
Wenn es Zeit für die Anmeldungen zur Schule wird, kommen jedes Jahr viele Eltern auf mich zu und fragen: "Kann mein Kind dieses Jahr eingeschult werden?" Und wie immer muss man ganz individuell entscheiden, ob ein Kind eingeschult werden kann oder nicht. Am Ende liegt die Entscheidung bei den Eltern, denn wir als Kita-Personal haben bisher kein Recht dazu, zu entscheiden, ob ein Kind bereit ist für die Schule.
Viele Eltern denken, sie würden ihren Kindern einen Vorsprung verschaffen, wenn sie früher eingeschult werden. Schließlich erreichen sie dann auch früher einen Abschluss. Doch ist das wirklich so?
Es gibt verschiedene Studien zu diesem Thema: Einige kommen zu der Erkenntnis, dass es besser ist und die Kinder sich im Kindergarten langweilen und ihr Wissen nicht effizient genutzt wird. Andere hingegen haben ermittelt, dass jüngere (und damit meist kleinere Kinder) mehr Druck aushalten müssen und öfter aufgrund der Körpergröße Ausgrenzung durch andere Kinder erfahren.
Die Entscheidung, ob ein Kind mit fünf oder sechs (oder gar sieben) Jahren eingeschult wird, muss also stets individuell getroffen werden. Das Kita-Personal kann dabei beratend zur Seite stehen, viele Bundesländer haben dies ohnehin fest geregelt: In Hamburg gibt es beispielweise für jedes Kind die Viereinhalbjährigen-Gespräche.
Woran ihr die Schulfähigkeit eurer Kinder beurteilen könnt
Darüber hinaus gibt es einige Anhaltspunkte, anhand derer ihr als Eltern die Schulreife eures Kindes besser einschätzen könnt. Folgende Fähigkeiten sollte es zum Eintritt in die erste Klasse beherrschen.
Wichtig: Auch hier gilt, jedes Kind ist individuell. Es handelt sich um Richtwerte, Kinder beherrschen zur Einschulung andere Fähigkeiten besser oder schlechter und hegen unterschiedliche Interessen.
Motorische Fähigkeiten für die Schulreife
Gleichgewicht halten (z.B. auf dem Bordstein balancieren)
Werfen und Fangen eines Balles auf Distanz von zwei bis drei Metern (Größe eines Handballs)
Hüpfen auf einem Bein (fünf bis sechs Hüpfer)
Selbstständiges An- und Ausziehen
Sicherer Umgang mit Papier und Bleistift
Einhalten der Umrisse beim Ausmalen
Ausschneiden und Nachzeichnen von einfachen Figuren
Perlen auf Fäden auffädeln
Fahrrad fahren (ohne Stützräder)
Kognitive Voraussetzungen für die Schulreife
Sprachliche Fähigkeiten
Sprache bzw. Sprachverhalten
Gesprächsbereitschaft des Kindes
Gegenstände richtig benennen, z. B. Bilder in einem Bilderbuch
Spiel- und Handlungsanweisungen richtig verstehen
Sachverhalte erklären und darstellen
Fragen beantworten (Vor-/Nachname, Geschwister, Adresse, etc.)
Grammatikalisch richtig sprechen (z. B. Artikel und Satzbau)
Laute und Lautverbindungen richtig sprechen (z. B. Zungenbrecher nachsprechen)
Flüssiger Sprachrhythmus und angenehmes Sprechtempo
Mathematische Fähigkeiten
Zählen bis zehn
Simultane Mengenerfassung bis fünf
Mengenvergleiche bis zehn
Begriffe "mehr", "weniger", "die meisten" oder "gleich viele" bis zehn sicher anwenden
Ordnen von Mengen (z. B. nach Größe)
Aufmerksamkeit und Konzentration
Beschäftigung für mindestens zehn Minuten mit einer Sache, z. B. zuhören oder zusehen
Zielstrebiges Arbeiten bis zur Beendigung einer Aufgabe ohne Ablenkung von anderen Reizen
Psychischer Zustand
Ertragen von kleinen Misserfolgen
Psychische Stabilität
Angemessenes Selbstwertgefühl
Das Kind hat eine angemessene Frustrationstoleranz
Das Kind zeigt sichtlich Vorfreude auf die Schule und freut sich auf die neuen Erfahrungen
Wahrnehmung
Gute Seh- und Hörfähigkeit
Erkennen und Zuordnen von identischen Figuren (z. B. Memory)
Ordnen von Figuren/Gebilden nach Größe
Zusammenlegen von passenden Bildern/Teilen (z. B. Puzzle)
Abzeichnen/Nachlegen einer Figur nach Form und Lage
Unterscheiden und Benennen/Zuordnen von Geräuschen
Denkfähigkeit und Kenntnisse
Ergänzen von Mustern
Ordnen von Gegenständen (z. B. nach Form und Farbe)
altersgemäßer aktiver und passiver Wortschatz
Erkennen und Benennen der Grundfarben und -Formen
Freies Erzählen einer Bildergeschichte
Gedächtnis und Merkfähigkeit
Widererkennen von Bildern/Figuren (z. B. Memory)
Lieder, Reime, Gedichte merken
Nachsprechen von zweizeiligen Versen, vier Begriffen oder Zahlen
Merken von kleineren Arbeitsaufträgen und Anweisungen
Leistungs- und Arbeitsverhalten
Sorgfältiges Arbeiten (z. B. beim Ausmalen)
Interesse für Spiel- und Lernangebote
Abschließen von Arbeiten
Zielstrebiges Vorgehen beim Malen und Basteln
Ausgeglichenheit auch nach längerer Konzentrationszeit
Durchhaltevermögen und Ausdauer bei Spiel und Arbeit
Kann sich selbst für Dinge motivieren, die es nicht gerne macht
