Computer für die Kleinsten

Tablets im Kindergarten: sinnvoll oder nicht?

Brauchen Kinder schon im Kindergarten Tablets? Bringt das was? Es kommt darauf an, wie man sie nutzt, finden Erzieher und Kinder einer Kita im Hunsrück. Ihnen helfen die flachen Computer dabei, Wissenslücken zu schließen. Apps und Games sind aber kein Ersatz für Spielfreunde und Kletterbäume.

"Wie werden eigentlich die Haferflocken gemacht?" Das fragten sich neulich der vierjährige Malik und seine Freunde aus der Gruppe "Hänsel und Gretel". Auf die Antwort mussten sie nicht lange warten. Erzieherin Nina Glensk griff nach dem Tablet, gab die Frage im Internet ein und fand einen kleinen Film aus der "Sendung mit der Maus" dazu. Jetzt weiß Malik Bescheid: "Da müssen erst die Haferkörner gesiebt werden, damit der Dreck rauskommt. Dann muss noch die Spelze weg, und in der Fabrik drücken große Walzen dann die Körner zu Flocken platt."

Ruck, zuck ist eine Kinderfrage beantwortet – mithilfe eines handlichen Computers. Wer hört, dass in der Kita "Zauberwind" in Hüffelsheim Tablets zum Einsatz kommen, der mag an Kleinkinder denken, die den ganzen Tag mit Stielaugen vor Computerspielen hängen. Doch an diesem Vormittag wird in der Gruppe "Hänsel und Gretel" eifrig geknetet. Das Tablet liegt auf dem Nebentisch und interessiert die Kinder gar nicht.

Tablets Pro und Contra

"Unsere Kinder klettern natürlich noch auf Bäume und spielen draußen im Matsch!", sagt Kitaleiter Martin Mucha lachend, während er das großzügige Außengelände seiner Einrichtung zeigt. Gerade haben die Kinder Quitten am hauseigenen Baum geerntet. Als Mucha und sein Team 2016 die Tablets anschafften, begrüßten die meisten Eltern dies. Manchen musste er aber Ängste nehmen. "Kinder sollen doch Kinder sein dürfen und nicht am Computer sitzen!" Solche Sätze hört er immer wieder. "Das dürfen sie doch", entgegnet Mucha dann, "aber erzieht eure Kinder bitte nicht so, wie ihr erzogen worden seid, sondern zeitgemäß." Schließlich seien die meisten Kinder schon kurz nach der Geburt online, "da werden sie fotografiert und in den sozialen Netzwerken gepostet".

Die Kita sei fast nie der Erstkontakt der Kinder mit digitalen Medien. "Aber wir haben einen Bildungsauftrag", sagt Mucha. "Genau wie in anderen Bereichen haben wir hier die Pflicht, die Kinder auf die Welt vorzubereiten." Die Sorge, dass seine Schützlinge sich auf Instagram tummeln, hat er nicht. "Kindergartenkinder können weder lesen noch schreiben. Wie sollen sie das also machen?" Darum gibt es bei deTablets im "Zauberwind" auch keine Internetsperre. "Weil es bei uns ohnehin nicht vorkommt, dass ein Kind mit dem Gerät allein gelassen wird."

Die Tablets gehören dazu

Mit seinem Team hat Mucha sich gegen feste Nutzungszeiten entschieden, wie es andere Kitas regeln. "Wenn ich das Tablet nur 20 Minuten in der Woche herausgebe, hat es einen zu besonderen Status." Die Kinder sollen früh lernen, dass digitale Geräte zum Alltag dazugehören. Sie sind einfach da – und werden genutzt, sobald sie benötigt werden. Etwa wenn ein Geburtstagskind mit dem Tablet fotografiert wird, per App das eigene Geburtstagsplakat entwerfen darf und dann das Ergebnis aus dem WLAN-Drucker im Nebenraum holen kann. Der Datenschutz bleibt dabei gewährleistet, wie die Erzieherin Nina Glensk erklärt: "Alle Bilder, die die Kita verlassen, zeigen nur das jeweils betroffene Kind."

"Ich setze das Tablet immer da ein, wo es mir einen pädagogischen Mehrwert bringt", sagt Glensk. Bei Wissensfragen wie der zur Haferflocke etwa, die sie so schnell allein nicht anschaulich erklären könnte: "Früher hätte ich erst ewig nach einem passenden Buch gesucht."

Neulich waren die Kitakinder unterwegs, um Kastanien zu sammeln. Das wurde mit dem Tablet fotografisch festgehalten. Zur Abholzeit liefen die Bilder dann wie ein Kinotrailer über den großen Flachbildschirm im Eingangsbereich. "Viele Eltern erzählen, dass die Kinder auf die Frage ‚Was habt ihr heute gemacht?‘ zu Hause kaum etwas antworten", sagt Glensk. Die Fotos seien wie ein Brückenbauer: "Da zeigen die Kinder dann stolz drauf und berichten viel mehr." Es gebe aber auch Bereiche, in denen sie den Computer bewusst außen vor lasse: "Kein Wischen beim Lernspiel auf dem Tablet ersetzt ein echtes, gutes Motorikspielzeug."

Voneinander lernen

Als das Team vom "Zauberwind" die iPads anschaffte, mussten sie sich ihr medienpädagogisches Wissen größtenteils selbst aneignen. Heute ist der "Zauberwind" eine sogenannte Konsultationskita. Regelmäßig kommen andere Fachkräfte zu Besuch und informieren sich, wie man Tablets in der pädagogischen Arbeit einsetzen kann. Mucha bietet telefonische Beratung, bloggt beim Medienkompetenzprojekt „digikids“ (s. Kasten) und hält vor Kollegen Vorträge zum Thema.

Auf ihr nächstes großes Projekt freuen sich die "Zauberwind"-Kinder schon: Sie werden mit ihren Erzieher*innen ein E-Book erstellen, in dem sie den Garten der Kita vorstellen. Und danach im selbigen ausgiebig toben.

Autorin: Elisabeth Friedgen

Extra-Tipp

So nutzen Erzieher und Eltern ein Tablet sinnvoll:

  • Filme schauen, die Wissen vermitteln. Und zwar am besten gemeinsam mit dem Kind.
  • Fotografieren, malen, kreativ sein: geht nicht nur am Basteltisch, sondern auch digital. Beides kann sich gut ergänzen.
  • Situationen filmen, um sich als Eltern/Pädagogen selbst zu reflektieren: Warum ist beim Essen immer so ein Chaos? Wie interagieren die Kinder?
  • Apps und Internet nur da nutzen, wo sie reale Projekte unterstützen.
  • Der digitalen Welt keinen zu hohen Stellenwert zuordnen, indem sie etwas Verbotenes oder Besonderes ist. Das Tablet ist ein normaler Alltagsgegenstand – nicht mehr und nicht weniger.
  • Im Austausch mit anderen Pädagogen bleiben, zum Beispiel über digikids.online oder Foren.

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