Englisch in der Kita

My name is Emma

Kleine Kinder lernen eine neue Sprache besonders leicht. Unsere Autorin hält trotzdem nicht viel von Englischkursen im Kindergarten.

Dieser Artikel beginnt mit einem Bekenntnis: Ja, meine beiden Töchter haben Englisch-Kurse im Kindergarten besucht. Die eine hatte mehr Spaß daran, die andere weniger. Beiden haben die Kurse nicht geschadet. Davon profitiert haben sie aber auch nicht. Eltern, die vom Erfolg früher Sprachkurse überzeugt sind, sollen ihre Kinder ruhig lernen lassen. Allen anderen möchte ich jedoch zurufen: Spart euch das Geld, macht euch locker, eure Kinder werden in der Schule keinen Nachteil haben!

Meine Töchter sind in München in einen Kindergarten gegangen. Dort gab es eine Menge Kinder, deren Mütter und Väter tolle Berufe hatten und gut verdienten. Trotzdem saß den Erwachsenen die Angst im Nacken. Anders als frühere Elterngenerationen hatten viele das Vertrauern in unser Bildungssystem verloren. Daran  war vor allem das mäßige Abschneiden deutscher Schüler in internationalen Leistungs-Vergleichtests (Pisa) schuld. Die Eltern, die fürchteten, der Nachwuchs könnte eines Tages mit der besser ausgebildeten, global agierenden Konkurrenz nicht Schritt halten, interessierten sich sehr für Lernspielzeug, Förderprogramme und Bildungssoftware. Und weil man mit Deutsch in einer globalisierten Arbeitswelt nicht weit kommt, plädierten sie für einen Englisch-Kurs im Kindergarten.

Eine gute Idee?

Häufig ist zur Begründung früheren Fremdsprachenunterrichts von Synapsenbildung und so genannten Zeitfenstern die Rede, die sich bei Kindern schon früh wieder schließen. Die Schlussfolgerung, dass Kinder deshalb möglichst schon im Windelalter eine Fremdsprache lernen sollten, ist allerdings falsch. Ja, es stimmt, dass  Gehirn eines Kleinkindes produziert Billionen mehr Synapsen (Synapsen  sind die Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen) als in den Gehirnzellen seiner Eltern vorhanden sind. Diese Entwicklung aber verkehrt sich irgendwann in ihr Gegenteil, die Synapsen werden wieder abgebaut. Niemand weiß es genau, aber dieser Prozess ist sehr wahrscheinlich genetisch bedingt. Eltern können diesen Prozess jedenfalls nicht stoppen. Auch benötigen Kleinkinder keinen speziellen Input, damit Zeitfenster nicht ungenutzt zuklappen.

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Kleine Kinder lernen Sprachen sehr leicht

Kinder, die z.B. in der Türkei oder Kroatien geboren wurden, lernen im Kindergarten in Deutschland sehr schnell unsere Sprache, das berichten Erzieherinnen immer wieder. Der Grund:  Kleine Kinder beherrschen ihre Muttersprache längst nicht perfekt. Sie kennen nur einen Bruchteil der Wörter und ihre Grammatik ist noch recht einfach. Sie gehen deshalb unbedarfter an die neue Sprache heran. Und es ist in aller Regel auch keine Erzieherin da, die ihre Muttersprache spricht. Wenn sie etwas wollen,  bleit ihnen nichts anderes übrig, als deutsch zu lernen.

Im Kindergarten hatte meine Töchter einmal in der Woche Englisch. Sie lernten erste englische Wörter, sangen „Itsy bitsy spider“ und andere englische Kinderlieder mit der extra engagierten Kursleiterin. Oft brachten sie Blätter nach Hause, auf denen sie Gegenstände ausgemalt hatten, die sie manchmal auch benennen konnten, zum Beispiel shoes (Schuhe), shirt (Hemd) oder trousers (Hose). Ihre Lehrerin war eine tolle junge Frau, die gut Englisch sprach. Trotzdem hatten mein Mann und ich nicht das Gefühl, dass die Kinder viel lernten. Die Lehrerin war jedoch ausgesprochen nett und vor allem unsere Älteste ging ausgesprochen gern zur Englischstunde. Das ändere sich, als sie den Kindergarten wechselte. Auch dort gab es Englisch-Unterricht. Die Eltern dort waren noch ambitionierter, sie hatten auf einen native-speaker, eine Muttersprachlerin als Lehrerin bestanden. Leider war sie ein strenger Typ und sprach überdies noch irgendeinen Dialekt. Das Wort appel (äpel) hörte sich bei ihr an wie aaapel. Unsere Tochter war einigermaßen verzweifelt und hatte gar keine Lust mehr auf die neue Sprache.

Teurer Unterricht

Einer Freundin, der ich lachend davon berichtete, sagte mir, ich könne froh und dankbar über diese Lehrerin sein. Die Englisch-Lehrerin ihres Sohnes habe ihn neulich mit dem Satz „Go back to your place“ an seinen Platz geschickt anstatt mit „go back to your seat“, wie es richtig gewesen wäre. „Wir zahlen viel Geld für diesen Unterricht“, empörte sich meine Freundin „und dann bringt man den Kindern so einen Mist bei.“

Geeignete Leute zu finden, die mit Kindergartenkindern gut umgehen können und ein gutes, verständliches Englisch sprechen, ist gar nicht so leicht. Aber haben die Kinder nicht einen enormen Vorteil, wenn die Bedingungen stimmen? Eines Tages hatte ich Gelegenheit diese Frage der Kognitionsforscherin Elsbeth Stern zu stellen, einer Kapazität unter den Lehr- und Lernforschern, die an der Eidgenössischen Hochschule in Zürich lehrt. 

Expertin rät ab

Zu meiner Verwunderung  war diese Expertin überhaupt kein Fan von Fremdsprachenkursen im Kindergarten. „Es lohnt einfach nicht“, sagte sie. „Um eine Sprache spielerisch zu lernen, braucht es viel Zeit. Ein Kind das im Kindergarten am Englischkurs teilnimmt, kennt nach einigen Monaten ein paar Vokabeln oder kann einfachste Sätze wie ‚My name is Kevin“ aufsagen. Das ist zwar ganz nett, steht aber in keinem Verhältnis zum Aufwand.“

Wie recht Elsbeth Stern hatte, zeigte sich Jahre später. Wie viele ihrer Klassenkameraden auch, hatten meine Töchter auch in der Grundschule Englisch-Unterricht. Von ihren Englisch-Lehrern am Gymnasium erfuhr ich, wie furchtbar fruchtlos diese frühen Bemühungen waren. Der Vorsprung gegenüber Kindern, die keinen Englisch-Unterricht in Grundschule und Kindergarten gehabt hätten, hielte maximal ein paar Wochen, berichteten die Pädagogen. Danach seien alle Kinder auf dem gleichen Stand.

Natürlich hat unsere Autorin Elsbeth Stern auch gefragt, was Kinder im Kindergarten denn überhaupt lernen sollten. Die Antwort: „Im Kindergarten sollen sie mit Gleichaltrigen spielen. Wenn dort auch vorgelesen wird, wenn man gemeinsam singt und Sprachspiele macht, ist das wunderbar. Das schult das phonetische Verständnis, die Sprach- und Kommunikationsfähigkeit allgemein. Das reicht.“

Autorin: Claudia Jacobs

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