8. November 2016

Kleine Krise, große Gefühle

Wenn’s im Kindergarten Tränen gibt

Kleine Krise, große Gefühle
© Shutterstock.com

Kindergarten ist klasse – meistens jedenfalls. Aber alle Eltern kennen auch die kleinen Krisen, hinter denen oft ein ganz banales Problem steckt. Wie Eltern am besten damit umgehen.

„Ich will lieber bei dir bleiben.“

Der Start in den Kindergarten hat prima geklappt, wochenlang ging das Kind gerne hin. Doch plötzlich ist es vorbei – stattdessen heißt es morgens immer öfter: „Ich möchte lieber bei dir bleiben.“
Darauf lassen Eltern sich besser nicht ein, rät Martina Bentenrieder, Einrichtungsleiterin in Augsburg. Berufstätige Mütter und Väter haben dafür ein unschlagbares Argument: „Jeder hat seine Aufgaben: Papa in der Werkstatt, Mama im Büro und du im Kindergarten.“ Wer Kindern das Schwänzen erlaubt, gibt ihnen zu verstehen: Der Kindergarten ist nicht so wichtig. Folglich streiken sie öfter – und mit jedem Tag, den sie zu Hause bleiben, werden sie in der Gruppe ein Stück mehr zum Außenseiter.

Die Unlust zu beseitigen sieht Martina Bentenrieder vor allem als Job ihrer Kolleginnen. „Der Reiz des Neuen ist für diese Kinder weg. Sie brauchen andere Herausforderungen im Kindergarten, die ihren Begabungen entsprechen.“ Der Beitrag der Eltern: Sie müssen ihr Kind auch innerlich loslassen. Das fällt allen Müttern schwer. Das beste Rezept: die kinderfreien Zeiten für sinnvolle neue Aufgaben nutzen; umso schneller vergeht die Trauer um die schönen Babyjahre.

„Jule will nicht mehr mit mir spielen.“

Manche Drei- und Vierjährige wechseln ihre Freunde wie die T-Shirts. „Kinder haben einen anderen Begriff von Freundschaft als Erwachsene“, weiß Martina Bentenrieder. „Sie probieren noch aus. Manche versuchen andere sogar damit zu erpressen, dass sie ihnen die Freundschaft kündigen.“ Und das klappt auch oft genug. Die Trauer der Verlassenen ist echt und verlangt nach Trost. Den spenden Eltern am wirkungsvollsten, wenn sie zuhören und nachfragen: Was ist denn passiert? Aber nicht, um den Kleinen gute Ratschläge zu geben oder ihnen sogar gleich einen neuen Freund zu servieren. Vielmehr kommt es darauf an, ihr angekratztes Selbstbewusstsein aufzupolieren und ihnen zu vermitteln: Du bist liebenswert, auch wenn Jule gerade jemand anderen vorzieht.

„Diese Erfahrungen können Eltern ihren Kindern nicht ersparen“, meint Martina Bentenrieder. Sie können höchstens dafür sorgen, dass es die Kleinen beim nächsten Mal nicht ganz so schlimm trifft – indem sie vorsichtig dafür sorgen, dass ihre Kinder neben der „besten“ Freundin auch andere Beziehungen pflegen.

 „Frau Jessen ist nicht mehr da.“

Evas Lieblings-Erzieherin hat gekündigt? Die Eltern sind besorgt. Zuverlässige Bezugspersonen sind doch so wichtig, damit Kinder sich gut entwickeln! „Stimmt“, bestätigt Martina Bentenrieder. Allerdings befürchtet sie, dass eben diese Bedenken den Start mit der „Neuen“ erschweren: „Wenn die Kleinen bei Mama oder Papa Vorbehalte spüren, werden sie unsicher. Von sich aus gehen sie mit Personalwechseln meist ganz unbefangen um.“ Gut, wenn Eltern der Nachfolgerin offen begegnen und ihr zutrauen, ihre Schützlinge genauso gut zu betreuen und zu fördern wie es die Vorgängerin tat.

Im übrigen können Eltern darauf vertrauen, dass trotz des Wechsels der Erzieherin im Kindergarten vieles genauso bleibt wie vorher: „Auch die gewohnte Umgebung, vertraute Abläufe und Rituale in der Gruppe und ihre Spielgefährten vermitteln den Kindern Geborgenheit“, betont Martina Bentenrieder. Und: „Spätestens nach einer Woche sind Kinder über den Abschied hinweg.“

„Das Essen schmeckt bäh.“

Mal schmeckt‘s besser, mal nicht so gut: Diese Erfahrung machen Kinder vermutlich nicht nur im Kindergarten. Gelegentliche Mäkeleien dürften Eltern deshalb kaum überraschen. Anders ist es, wenn die Kleinen Tag für Tag beim Essen streiken. „Dann steckt möglicherweise etwas anderes dahinter als nur der Speiseplan“, warnt Martina Bentenrieder. Beim Essen im Kindergarten geht es nämlich nicht nur um Kalorienversorgung, sondern auch um Tischmanieren und andere soziale Lektionen. Manches läuft dabei wahrscheinlich anders ab als zu Hause bei den Eltern; auch das könnte manchem Kind vielleicht nicht „schmecken“.

„Natürlich ärgern sich Eltern, wenn sie das Geld fürs Essen vergeblich ausgeben“, räumt Martina Bentenrieder ein. „Bei hartnäckigen Essens-Verweigerern überlegen sie deshalb am besten gemeinsam mit der Erzieherin, wie sie einen Ausweg finden.“ Manche Kindergärten bieten den Eltern zum Beispiel an, den Kleinen eine Brotzeit einzupacken, die sie statt des warmen Essens zu Mittag verspeisen können.

TIPP: Oft weiß die Erzieherin schnell, warum sich ein Kind so oder so verhält. Sprechen Sie deshalb auch frühzeitig mit ihr, wenn Ihr Kleines Probleme hat

„Alle anderen dürfen gucken!“

Bei den Jungen geht‘s um den Fußball-Europapokal, bei den Mädchen eher um „The Voice of Germany“ (TVOG) oder Heidi Klums Top-Models: Fernseh-Erlebnisse gehören zu den Trümpfen, die Kindern Aufmerksamkeit und Achtung in der Gruppe sichern. Entsprechend inständig betteln sie daher zu Hause ums Fernsehen-Dürfen.
Dagegen empfiehlt Martina Bentenrieder zwei Argumente. Erstens: „Ich finde Heidi Klum nicht so toll.“ Richtig überzeugend wirkt das allerdings nur, wenn die Eltern nicht selbst von dieser Sendung fasziniert sind und wenn sie für besondere Ereignisse wie die Olympia-Eröffnungsfeier auch mal eine Ausnahme machen.

Zweites Argument: „Die Eltern der anderen haben ihre Regeln, wir haben unsere Regeln.“ Das finden die Kleinen anfangs wahrscheinlich ziemlich uncool. Auf lange Sicht haben Eltern damit jedoch gute Chancen – vorausgesetzt, das eigene Familien-Programm hat Spannenderes zu bieten als die Glotze: statt TV-Fußball eine Runde mit Papa auf dem Bolzplatz, statt DSDS zum Beispiel eine Extra-Stunde Spielplatz.
Nicht zu vergessen: „Viele vermeintliche Fernseherlebnisse der Kinder sind pure Angeberei“, weiß Martina Bentenrieder. Nachfragen bei den Eltern fördern dann schnell zutage, dass die Kleinen gerade mal einen TVOG-Trailer gesehen haben.

Mit unseren Tipps und etwas Geduld lassen sich die kleinen und große Krisen im Kindergarten bewältigen und Ihr Kind hat bald wieder Spaß an seinen Freunden und der Einrichtung.
Hier erfahren Sie, was Sie tun können, wenn Ihr Kleines keine Lust auf Kindergarten hat…

Ein Kommentar

  1. Schreiber sagt:

    Ihre Tipps sind gut åter leider größtenteils nur für ältere.
    Mein Sohn ist fast 11 Monate und die Eingewöhnung ist sehr schwer und mit vielen Tränen verbunden. Wenn ich ihn dann abhole fängt er wieder an zu weinen und zu Hause macht er dann auch nur sehr schwer mittagsschlaf.
    Es ist echt sehr schwer für uns beide.

Kommentar schreiben

Mit Absenden deines Kommentars erklärst du dich mit der Verarbeitung deiner hier angegebenen Daten einverstanden (Datenschutzerklärung). Diese werden nur zur Verwaltung der Kommentare verwendet und keinem anderen Zweck zugefügt. Du kannst jederzeit per E-Mail an datenschutz@bayard-media.de der Speicherung deiner Daten widersprechen.

* Notwendige Angaben

Menü
nach oben
X
Cover
Leben & erziehen – das Elternmagazin. ❯ Jetzt reinblättern