Komplizierte Speisepläne

Kindergarten-Essen: Tatort Extrawurst

Allergien, kulturelle Vielfalt und diverse, teils eiserne Lebenseinstellungen von Eltern machen die Speisepläne in Kitas komplizierter denn je. Lest mal, was das für den Alltag von Erziehern bedeutet – und wie eine erste Lösung aussehen könnte.

Max will Wiener Schnitzel, Kaya lieber Köfte, Lisa darf kein Gluten, Omer keine Gelatine. Ferdinand hat eine Nussallergie, Matilda eine Laktoseintoleranz. Für Kian bitte kein Weizenmehl, Sarah braucht was Koscheres, und Klara nur vegetarisch, am besten bio: Kindern in den 56.000 deutschen Tagesstätten das passende Essen aufzutischen, wird zur echten Herausforderung.

Die wachsenden religiös-kulturellen Unterschiede erfordern es, auf individuelle Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen – zusätzlich muss auch auf Allergien, Unverträglichkeiten sowie Einstellungen der Eltern eingegangen werden. Bei großen Gruppen kommen da so viele Ausnahmen zusammen, dass nicht nur Kita-Mitarbeiter überfordert, sondern auch die Kinder mit Gummibärchen und ohne Extrawurst verunsichert sind.

Gute Absichten, fragliche Folgen

Diversität wirft völlig neue Fragestellungen auf. So gibt es inzwischen Kitas, die Kindern etwa Faschingskostüme wie Indianer verbieten, um kulturelle Stereotype zu vermeiden. Andere diskutieren, ob das christliche Sankt-Martins-Fest aus Rücksicht auf Muslime besser in "SonneMond-und-Sterne-Fest" umbenannt oder eher das Zuckerfest als Weihnachten gefeiert werden sollte. Auch die Debatte um Schweinefleisch in zwei Leipziger Kitas bot mächtig Diskussionsstoff.

Schweinefleisch in der Debatte

"Aus Respekt gegenüber einer sich verändernden Welt" plante der Leiter von zwei Leipziger Kitas 2019, den 300 betreuten Kindern nur noch schweinefleischfreies Essen ausgeben zu wollen. Auslöser: Die Eltern der einzigen zwei muslimischen Mädchen sahen das "Seelenheil" ihrer Kinder durch Schweinefleisch beeinträchtigt.

Ohne Zweifel bediente der Fall antiislamische Vorurteile. Während die Eltern der Kita-Kinder das Vorhaben zunächst gelassen hinnahmen, sorgte das massive Medienecho für eine Hetzkampagne, die die Kita schließlich stark unter Druck gesetzt hatte. Fazit: Der Verzicht auf Schweinefleisch wurde vertagt. Immerhin räumte der Vorfall den Eltern ein Mitspracherecht ein.

Alte Gewohnheiten versus neue Bedürfnisse

Ob kirchlich, staatlich, muslimisch, humanistisch, bio oder vegan: Jede Kita versucht, ihre Gemeinschaft zu tragen. Während die einen Veränderungen als Part einer sich wandelnden Gesellschaft verstehen, fühlen die anderen bei Abweichungen von der Norm ihren etablierten Lebensstil bedroht. Müssen Kinder auf ihre Gewohnheiten verzichten, damit sich Menschen anderer Religionen zugehöriger fühlen?

Bei der Schweinefleisch-Diskussion geht es nicht darum, sich der zunehmenden Islamisierung unseres Landes zu unterwerfen. Es geht um das Zusammenleben unserer Gesellschaft. Am Kita-Essen wird für die soziale Auseinandersetzung ein Exempel statuiert. Dass die Zukunft in Bildungseinrichtungen wie Kitas, Schulen und Universitäten verhandelt wird, macht die Debatte so emotional wie brisant.

Wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, stellt sich die Frage nach Demokratie. Integration bedeutet auch, dass Familien sich zumindest teilweise nach den Regeln des Landes richten, in dem sie leben. Wessen Wünsche haben Vorrang, wenn alte Gewohnheiten auf neue Bedürfnisse treffen?

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Gleichbehandlung von Kindern in Gefahr

Wenn gelebte Diversität in Kitas in unzumutbarem Stress für Erzieher mündet, und wenn das Gemeinschaftsritual Essen dafür sorgt, dass Kinder nicht mehr gleich behandelt werden – dann ist es Zeit zum Umdenken. Die meisten Kitas beugen sich dem Druck der Essensumstellung, der bekanntlich meist durch die Eltern der betreuten Kinder entsteht.

Viele Kita-Mitarbeiter möchten sich inzwischen überhaupt nicht mehr zu dem Thema äußern. Weil es ihrer Meinung nach mehr um Stimmungsmache und Politik als um das Kindeswohl und den Job der Erzieher geht. Generell muss dem Thema Essen einfach noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Viele Betreuer sind der Meinung, dass man in einem ersten Schritt eines von vielen Problemen entschärfen könnte, indem man Fleisch in Kitas generell abschafft. Aber ob das allen Beteiligten schmecken würde, steht auf einem anderen Blatt ...

"Es darf nicht nur noch um Vorschriften und Verbote gehen"

Drei Fragen an eine Erzieherin einer Brennpunkt-Kita. Sie möchte anonym bleiben:

Wie sieht der Kita-Alltag beim Essen wirklich aus?
Es ist wirklich schwierig, es jedem recht zu machen. Es sind ja die Eltern, die aufschreien, wenn was falsch läuft! Wir müssen höllisch aufpassen, bis jedes unserer 58 Kinder den richtig markierten Teller vor sich hat. Kleinkinder wollen natürlich auch von den anderen probieren und verstehen nicht, dass sie wegen ihrer Religion die andere Wurst nicht essen dürfen. Und wenn sie dann zu Hause erzählen, wie 'komisch' das Essen des Freundes schmeckt, schlagen die Eltern bei uns Alarm. Dagegen sind wir machtlos.

Was bedeutet das für das Miteinander?
Das Essen zwingt uns, Kinder einzuteilen in Juden, Moslems, Christen, Allergiker. Ein gemeinsames Essen soll die Gemeinschaft stärken, doch genau das Gegenteil ist der Fall. Das macht die Kinder unruhig. Unser erzieherischer Auftrag liegt doch nicht in der Essensgestaltung. Es macht wenig Spaß, wenn es nur noch um Vorschriften und Verbote geht. Dass Kinder heute so für Politik benutzt werden und wie in Leipzig eine rassistische Diskussion entsteht, ist der eigentliche Skandal!

Welche Lösung könnte es kurzfristig geben?
Ein Anfang wäre vegetarisches Essen für alle. Wenn Fleisch dafür sorgt, dass wir nicht alle Kinder gleichbehandeln können, muss es weg. Gemüse ist gesund, und es gibt so viele Rezepte, die allen richtig lecker schmecken. Wir haben es bei uns ausprobiert, und es hat niemandem etwas gefehlt. Zucchini-Pasta und Ofenkartoffel mit Quark sind die Renner. Die Kinder wirken entspannter, wenn alle das Gleiche auf dem Teller haben. Und wer es braucht, kann doch zu Hause noch Fleisch essen."

Autorin: Antonia Müller

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