich zum Beispiel recken und strecken wie eine Katze, toben wie ein Bär, wild sein wie eine Affenbande oder still wie ein Stein und dabei die Verbindung mit dem Boden spüren. Einfach an ein Tier oder auch einen Gegenstand (zum Beispiel einen Tisch) denken und der Fantasie freien Lauf lassen.

Dabei ist wichtig: Jeder kann seine eigene Übung daraus machen. Jeder Baum kann anders aussehen. Der fest verwurzelte Stamm steht still, aber die Äste wiegen sich im Wind und sind beweglich. Bäume können sich auch gegenseitig stützen. Wenn sich die ganze Familie vorstellt, ein Wald zu sein, können sich die einzelnen Familienmitglieder als Bäume unterstützen. Das hilft auch, schwere Situationen besser durchzustehen.

Das Interview wurde am 29. April 2020 aufgezeichnet.

Hier gibt es zwei Kinderyoga-Karten zum Herunterladen und Ausdrucken

Die beiden Übungen "Der Baum" und "Die Katze, die sich streckt" stammen aus diesem Set:
"30 Kinderyoga-Bildkarten" von Elke Gulden, Gabriele Pohl und Bettina Scheer für Kinder zwischen vier und zehn Jahren, etwa 15 Euro, erschienen bei Don Bosco Medien

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Unsere Autorin

Irlana Nörtemann

Irlana Nörtemann ist seit vielen Jahren mit Herzblut Redakteurin bei Junior Medien. Zu ihren Aufgaben zählt auch Content Management.

Als Mutter eines Jungen lässt sie ihre Alltagserfahrungen in ihre Artikel mit einfließen. Die Schwerpunkte liegen dabei auf den Themen Reise und Gesundheit.

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