Bericht einer Erzieherin und Zweifachmutter

"Die Kita ist gerade unfassbar frustrierend für Kinder"

Unsere Autorin ist Erzieherin. Von Herzen und aus Leidenschaft. Doch Corona und seine Regeln führen ihren beruflichen Alltag ad absurdum. Hier berichtet sie, wie der Tag in einer Kita derzeit wirklich aussieht.

Notbetreuung aus meiner Sicht ... und vieler Eltern

Nun ist es soweit! Die Lockerungen in der Corona-Krise erreichen auch die Kitas. Gab es bis dato nur Notbetreuungen für Kinder systemrelevant arbeitender Eltern, wird nun das Notbetreuungsangebot ausgeweitet.

Aber was ist denn Notbetreuung überhaupt?

In meinen Augen bedeutet das: Ich gebe mein Kind in die Notbetreuung und werde in der Zeit, in der es gut untergebracht ist, meine Arbeit verrichten und danach, so schnell wie möglich, mein Kind wieder abholen.

Aus Sicht vieler Eltern bedeutet es, ich bringe mein Kind so früh wie möglich in die Notbetreuung und hole es so spät wie möglich wieder ab, damit ich möglichst viel Zeit habe, über die Arbeit hinaus Dinge zu tun, die mir gut gefallen und zu denen ich in der letzten Zeit wenig Gelegenheit hatte. Punkt. Noch eine Stunde schlafen, einfach mal was essen und den Fernseher laufen lassen. Den freien Schichtdiensttag zu Hause entspannt genießen. 

Ein Katalog voller Regeln, Maßnahmen und Vorschriften

Mal abgesehen davon, dass die Elternschaft die Entlastung genießt, freuen sich die Kinder sicherlich wieder auf einen, jedenfalls etwas normaler anmutenden Alltag. Für uns, die wir in den Kitas arbeiten, gibt es jede Menge Vorschriften und Auflagen, die wir zu beachten, einzurichten und durchzuführen haben.

Abstandsregeln unter den Eltern, unter uns und unter den Kindern, Händewaschregeln, Desinfektion von Gruppenräumen und Gebrauchsgegenständen, (Mittag-)Essensausgaberegeln, Toilettengänge und so vieles mehr ...

Und doch sehe ich, gerade für uns Pädagogen, ein erhebliches Risiko auf vielen Ebenen. Da ist zum einen die (meine) Arbeit in der Krippe:

Selbstverständlich hält sich ein Kleinkind von ein bis zwei Jahren nicht die Hand vor Mund und Nase, wenn es hustet oder niest!

Selbstverständlich kann es in dem Alter einen Mindestabstand zu uns oder den anderen Kindern weder verstehen noch einhalten!

Selbstverständlich ist auch Mundschutz tragen in der Krippe nicht effektiv möglich!

Selbstverständlich kann es nicht eingehalten werden, nach jedem körperlichen Kontakt alle Parteien die Hände waschen zu lassen, denn dann könnten wir unsere Tageszeit direkt im Waschbecken verbringen!

Selbstverständlich kann auch nicht jedes berührte Spielzeug – und Kleinkinder berühren ganzheitlich mit Händen und Mund – direkt desinfiziert werden!

Selbstverständlich können die Pädagogen weder beim Bewältigen des normalen Alltages mit Kleinkindern oder beim Wickeln, noch beim Essen oder gar beim Mittagsschlaf den vorgeschriebenen Abstand einhalten!

Selbstverständlich ist aber ein Kleinkind in diesem Alter, sollte es infiziert sein, ebenso ansteckend wie jeder andere Mensch auch!

Leben & erziehen Abo + Geschenk

Dein Begleiter von der Schwangerschaft über die Geburt bis hin zum Alltag mit Kindern. Jetzt mit 25% Rabatt testen!

Wie soll das gehen?!

Zudem sollen sich nicht zwei Kollegen gleichzeitig in einem Gruppenraum aufhalten, somit kann viel Vorgeschriebenes – schon rein logistisch mit nur einer Pädagogin auf fünf Kleinstkinder – einfach nicht umgesetzt werden.

Blicken wir in die Elementargruppen: Dort sind auch ältere Kinder, die schon einige der Vorschriften wie Abstand halten, Nies- und Hustregeln und ausreichend langes Händewaschen verstehen und umsetzen können.

Aber wie soll man mit seinen Freunden etwas bauen, ein Buch ansehen, ein Puzzle legen, eine Höhle beziehen, jemandem helfen, Bilder malen mit persönlich zugeteilten Stiften? Knete gibt es gar nicht. Also, wie soll man seinen normalen Kinderalltag leben mit 1,5 Metern Abstand?

Das ist schon unfassbar frustrierend für die Kinder, die sich doch gerade darauf so sehr gefreut haben! Für die Pädagogen übrigens auch, die nun kaum mehr tun können, als unglaublich oft diese Anweisungen anzumahnen und umzusetzen.

Das "Super-sorglos-Komplettpaket"

Und wohin überhaupt mit allen Kindern? Wo sind die Räume, wenn sich höchstens acht Kinder in einer Gruppe aufhalten dürfen? Und noch wichtiger: Woher kommt das Personal? Denn auch in unserer Branche gibt es Risikogruppenzugehörige oder Familienmitglieder, die zur Risikogruppe zählen. Es kann also gar nicht jeder eingesetzt werden. Hat also ein Pädagoge im Normalbetrieb durchaus 20 Kinder in einem Raum betreut, bräuchten wir jetzt rund drei ...

Und der nächste Aspekt: Was passiert, wenn sich nun doch jemand infiziert – wer bekommt die Schuld? Ist es nicht, gerade in der heutigen Zeit, in der Eltern unsere Arbeit hauptsächlich nur noch als "reibungslos zu funktionierende Dienstleistung", als "Super-sorglos-Komplettpaket" und Entlastung von ihren ach so furchtbar anstrengenden Kindern sehen und den so wichtigen Faktor "Mensch", gar "kleiner Mensch", nur allzu schnell und gern vergessen? Ist es nicht recht blauäugig, gar gefährlich zu denken, da wird uns niemand Vorwürfe machen? Dass wir da nicht besser hätten achtgeben müssen? Uns viel besser an die Auflagen hätten halten müssen?

Wir für euch

Und wir ganz persönlich? Auch für uns gilt, wir sind im Einsatz für euch alle, ebenso wie die Altenpfleger, Krankenschwestern, Polizisten, Einzelhandelsfachleute und so, so viele mehr – aber eben ohne Mundschutz, ohne Arbeitsschutzkleidung ohne Plexiglaswände, aber mit der Anweisung, doch bitte unsere im Dienst getragene Kleidung täglich direkt bei mindestens 60 bis 90 Grad zu waschen ...

Teile diesen Artikel: