Endlich Grundschüler!

Das ideale Schulranzen-Gewicht darf schwerer sein als gedacht ...

Wie schwer darf ein Schulranzen denn nun wirklich sein? Tatsächlich schwerer als lange angenommen, das ergaben verschiedene Untersuchungen. Eine Faustformel können sich Eltern dabei gut merken.

Wie viel darf der Ranzen eines Kindes maximal wiegen?
© Foto: iStock/romrodinka
Wie viel darf der Ranzen eines Kindes maximal wiegen?

Der erste Schulranzen: Voller Stolz wird er meist vom Kind selbst ausgesucht, um dann mit noch mehr Stolz den ganzen Schulweg allein (!) getragen zu werden. Nicht selten fragen sich Eltern dann: "Ist das nicht viiiiiel zu schwer für meinen kleinen Schatz? Geht das nicht total auf den Rücken? Mit all den Büchern und Schulmaterialien? Dann noch Brotdose und Trinkflasche! Und ein Mal die Woche kommt auch noch der Turnbeutel hinzu ..." Wir sind der Sache auf den Grund gegangen – und haben festgestellt: Eltern dürfen ihrem Kind ruhig mehr zutrauen.

Die Zehn-Prozent-Regel für das Schulranzen-Gewicht ist längst überholt!

Lange Zeit kursierte dieser eine Wert und auch heute findet man ihn noch bei der Google-Recherche: Ein Schulranzen darf maximal zehn Prozent des Körpergewichts eines Kindes wiegen. Die Quelle dahinter: die DIN-Norm 58124. Das Deutsche Institut für Normung stellt damit unter anderem Richtwerte zu Material und Eigenschaften fest – jahrzehntelang auch für das ideale Ranzen-Gewicht. Mittlerweile hat sich aber auch die besagte DIN-Norm geändert und enthält gar keine Angabe zum Gewicht mehr. Denn: Die damalige Zahl stammte noch aus der Zeit des ersten Weltkrieges und bemaß das Gewicht von Soldaten-Rücksäcken. Ein Zusammenhang, der verständlicherweise nicht auf Schulkinder übertragbar ist. "Die Empfehlung von zehn Prozent bezog sich darauf, wie schwer der Tornister eines Rekruten sein durfte, damit bei Langzeitbelastungen keine muskulären Ermüdungen auftraten", erläutert Fritz-Uwe Niethard, Direktor der Orthopädischen Klinik am Uniklinikum Aachen gegenüber Kidcheck. Dabei handelt es sich um eine Aktion der Saar-Uni und der Saarbrücker Zeitung, bei der Orthopäden, Neurologen, Humanbiologen, Sportwissenschaftler und Physiotherapeuten seit 1999 Kinder und Jugendliche auf Haltungsschwächen und -schäden untersuchen. Niethardt beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Schulranzen und berät auch Hersteller eben dieser bei der Entwicklung neuer Modelle. Der Orthopäde kenne keine einzige Untersuchung, die Rückenschäden durch schwere Ranzen bei Kindern nachgewiesen hätte. Auch Professor Dr. Eduard Schmitt von der Orthopädischen Universitätsklinik der Universität des Saarlandes und ärztlicher Leiter von Kidcheck schließt sich dieser Aussage an. Heute wissen Experten es also besser. Das unterstreichen auch die folgende Untersuchungen der beiden Experten Schmitt und Niethard.

So viel mehr kann ein Schulranzen ruhig wiegen ...

An der Kidscheck-Studie nahmen insgesamt 60 Grundschüler und -schülerinnen teil. Ihr Durchschnittsgewicht mit Ranzen lag bei 27 Kilogramm. Der schwerste Tonister wog dabei sieben Kilogramm, im Schnitt lagen die Ranzen der Zweit- und Drittklässler aber nur bei fünf Kilogramm. Am Ende kamen die Studienleiter auf ein Ergebnis von durchschnittlich rund 17 Prozent des Körpergewichts. Also trugen die Mädchen und Jungen deutlich mehr als noch vor Jahren landläufg empfohlen. Das Ergebnis? Überraschend! Die Kinder wurden mit dem Ranzen keiner nennneswerten Überlastung ausgesetzt. Die Haltung verschlechtere sich nicht – auch nicht bei sportlicher Belastung. "Selbst ein schwererer Ranzen wird eine gesunde kindliche Wirbelsäule nicht schädigen. Dazu wirkt das Gewicht viel zu kurz auf den Rücken ein", erklärt Eduard Schmitt die Ergebnisse. Auch Fritz-Uwe Niethard bestätigt: "Eine größere Last stellt für den Kinderrücken nicht gleich eine Belastung dar. Sie ist im Allgemeinen unbedenklich, wenn das Kind fit ist und das Gewicht nur kurzzeitig trägt." Der Orthopäde stellt sogar fest: "Ein schwererer Ranzen hat einen Trainingseffekt. Er aktiviert die Muskulatur, die die Wirbelsäule stabilisiert." Und davon können Grundschulkinder sogar profitieren. Die Hälfte von ihnen hat nämlich so schwache Bauch- und Rückenmuskeln, dass sie sich nicht dauerhaft gerade halten können. Dem kann die Aktion Gesunder Rücken e.V. nur beipflichten, die das regelmäßige Tragen eines Ranzens auch als angemessenen Trainingsreiz für den sich noch entwickelnden Bewegungsapparat als positiv wertet. 

Die sogenannte "Saarbrücker Schulranzenstudie" – unter Univ.-Prof. Dr. Georg Wydra vom Sportwissenschaftliches Institut der Universität des Saarlandes – kam auf ähnliche Ergebnisse. Auch sie hält die Zehn-Prozent-Regel für realitätsfern. Sie resümiert: "Schulranzengewichte von 20 Prozent des Körpergewichts werden problemlos toleriert!" Sogar höhere Werte seien kurzfristig tolerabel, wenn: 

  • ... die Kinder keine Rückenschmerzen haben!
  • ... sie über eine gute Fitness verfügen!
  • ... und der Schulweg nicht länger als ein Kilometer lang ist!

Ausnahme: Kinder mit Rückenschmerzen, Wirbelsäulenbeschwerden oder Bandscheibenleiden sollten sich unbedingt von ihrem Arzt beraten lassen – ein zu hohes Gewicht kann hier ernsthafte Folgeschäden haben.

Viel wichtiger als das Gewicht: der richtige Sitz!

Wichtig für einen Schulranzen sind vor allem die richtigen ergonomische Anforderungen. Dazu gehören ein gemütliches Rückenpolster, mindestens vier Zentimeter breite Schulterpolster und in der Länge mindestens 50 Zentimeter. Diese müssen auf den individuellen Rücken und die Größe des Kindes anpassbar sein. Die Ranzenbreite sollte im Ideallfall der Schulterbreite des Kindes entsprechen. Plus: Der Ranzen darf auf keine Fall zu tief sitzen. Andreas Hübner, Produktdesigner und -entwickler sowie Ergonomie-Experte beim bekannten Schultaschenhersteller Ergobag ergänzt auf Anfrage: "Die Beckenflossen und der Brustgurt sollten stets geschlossen bleiben, damit eine Lastübertragung auf das stabilere Becken erfolgen kann, sodass bei optimaler Einstellung nur noch rund ein Drittel des Gewichts auf den Schultern lastet." Auch der Ranzen-Experte bestätigt die 20-Prozent-Faustformel. Bei zuuuu viel Gewicht rät er zum rigoroses Aussortieren: "Nicht immer brauchen Schulkinder wirklich alles, was im Ranzen verstaut ist." Aber wir Eltern wissen aus Erfahrung: Von ihren Büchern wollen sich vor allem die stolzen Erstklässer manchmal nur ungern trennen, selbst wenn sie sie an dem Tag eigentlich gar nicht brauchen. Und ältere Schüler können auch einfach mal zu faul sein, ihren Ranzen täglich zu sortieren. Wenn die Schultasche dann ein leichtes Eigengewicht mitbringt? Umso besser. Die gängigen Ranzen-Hersteller bieten auch leichtere Modelle an, zum Beispiel den "Ergobag Cubo Light", den "Herlitz UltraLight", den "Step by Step Cloud", den "Lego Easy" oder den "DerDieDas Superlight". Sie wiegen alle unter einem Kilogramm und eignen sich vor allem für verhältnismäßig kleine Grundschüler und -schülerinnen.

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