22. Oktober 2018

Umstrittener Kinofilm "Elternschule"

Keine Erziehungsmethode für alle

Umstrittener Kinofilm "Elternschule"
© SbytovaMN/iStockphoto.com

„Elternschule“ heißt ein Kinofilm über verhaltensauffällige Kinder an der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen, über den heftig diskutiert wird. Der Film zeige erzieherische Gewalt gegen Kinder, kritisieren die einen. Andere verurteilen deren Eltern, die sich auf so eine Therapie einlassen. Eine Petition soll die weitere Ausstrahlung des Films verhindern. Leben & erziehen-Chefredakteurin Martina Kaiser hat sich selbst ein Bild gemacht und war im Kino:

Anders als der Titel vielleicht vermuten lässt, geht es in „Elternschule“ nicht um alltägliche Erziehungsfragen. Der Dokumentarfilm zeigt Familien im Ausnahmezustand: In der Kinder- und Jugendklinik in Gelsenkirchen, Abteilung „Pädiatrische Psychosomatik“, werden Mädchen und Jungen mit schweren Fütter- und Schlafstörungen, Neurodermitis und Verhaltensauffälligkeiten behandelt. Babys, die 14 Stunden am Tag schreien; Kleinkinder, die kaum essen und deshalb eine Magensonde brauchen. Die apathisch wirken. Und man sieht Mütter, die am Ende ihrer Kräfte sind. Die von zu Hause ausgezogen sind, weil der Partner das Weinen des Kindes nicht mehr erträgt. Die von Phantomschreien erzählen, also ihr Baby auch dann hören, wenn es mal gerade nicht weint. Eine Mama ist so verzweifelt, dass sie überlegt, ihr Kind ins Heim zu geben, falls man ihm in der Klinik nicht helfen kann. Traumatisierte Eltern und Kinder.

Eine Klinik als letzte Hoffnung

Manche Bilder, die der Film in zwei Stunden zeigt, tun mir weh. Wenn Kinder von ihrer Mutter getrennt werden und allein in einem Zimmer schlafen müssen – überwacht von Monitor bzw. Babyphon und dem Klinikpersonal, das nach ihnen schaut. Wenn Kinder vor dem vollen Teller sitzen und nicht essen können, gefüttert werden und sich vehement wehren.
Die Zuschauer leiden mit – mit den Kindern, aber auch mit den Müttern, denen es sichtbar schwerfällt, ihr Kind loszulassen. Die Angst haben, dass ihr Kind verhungern könnte, und die der Psychologe Dietmar Langer deshalb fragt: „Halten Sie das durch?“ Sie halten durch, denn für sie ist die Klinik die letzte Hoffnung. Wer in Gelsenkirchen stationär aufgenommen wird und mindestens drei Wochen bleibt, hat in der Regel mehrere ambulante Therapien hinter sich – ohne Erfolg. Vor den Eltern habe ich Respekt, die sich Hilfe suchen und nur eins wollen: Ihrem Kind soll es besser gehen.

Keine Erziehungs-Schule

Ob die Therapie von schweren Fütter- und Schlafstörungen der richtige Stoff für einen Kinofilm ist, darüber kann man streiten. Zwar kommen die Therapeuten zur Wort, aber ich hätte mir gewünscht, dass die Behandlung noch stärker erläutert wird. Dass Kritiker der Therapieform zu Wort kommen. Dass die Filmemacher erklären, dass auf der Station besondere Kinder mit besonderen Herausforderungen behandelt werden. Und – das Wichtigste: dass der Film keine Erziehungsmethode für die Mehrheit der Eltern zeigt.
Die setzen bei ihren Kindern auf liebevolle und achtsame Erziehung im Alltag, der manchmal anstrengend, aber auch ganz normal ist. Zum Glück.

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