27. Juni 2016

Wenn das Däumchen so gut schmeckt

Das Daumenlutschen abgewöhnen?

Babys sollten das Nuckeln um den ersten Geburtstag herum aufgeben. © Anya Ponti/Shutterstock.com

Daumenlutschen stillt das Saugbedürfnis und Babys lernen, sich ganz alleine zu beruhigen. Doch Zahnärzte warnen vor Fehlstellungen der Zähne. Sollen Eltern abwarten oder ihrem Kind das Daumenlutschen abgewöhnen? Was Experten raten.

„Babys, die schon im Mutterleib nuckeln, sind dadurch für das Trinken an der Brust oder aus der Flasche gewappnet“, sagt Gerhard Spitzer, Verhaltenspädagoge aus Wien und Autor der Bestseller „Entspannt erziehen“ und „Entspannte Eltern – Glückliche Kinder“.
Ob Eltern aber darauf warten können, bis Kinder selbst mit dem Nuckeln aufhören, oder ob besser heute als morgen Schluss damit ist – darüber streiten Experten. Aus pädagogischer Sicht ist es jedenfalls okay, wenn das Baby am Daumen lutscht: Bis zum Ende des zweiten Lebensjahres ist das Nuckeln Einschlafhilfe und Trost – und keine schlechte Angewohnheit. „Im dritten und vierten Lebensjahr schließlich lutschen die Kinder ohnehin meist viel weniger als zuvor, bis sie das Interesse am Daumen in der Regel völlig verlieren“, sagt Verhaltenspädagoge Spitzer.

Zahnärzte warnen vor Fehlstellungen

Die Zahnärzte sind da strenger. Um Zahnfehlstellungen zu vermeiden, ist es besser, wenn Babys das Nuckeln um den ersten Geburtstag herum aufgeben, egal ob am Schnuller oder Daumen. Sonst könnten sie einen offenen Biss bekommen, bei dem sich die Zähne teilweise nicht berühren, warnt Dr. Irene Aßmann, Kinderzahnärztin aus Würzburg. Ihre kleinen Patienten haben in schlimmen Fällen sogar Probleme beim Abbeißen, Kauen und Sprechen.

Die gute Nachricht: Bis zum dritten Lebensjahr bilden sich die Folgen des Daumenlutschens meist zurück. „Doch je länger Babys lutschen, desto wahrscheinlicher übertragen sich Fehlstellungen aufs bleibende Gebiss“, sagt Dr. Aßmann. Dann ist eine Behandlung beim Kieferorthopäden notwendig.
Lässt das Interesse am tröstenden Daumen im Kindergartenalter nicht nach, schauen Eltern also am besten genauer hin: Wird weiter genuckelt oder der vergessene Daumen gar neu entdeckt, ist dies vielleicht ein Hilferuf der Seele. „Möglicherweise gleicht das Kind durchs Daumenlutschen einen Mangel an Zärtlichkeit und Zuwendung aus. Oder es hat schlicht Stress, fühlt sich überlastet und nutzt das Daumenlutschen als Entspannungstechnik“, sagt Gerhard Spitzer. Dann ist es an den Eltern, dem Kind zu geben, was es braucht – und den Daumen überflüssig zu machen. Dabei geht es keinesfalls um Strafen für das Nuckeln, sondern um mehr Kuschelstunden und Entspannung. „Wenn der Daumen jedoch nur eine beruhigende Einschlafhilfe ist, die einfach guttut, brauchen sich die Eltern nicht zu viel Gedanken zu machen“, sagt Spitzer.

Wer seinem Kind das Nuckeln dennoch abgewöhnen will, kann dies mit sanften Maßnahmen versuchen:

  • Loben: das Lutschen eher ignorieren und das Kind bestärken, wenn es nicht lutscht. Etwa so: „Es freut mich, dass du deine Daumen jetzt zum Malen verwendest!“ Dann verbindet das Kind das Nicht-Nuckeln mit einem positiven Gefühl.
  •  Alternative Angebote machen: Durch liebevolle Ablenkungsmanöver gerät der Daumen in Vergessenheit. Wenn Eltern als Schlafritual mit ihrem Kind singen, ist der Tröster überflüssig.
  •  Daumen-Tagebuch führen: An den Tagen, an denen das Kind nicht gelutscht hat, darf es einen Sticker in einen Kalender kleben.
  •  Den Daumen bemalen: Bei manchen Kindern hilft es, ein Männchen auf ihren Daumen zu malen, das Angst vor der Dunkelheit im Mund hat.
  • Vorlesen: Auch Kinderbücher können helfen. Wobei der Struwwelpeter sicher die denkbar schlechteste Wahl ist. Tipp: Das Buch „Simon Daumenlutscherkind“ von Maria-Theresia Rössler und Maria Blazejovsky (Jungbrunnen; 13,90 Euro).

Von rabiaten Methoden rät Gerhard Spitzer ab. „Dem Kind den Daumen aus dem Mund zu reißen, ihm vielleicht gar die Ärmel am Schlafanzug zuzunähen oder widerwärtige Tinkturen auf den Finger zu streichen – dadurch wird das Nuckeln erst recht zum Problem für das Kind“, sagt er. „Solche Maßnahmen werden als Liebesverlust verstanden und machen traurig.“ Ähnlich wirken auch tadelnde Worte wie „Du bist ja noch ein Baby“ oder „Du brauchst ja noch Windeln“.

Lieber Schnuller oder Daumen?

Womit beruhigt sich ein Baby am besten? Da gehen die Meinungen von Eltern auseinander.
Die Daumen-Fraktion findet es natürlicher, wenn das Baby keinen Plastik-Fremdkörper im Mund hat. Auch besteht beim „Schnullern“ die Gefahr, dass Eltern den Tröster bei jedem „Piep“ anbieten, anstatt ihr Kind anders zu trösten.

Die Daumen-Gegner plädieren für den Schnuller, weil er kiefergerecht geformt und leichter abzugewöhnen ist. Die Münchner Hebamme Valerie Strauß empfiehlt daher, den Schnuller dem Baby auch dann schmackhaft zu machen, wenn es sich bereits für den Daumen entschieden hat. „Dass ein Kind den Schnuller zunächst ablehnt, kann auch an Form oder Material des Nuckels liegen“, sagt sie. Wenn das Baby einen Schnuller aus Latex nicht mag, gefällt ihm vielleicht einer aus Silikon.

Übrigens: Um sowohl Schnuller als auch Daumen überflüssig zu machen, können stillende Mütter versuchen, ihre Babys häufiger anzulegen. Studien haben gezeigt, dass der Saugreflex allein dadurch ausreichend befriedigt werden kann.

Ein Kommentar

  1. MM sagt:

    Vielen Dank für diesen Artikel. Er ist Balsam für meine gequälte Kinderseele. Ich bin 1985 geboren, da war eine solch liebevolle Haltung zu einem Daumen lutschenden Kind nicht verbreitet.
    Mir wurde von meiner Familie seit ich denken kann gesagt, ich sei nicht normal, nicht ok., ekelhaft und andere hässliche Dinge…. Ich wurde öffentlich bloß gestellt, mir wurde der Daumen aus dem Mund geschlagen, ich bekam eklige Tinkturen auf den Daumen geschmiert und mir wurden des Nachts Gipsschienen angelegt, an beiden Armen, um mich daran zu hindern im Schlaf Daumen zu lutschen. Die Gipsschienen schmerzten, die Verbände drückten, juckten…Ich konnte nicht mehr auf der Seite schlafen…Angeregt wurden die Gipsschienen von meinem Kieferorthopäden, gefertigt vom Nachbarn, umgesetzt von meinen Eltern.
    Ich empfand das als tägliche Folter. Das Alles um mich dazu zu bewegen, mir das Daumenlutschen abzugewöhnen. Alle wollten mir stets nur „helfen“.

    Alle hatten ihre Ängste/ Sorgen und wollten unbedingt etwas gegen diese tun können. Es ging nicht um mich. Wie es mir damit ging haben sie mich nicht gefragt. Warum ich Daumen lutschte war nie so wichtig, wie dass es mir endlich abgewöhnt wird.
    Dabei beruhigte ich mich selbst, gab mir Geborgenheit die mir fehlte…, welch großartige Fähigkeit.

    Und bis heute musste ich keine Zahnspange tragen. Die ganze Panikmache vor den Kieferschäden hat sich, zumindest bei mir nicht bewahrheitet…

    Ich wünsche jedem Daumenlutschenden Kind verständnisvolle Bezugspersonen, Ärzt_innen, Hebammen, Freund_innen, die nicht verurteilen sondern Anteil haben und Vertrauen in das Kind.

    Ich lutsche noch heute ab und zu am Daumen, das gönne ich mir

    Mit freundlichen Grüßen

Kommentar schreiben

Mit Absenden deines Kommentars erklärst du dich mit der Verarbeitung deiner hier angegebenen Daten einverstanden (Datenschutzerklärung). Diese werden nur zur Verwaltung der Kommentare verwendet und keinem anderen Zweck zugefügt. Du kannst jederzeit per E-Mail an datenschutz@junior-medien.de der Speicherung deiner Daten widersprechen.

* Notwendige Angaben

Menü
nach oben
X
Cover
Leben & erziehen – das Elternmagazin. ❯ Jetzt reinblättern