Kitas voll trotz Lockdown

Lasst doch bitte eure Kinder zu Hause!

Trotz Lockdown wird rund jedes dritte Kind derzeit in eine Betreuungseinrichtung gebracht. Das macht unsere Autorin fassungslos.

Unser dreijähriger Sohn ist seit Mitte Dezember zu Hause. Ob das einfach ist? Absolut nicht. Mein Mann und ich arbeiten beide im Homeoffice und wechseln zwischen Videokonferenzen und Spielteppich hin und her. Statt gemütlicher Netflix-Sessions am Abend hocken wir beide vor unseren Rechnern, arbeiten und versuchen, so gut es eben geht, den folgenden Tag durchzuorganisieren. Ob uns das Spaß macht? Sicher nicht! Ob wir auf dem Zahnfleisch kriechen? Aber so was von! Ob unser Kind derzeit zu viel vor dem iPad hängt? Leider ja!

Und doch werde ich einen Teufel tun und meinen Sohn derzeit in die Kita geben! Offiziell hätten wir auch gar keinen Anspruch auf eine Notbetreuung – aber die Regeln werden derzeit offensichtlich recht locker gehandhabt (mehr dazu weiter unten).

Ich finde, dass wir alle unseren Beitrag zu leisten haben. Sprich: Wer es auch nur ansatzweise irgendwie hinbekommen kann, sein Kind zu Hause zu betreuen, sollte das meines Erachtens auch tun. Dass das kein Zuckerschlecken ist, braucht mir wirklich niemand zu erzählen. Dass wir Eltern die Verlierer der Coronakrise sind, würde ich tausendfach unterschreiben. Und doch habe ich einen Wunsch: Ich will, dass diese blöde, nervige Zeit so schnell wie möglich vorbeigeht. Ich will wieder mit meinem Mann und meinem Sohn verreisen, ich will einfach mal fünf Stunden am Stück arbeiten, ich will im Büro Kollegen treffen – ohne Abstand und Maske, ich will Freunde umarmen, rauschende Geburtstage feiern und so viel mehr, was bis vor einem Jahr noch völlig normal war.

Aber dafür müssen eben jetzt ALLE mithelfen!

Als der Lockdown im Januar verlängert wurde, gab es wirklich kein Kind im Umfeld unseres Sohnes, das nicht in die Kita gebracht wurde. Die Gründe waren vielfältig: Von "Wir müssen arbeiten" über "Noch mal machen wir das nicht mit" bis hin zu "Unser Kind braucht aber soziale Kontakte" waren alle Argumentationen vertreten. Ich kann all diese Gründe mehr als nachvollziehen. Tatsächlich könnte jeder dieser Sätze auch aus meinem Mund stammen. Aber es hilft ja nun mal nichts, wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht. Deshalb hätte ich mir auch gewünscht, dass mehr Eltern dem Appell, die Kinder daheim zu lassen, nachgekommen wären. 

Selbst mit der Verschärfung des Lockdowns am Montag (25. Januar 2021) scheint sich die Lage – zumindest in den Kitas – nicht zu ändern. Eine aktuelle Umfrage des RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) zeigt, dass im Schnitt bundesweit etwa jedes dritte Kind im Alter zwischen null und sechs Jahren in einer Art Notbetreuung untergebracht ist. Bei uns in Hamburg ist es sogar jedes zweite Kind.

Ernsthaft!? Sind plötzlich alle Eltern systemrelevant? Alleinerziehend? Oder haben "besonders gelagerte individuelle Notfälle", die eine Betreuung notwendig machen? Wohl kaum ...

Aus meinem eigenen Umfeld kenne ich Beispiele, die leider zeigen, dass der Notbetrieb nur allzu großzügig genutzt wird. Die Mutter ist in Elternzeit – das Kind geht trotzdem in die Kita. Der Vater sitzt arbeitlos daheim – das Kind geht trotzdem in die Kita. Beide Elternteile arbeiten Vollzeit, nicht systemrelevant – das Kind geht trotzdem in die Kita, nachdem ein Brief an die Kindergartenleitung geschrieben wurde. Der Tenor ist immer derselbe: "Die Kitas sind ja geöffnet", "Alle geben ihre Kinder ab" und "Bei uns geht es wirklich nicht anders." Von einer Kollegin weiß ich, dass in einer Hamburger Kita der Bedarf nach Notbetreuung so groß ist, dass die Plätze nun wöchentlich verlost werden. Wahnsinn, dass es jetzt schon so weit gekommen ist ...

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Ich weiß, dass viele Eltern frustriert, verzweifelt und am Rande der Erschöpfung sind. Das Letzte, was ich will, ist, mich gegen sie zu stellen.

Dennoch ärgert es mich, dass die Kitas derzeit so voll sind, weil ich glaube, dass wir die Zahlen so nicht schnell und langfristig runterbekommen.

Es ärgert mich, dass die Politik noch immer keine vernünftigen Konzepte für Kitas und Schulen – und somit für Familien – erarbeitet hat.

Es ärgert mich, dass so wenig Rücksicht auf Erzieher genommen wird, die über mehrere Stunden ohne Abstand und vielleicht auch ohne Maske in einem Raum mit vielen Kindern verbringen müssen. 

Es ärgert mich, dass so wenig über die Gesundheit der Kleinsten nachgedacht wird. Eine Corona-Infektion mag mild verlaufen – was aber, wenn nicht? 

Und ja, es ärgert mich auch, dass wir versuchen, so gut es geht Kontakte zu vermeiden – mein Sohn dann aber nur Spielgefährten treffen kann, die ALLE in die Kita gehen und dort auf zig andere Kinder treffen. 

Können wir nicht bitte ALLE versuchen, noch ein klitzekleines bisschen länger durchzuhalten? Konsequent – ohne ständig nach Schlupflöchern zu suchen, die das eigene Leben ein bisschen einfacher machen? Vielleicht wird es dann bald wieder besser – für uns ALLE! 

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Unsere Autorin

Jana Kalla

Jana Kalla ist Chefredakteurin bei Leben & erziehen. Vorher war sie viele Jahre lang hauptsächlich im Beauty-Kosmos unterwegs.

Seit sie einen eigenen kleinen Sohn hat, ist ihr Leben nicht nur um einiges turbulenter geworden, es hat auch dazu geführt, dass sie ihr Themenspektrum erweitert hat. Und was könnte es Schöneres geben, als über Windeln und Wimperntusche zu schreiben?

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