Nachgefragt

Holzspielzeug vs. Plastikspielzeug – was ist wirklich besser?

Ist Holz immer gut und Plastik immer schlecht? Wir haben eine Expertin gefragt, was ein Spielzeug wirklich nachhaltig macht – und worauf Eltern beim Kauf achten sollten.

Noch kein Foto hochgeladen.

Unsere Expertin

Sarah Maria Röckel ist Kleinkind-Pädagogin, Expertin für frühkindliche Entwicklung und Produktmanagerin für den Spielzeughersteller Kindsgut. Die Mutter einer Tochter lebt in Berlin.

Langlebig, umweltverträglich, natürlich und ressourcenschonend – all das assoziieren wir mit dem Adjektiv "nachhaltig". Aber was bedeutet das konkret fürs Kinderzimmer?

Nachhaltiges Spielzeug: Was bedeutet das überhaupt?

Tatsächlich ist diese Frage gar nicht so leicht zu beantworten, denn es stecken mehrere Herausforderungen in der Begrifflichkeit: "Zum einen ist die Bezeichnung 'nachhaltig' nicht geschützt, sodass die Unternehmen es durchaus frei auslegen können", erklärt Sarah Maria Röckel, Kleinkind-Pädagogin und Produktmanagerin beim Spielzeughersteller Kindsgut. "Zum anderen kann man Nachhaltigkeit natürlich von unterschiedlichen Seiten betrachten: Welche Materialien werden genutzt? Wie sehen Verpackung und Versand aus? Und natürlich die Frage, ob man ein Spielzeug gebraucht oder neu kauft, wie lange man es nutzt und Vieles mehr."

Woran erkenne ich nachhaltiges Spielzeug? 3 Tipps von der Expertin

  1. Vertraut euren Sinnen! Fasst das Produkt an, schaut es von allen Seiten an und riecht auch daran. So lässt sich erkennen, ob das Produkt gut verarbeitet ist und langlebigen Spielspaß verspricht. Vor allem der Geruch verrät oft viel über die Inhaltsstoffe. Im Zweifel gilt, ein Spielzeug lieber etwas an der frischen Luft auslüften zu lassen oder bei Möglichkeit zu waschen, bevor es benutzt wird.
  2. Recherchiert! Auch wenn einige Hersteller nicht alle Infos transparent auf der Webseite zur Verfügung stellen – erste Infos zur Produktion und den verwendeten Materialien findet man in der Regel immer (siehe auch nächster Infokasten). Im Zweifel: via Mail oder über Social-Media-Kanäle nachhaken.
  3. Wer auf dem Flohmarkt stöbert und dort Spielzeug kauft, hat zwar noch keine Garantie, dass das gekaufte Produkt aus nachhaltigen Materialien besteht, aber man hat auf jeden Fall schon mal nachhaltig eingekauft. Und das ist ein toller Anfang!

Leben & erziehen Abo + Geschenk

Dein Begleiter für den Alltag mit Kindern. Heute mit 25% Rabatt testen! Jetzt bestellen und Geschenk sichern!

Die fehlende klare Definition hat Folgen: Eine Befragung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zeigt, dass der Begriff Nachhaltigkeit bei Spielwaren ganz unterschiedlich aufgefasst wird. Während 54 Prozent der Käuferinnen und Käufer natürliche und nachwachsende Rohstoffe sowie ökologische Herstellungsprozesse mit Nachhaltigkeit verbinden, sehen 44 Prozent darin die Langlebigkeit der Produkte. Weitere 21 Prozent gehen davon aus, dass Nachhaltigkeit den pädagogischen Spielwert beschreibt. Was davon ist nun richtig? Oder ist alles wichtig?

"Grundsätzlich lassen sich natürlich Kriterien benennen, die ein nachhaltiges Spielzeug erfüllen sollte", erklärt Sarah Maria Röckel. Die Mutter einer Tochter benennt folgende Punkte:

  • faire und umweltschonende Produktion
  • Nutzung von schadstofffreien, hochwertigen Materialien
  • im besten Fall aus nachwachsenden Rohstoffen aus ökologischem Anbau
  • grüner Versand
  • hohe Qualität, damit das Spielzeug lange (möglichst über mehrere Generationen) genutzt werden kann
  • gute Recyclingmöglichkeiten

Noch gibt es kein eindeutiges Siegel oder einen geschützten Begriff für nachhaltiges Spielzeug. Sarah Maria Röckel empfiehlt daher, im Zweifel durch gezielte Fragen an den Handel oder an Hersteller einen Beitrag zu leisten, damit dies sich bald ändert: "Je mehr Nachfrage nach fairem Spielzeug besteht, desto eher werden Unternehmen dieser Forderung nachkommen und transparenter kommunizieren."

Holz ist gut, Plastik ist schlecht? Was gutes Spielzeug ausmacht

Ganz ohne sich mit Siegeln und Nachhaltigkeitskriterien zu beschäftigen, hat sich in unseren Köpfen eine Kategorisierung bereits verfestigt: Holzspielzeug ist ökologisch und damit "gut", Plastikspielzeug ist wenig nachhaltig (und damit "schlechter"). Was aber ist mit den geliebten Legosteinen, die bereits in dritter Generation bespielt werden? Werden die durch das Vererben nicht auch irgendwann nachhaltig? Unserer Expertin ist dieser Gedanke zu einseitig: "Natürlich hat auch ein über Generationen gehegtes und gepflegtes Set aus Kunststoff-Bausteinen einen nachhaltigen Charakter, gar keine Frage. Aber die Herstellung per se ist und bleibt nicht so nachhaltig wie bei einem Set aus FSC zertifiziertem Holz."

Doch die Produktmanagerin räumt ein: "Natürlich gibt es – auch in unserem eigenen Sortiment – Spielsachen wie Hüpftiere oder Sandspielzeug, die gar nicht aus Holz bestehen können. Gerade bei älteren Kindern lässt sich ein Materialmix im Kinderzimmer oft nicht vermeiden." Für die Bausteine und Spieltiere aus Kunststoff plädiert die Expertin deshalb genauso wie bei dem hochwertigen Holzspielzeug für einen sorgfältigen Umgang, bei dem Dinge auch mal repariert und weitervererbt werden: "Eine lange Nutzung von Produkten ist ein ganz wichtiger Aspekt von Nachhaltigkeit, in allen Lebensbereichen."

Darauf könnt ihr beim Spielzeugkauf (egal, ob Holz oder Plastik) achten

Ein offizielles Nachhaltigkeits-Siegel gibt es nicht, dennoch existieren natürlich gesetzliche Rahmenbedingungen für die Produktion und den Verkauf von Spielzeug. Die wichtigsten sind:

  • EN71, die Europanorm für die Sicherheit von Spielzeug
  • das GS-Zeichen für gesetzliche Anforderungen bezüglich Sicherheit und Schadstoffen
  • das CE-Zeichen, das als Konformitätszeichen gilt
  • das TÜV-Proof-Zeichen, das freiwillig ist

Darüber hinaus sind Stiftung Warentest und Öko Test gute Anlaufstellen. Bei Unsicherheiten könnt ihr euch an die Schadstoffberatung der Verbraucherzentrale NRW wenden.

Plastik- oder Holzspielzeug: Qualität statt Quantität

Neben der Auswahl der Spielsachen trägt auch deren Menge einen großen Anteil zum Nachhaltigkeitsgedanken bei: "Wenn ein Kinderzimmer mit vermeintlich 'gutem' Spielzeug vollgestopft ist, das Kind aber kaum mit der Hälfte der Dinge spielt und sie nach ein paar Jahren im Müll landen, ist das wenig nachhaltig", erklärt die Kleinkind-Pädagogin. Denn: "Kinder sind von zu viel Auswahl überfordert, mit weniger Spielzeug tun Eltern ihren Kindern also einen Gefallen!"

Um herauszufinden, welches Spielzeug bleiben soll, rät die Expertin schlicht dazu, das Kind zu beobachten und herauszufinden, welche Dinge es besonders mag. Davon kann man dann auch gerne etwas mehr behalten, ansonsten bitte für Abwechslung sorgen. "Das Rotieren von Spielzeug ist ebenfalls immer eine gute Idee", erklärt die Pädagogin. Das heißt konkret: "Alle vier bis acht Wochen wird das Spielzeug ausgetauscht und das, was aktuell nicht in Benutzung ist, außer Sicht des Kindes verstaut. Und: Für jedes neue Spielzeug, was einziehen darf, muss sich von einem Spielzeug verabschiedet werden, was verschenkt, gespendet oder verkauft wird. So ergeben sich auch tolle Möglichkeiten, um im Freundeskreis zu tauschen."

Warum es pädagogisch sinnvoll ist, Kindern Holzspielzeug anzubieten

Kleinkind-Pädagogin Sarah Maria Röckel erklärt die Vorteile, wenn man seinem Kind von Anfang an nachhaltig prägt: "Aus pädagogischer Sicht hat es zwei wichtige Vorteile, Kinder mit viel Holzspielzeug spielen zu lassen. Zum einen spricht Holzspielzeug die Sinne gezielt an, ohne zu überfordern. Spielzeug, das bunt ist, blinkt, Musik macht und sich auch noch interessant anfühlt, kann Kinder überfordern. Holzspielzeug hingegen lädt dazu ein, die Fantasie und Kreativität zu entfalten. Darüber hinaus kann man auch kleine Kinder schon an das Thema Nachhaltigkeit heranführen. Werden sie älter, kann man kindgerecht erklären, wo welche Materialien herkommen und warum die Schonung von Ressourcen so wichtig ist. Dazu gehört, dass wir Kindern bereits in jungen Jahren bewusst vermitteln, auf materielle Dinge gut aufzupassen. Gemeinsam aufzuräumen, zu reparieren und zu pflegen sollte zum spielerischen Alltag dazu gehören."

Lego und Co.: Ist beliebtes Plastikspielzeug in Ordnung?

Das alles klingt in der Theorie sinnvoll und der Wille der Eltern, nur nachhaltiges Spielzeug zu kaufen ist meist groß – doch häufig sind die flehenden Augen der Kinder größer: Ob Paw Patrol oder Peppa Wutz, Disney Prinzessinnen oder die Lego Ninjas, die meisten Lieblingsfiguren unserer Kinder kommen nicht nur in Massen, sondern ausschließlich im knallbunten Kunststoffgewand daher. Müssen wir Eltern nun ein schlechtes Gewissen haben, wenn wir es nicht übers Herz bringen, unseren Kindern den Kitsch komplett zu verbieten?

"Auf keinen Fall!", findet Sarah Maria Röckel, die selbst Mutter einer Paw-Patrol-verrückten Tochter ist: "Wenn Eltern zu sehr gegensteuern oder gar verbieten, wird es für Kinder nur noch interessanter. Daher sollte man versuchen, gelassen zu bleiben und zu akzeptieren, dass man selber nicht jedes Spielzeug der eigenen Kinder lieben wird – und dass das okay ist."

Und der Nachhaltigkeitsgedanke? Der kann auch in Adventure Bay oder Ninjago City Einzug halten: "Versucht einfach, für ein Gleichgewicht zu sorgen und die 'Paw Patrol'-Figuren mit Spielzeug zu kombinieren, das ihr für nachhaltig und pädagogisch wertvoll erachtet. Die bunten Figuren kann man beispielsweise um schlichte Holzklötze ergänzen, aus denen Burgen und Schlösser gebaut werden – oder eben die Zentrale der Hundewelpen. So wird die kindliche Fantasie angeregt und die Kleinen können schon ganz große Abenteuer erleben."

Hier lest ihr noch mehr zum Thema Nachhaltigkeit und Kinder:

Profilbild

Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an. Erst kürzlich hat sie mit dem schon jetzt erfolgreichen Buch "101 Dinge, die in keinem Elternratgeber stehen" einen Mutmacher für alle Eltern geschrieben.

Teile diesen Artikel: