Bilderbuch mal anders

Kamishibai: "Wie Fernsehen ohne Strom"

Eine japanische Tradition erobert die Kitas und Kindergärten: Das Kamishibai ist ein Schaukasten zum Präsentieren von Bilderbuchseiten. Die Faszination bei den kleinen Zuschauern ist groß – und die Vorteile der Erzähltechnik sind enorm.

"Und, was habt ihr heute in der Kita gemacht?“ Meine Frage beim Abholen ist täglich dieselbe. Doch heute überrascht mich die Antwort meines Fünfjährigen: "Kamishibai!", strahlt er stolz. Und ich habe keinen blassen Schimmer, was er meint. "Das ist ein Theater für Bücher", erklärt er begeistert.

Theaterrahmen für Geschichten-Bilder

Die Erklärung hilft mir nicht wirklich – doch nun ist mein Interesse geweckt und ich tue, was Eltern fast ständig tun: Ich google. Schnell stelle ich fest: Die Beschreibung meines Sohnes trifft es ganz gut: Kamishibai (sprich: Ka-mischi-bai) ist japanisch und bedeutet "Papiertheater". Es ist eine Art Mini-Theaterrahmen für Bilder im DinA3-Format. Diese werden – ähnlich dem Umblättern in einem Bilderbuch – der Reihe nach gewechselt. Ein wenig erinnert der Kasten an einen Fernseher, nur eben ohne Strom.

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Allein der Aufbau sorgt dafür, dass das japanische Erzähltheater einen bleibenden Eindruck bei den Kindern hinterlässt: "Der Holzrahmen ist einer Theaterbühne nachempfunden, das zieht die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich", erklärt mir Dirk Savelsberg, Erzieher mit Schwerpunkt Literacy. "Zusätzlich unterstützen verschiedene Rituale das besondere Erlebnis beim Erzähltheater.

So können die Kinder die 'Bühn' öffnen, zu Beginn eine Klangschale schlagen oder die Geschichte anmoderieren." Einen Vorteil sieht der Pädagoge auch darin, dass es sich beim Kamishibai um eine dialogische Erzählweise handelt: "Die Kinder können im Verlauf des Vortrags immer wieder miteinbezogen werden. Falls zum Beispiel Zwischenrufe kommen, werden diese im Idealfall einfach in die Erzählung integriert."

Einsatzmöglichkeiten in der Kita und zu Hause

Für den Alltag in einer Betreuungseinrichtung eignet sich das Kamishibai besonders gut, denn im Gegensatz zum "normalen" Vorlesen können selbst bei größeren Gruppen alle Kinder die Bilder jederzeit wahrnehmen und gleichzeitig der Handlung folgen. "Das macht es den Zuhörern und Zuschauern deutlich einfacher, bei der Sache zu bleiben und die Konzentration aufrechtzuerhalten", weiß Dirk Savelsberg aus Erfahrung.

Aber auch für den Einsatz zu Hause ist das Kamishibai eine willkommene Abwechslung: "Gerade heutzutage, wo Kinder bereits im Kita-Alter mit digitalen Medien in Kontakt kommen, kann das Kamishibai einen wichtigen Gegenpol darstellen. Das Erzähltheater bietet einen positiv entschleunigten Medienkonsum, der die Fantasie fördert und die Kinder begeistert", so der Pädagoge.

Nicht nur Erzieher, auch Eltern, Großeltern, große Geschwister oder Babysitter: Jeder kann zum Kamishibai-Erzähler werden. "Der Umgang mit dem Kamishibai ist im Allgemeinen sehr einfach", erklärt Dirk Savelsberg. "Man sollte jedoch darauf achten, dass Mimik, Gestik und Stimme die Handlung der vorgetragenen Geschichte unterstützen. Es bedarf also auf jeden Fall einer engagierten Erzählerin oder eines engagierten Erzählers. Außerdem braucht man ein wenig Übung, damit das Vorlesen und parallele Wechseln der Bildkarten flüssig und rhythmisch sinnvoll abläuft." So wird – ob in der Kita oder zu Hause – ein Erlebnis für die Kinder geschaffen, das im Bestfall einem Theaterbesuch ähnelt.

Experten-Bild

Dirk Savelsberg, Erzieher mit Schwerpunkt Literacy an der Kita Lernhafen in Hamburg.

Eigene Worte zu den Bildern finden

Zu jeder Bildkarte existiert ein Text zum Vorlesen. Die großen Bilder laden aber vor allem zum freien Erzählen ein: Was sehe ich auf dieser Bildkarte? Wie wirkt das auf mich? Und wie wird die Geschichte wohl weitergehen? Das funktioniert mit dem Kamishibai besonders gut, da es das freie Erzählen mit einzelnen, langanhaltenden visuellen Reizen kombiniert: "Die Erzählweise des Kamishibai gibt den Kindern die Möglichkeit, die Kraft der Bilder auf sich wirken zu lassen und gleichzeitig der eigenen Fantasie Raum und Zeit zu geben. So wird auf der einen Seite das Vorstellungsvermögen erweitert und auf der anderen Seite ein differenzierter Sprachgebrauch gefördert", erklärt Dirk Savelsberg.

Und so können aus kleinen Zuhörern bald große Geschichtenerzähler werden, die selbst durch die Kamishibai-Karten führen: "Wenn ein Inhalt häufiger wiederholt wurde, kann auch ein Kind die Geschichte frei zu den Bildern im Kamishibai-Rahmen vortragen. Durch die Verknüpfung der Illustrationen mit dem besonderen Erfahren der Erzählung können sich die Kinder einen Handlungsverlauf sehr schnell einprägen und wiedergeben."

Und wer Geschichten nicht nur gern hört und erzählt, sondern sich auch selbst ausdenkt, bastelt ganz einfach sein eigenes Karten-Set für das Kamishibai: Voller Stolz präsentieren die Kinder ihre gemalten Bilder im Theaterrahmen, und bereichern so gemeinsam in der Gruppe eine selbst entwickelte Bildabfolge mit Worten.

Kamishibai-Produkte

Keine Konkurrenz, sondern Ergänzung zum Bilderbuch

Löst das Kamishibai also bald das Vorlesen klassischer Bücher ab? Natürlich nicht, erklärt Dirk Savelsberg. "Bilderbücher gehören essenziell zum Kita-Alltag dazu. Darauf kann und möchte mit Sicherheit niemand verzichten. Das Kamishibai ist eine wunderbare Ergänzung zum Vorlesen und Bilderbuchbetrachten. Es bietet für die Kinder neben dem intensiven Erleben und Erfahren einer interessanten und spannenden Geschichte eine positive gruppendynamische Erfahrung. Nicht nur deshalb lieben die Kinder und ebenso die Erzieher und Erzieherinnen das Kamishibai." Und ich möchte ergänzen: Auch wir Eltern sind schon jetzt große Fans des kleinen Erzähltheaters.

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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