Kita-Notgruppen in der Coronazeit

"Ich versuche, weniger Kuscheleinheiten einzulegen"

Gina ist Erzieherin in einer Kita in Niedersachsen. Im Interview erzählt sie von ihrer Arbeit in einer Notgruppe, wie sie die sozialen Kontakte der Kids weiterhin unterstützt und wie sie den Kindern das Coronavirus erklärt.

Liebe Gina, wie viele Erzieher und wie viele Kinder sind aktuell in der Einrichtung?

Aktuell nutzt nur ein Kind seinen Anspruch auf die Notgruppe. Als erste Auflage galt: Nur Kinder, bei denen beide Eltern nachweislich einen für die öffentliche Daseinsvorsorge existenziell wichtigen Beruf ausüben, haben Anspruch auf eine Notbetreuung. Diese Auflage hat das Land Niedersachsen letzten Montag geändert. Es reicht nun aus, dass ein Elternteil in einem dieser Berufe tätig ist. Seit letztem Dienstag nutzt nun also ein Junge die Notgruppe. Zwei Mitarbeiter müssen deshalb zur Betreuung in der Einrichtung sein. Alle zu einer Risikogruppe gehörenden Mitarbeiter oder Mitarbeiter mit eigenen unter zwölfjährigen zu betreuenden Kindern sind derzeit im bezahlten Urlaub. Auch unsere Leitung ist aktuell im Homeoffice tätig.

Fragt sich der Junge, den du betreust, wo die anderen Kinder sind?

Für den betreffenden Jungen ist es zunächst sehr merkwürdig gewesen, als einziges Kind in der Kita zu sein. Normalerweise sind es circa 160 Kinder. Am ersten Tag fragte er auch, wann die anderen Kinder kommen. Kinder sind zum Glück sehr anpassungsfähig und es fällt ihnen wesentlich einfacher, sich auf neue Situationen einzustellen. Obwohl ein hoher Betreuungsschlüssel grundsätzlich viele Vorteile für die pädagogische Arbeit mit sich bringt, so fehlen dem Jungen trotzdem die sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen. Aber nicht nur für den Jungen ist die Situation sehr befremdlich. Es ist so still und leer in der Einrichtung, dass es sich teilweise so anfühlt, als würde man sich in einem "Geisterhaus" aufhalten.

Wie erklärt ihr dem Kind die aktuelle Situation?

Viel zu erklären gab es für uns gar nicht. Die gröbsten Informationen hat der Junge schon zu Hause vermittelt bekommen. Trotzdem ist es schwierig, einen Virus zu erklären, da er nicht sichtbar beziehungsweise greifbar ist. Deshalb ist es selbst für einige Erwachsene schwer, die aktuelle Gefährdung richtig einzuschätzen. Ich denke, es ist wichtig, dass man Kindern jetzt keine Angst macht. Man kann Kindern sachlich erzählen, dass es sich beim Coronavirus um etwas handelt, das man nicht sehen kann, weil es so winzig, winzig klein ist, aber trotzdem in der Luft ist und dafür sorgt, dass Menschen krank werden. Für Kinder und "gesunde" Menschen ist es nicht lebensgefährlich, aber um alle Omis, Opis und kranke Menschen zu schützen, ist es deshalb zurzeit besonders wichtig, sich immer ordentlich die Hände zu waschen, "richtig" zu husten und wenn möglich zu Hause zu bleiben.

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Inwiefern hat sich der normale Tagesablauf verändert?

Der Alltag der Kinder hat sich aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen stark verändert. Am Tagesablauf von dem Jungen, der die Betreuung der Notgruppe in Anspruch nimmt, hat sich wahrscheinlich noch am wenigsten getan. Fast alle anderen Kinder sind momentan jedoch fast ausschließlich zu Hause. Wir möchten den Kindern zeigen, dass wir trotzdem an sie denken. Um ihnen etwas von ihrem "normalen" Kita-Alltag zurückzugeben, ihnen zumindest ein bisschen das Gefühl von Gewohnheit zu vermitteln und auch den Eltern in dieser herausfordernden Situation beiseitezustehen, betreiben wir aktuell die Pflege der sozialen Kontakte per E-Mail. Dreimal in der Woche senden wir unseren jeweiligen Gruppen, mit Unterstützung der Elternvertreter, ein paar Ideen und Anregungen für den Zeitvertreib in dieser schweren Zeit. Zum Beispiel Geschichten, Bastelanleitungen, Rezepte oder Bewegungsangebote. Durch die "gemeinsamen" Aktivitäten vermitteln wir den Kindern ein Gemeinschaftsgefühl. Denn, es sollte bekannt sein: Gemeinsam ist man stark. Auch umgekehrt dürfen die Kinder uns per Mail oder Post gerne Briefe, gemalte Bilder oder Fragen zukommen lassen.

Teil der Kontaktpflege: Auch Gina hat mit dem Kind in der Notgruppe im Rahmen der Aktion #regenbogengegencorona einen großen Regenbogen gemalt, der jetzt, gut sichtbar, am Tor der Kita hängt. Die Kids zu Hause durften natürlich auch gerne mitmachen. Ziel der Aktion ist es, zu zeigen, dass viele Kinder im Moment zu Hause bleiben und damit ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen.

Bei der Betreuung von Kindern ist Abstand halten schwierig. Wie schützt ihr euch vor einer Infektion?

Um uns selbst und die Kinder der Notgruppe in der aktuellen Situation zu schützen, dürfen im Höchstfall fünf Kinder pro Notgruppe betreut werden. Komplett auf körperliche Nähe zu verzichten und den empfohlenen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern einzuhalten, ist bei Kindern nicht wirklich möglich. Dennoch versuche ich, weniger Kuscheleinheiten einzulegen, mir noch häufiger die Hände zu waschen und zu desinfizieren und glatte Oberflächen, Türgriffe zum Beispiel, regelmäßiger zu reinigen.

Wie reagieren die Eltern auf die Notgruppe?

Die Eltern in unserer Einrichtung reagieren im Moment noch sehr verständnisvoll. Auf die Kontaktpflege haben wir schon einige positive Resonanzen erhalten. Die Kita hat erst vor zwei Wochen ihren normalen Betrieb eingestellt und es wird sich vermutlich erst noch zeigen, wie lange die Lage für die Eltern unter diesen Umständen zu tragen ist.

Wie fühlst du dich momentan dabei, arbeiten zu gehen?

Für die Betreuung der Notgruppe hat unsere Leitung uns in wöchentlich wechselnde Schichten eingeteilt. Als ich mich in der vergangenen Woche auf den Weg zur Arbeit gemacht habe, hatte ich zwiespältige Gefühle. Einerseits hatte es etwas Beängstigendes. Andererseits tat es auch gut, mal wieder rauszukommen, etwas Normalität zu erleben und etwas Produktives und Unterstützendes in der Krise zu leisten.

Liebe Gina, danke für das Gespräch.

Das Interview wurde am Abend des 30.03.2020 aufgezeichnet.

Wir als Redaktion bedanken uns bei allen Erziehern, die in dieser schwierigen Zeit in Kita-Notgruppen arbeiten. Danke, dass ihr weiterhin da seid – für die Kinder, die Eltern und die Gemeinschaft.

Autorin: Anna Ludewig

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