Rückblick auf die Schulzeit

Charlotte Würdig: Keine Ahnung von Zahlen, aber BWL-Studium

TV-Moderatorin Charlotte Würdig über ihren Schulwechsel von Oslo nach Frankfurt, Glück mit den Lehrern und die Coolness des gemeinsamen Müllsammelns.

Sie sind Halbnorwegerin und bis zum siebten Schuljahr in Oslo zur Schule ­gegangen. Wie war das?

Ich habe diese Zeit als recht entspannt in Erinnerung. Was sicher mit daran liegt, dass in Norwegen keine Schulnoten verteilt werden, sondern es nur Beurteilungen gibt. Zumindest war das zu meiner Zeit so. Heute gilt das skandinavische Schulsystem als sehr fortschrittlich. So bewusst war es mir damals nicht, aber ich habe ­sicherlich davon profitiert. 

Ihre Familie zog dann nach Frankfurt, und Sie mussten in eine deutsche Schule.

Ja, da wehte plötzlich ein anderer Wind. Ich war traurig, weil ich mich von meinen Freunden in Norwegen verabschieden musste. Alles war neu, alles war anders. Meine jüngere Schwester und ich bekamen vor der Einschulung sechs Wochen lang Deutschunterricht. Das lief eigentlich ganz gut. Als in der siebten Klasse dann noch Französisch dazukam, stand ich plötzlich mit drei Fremdsprachen (Deutsch, Englisch, Französisch) da. Das war dann doch nicht mehr ganz so entspannt.

Wie gut hat die Integration geklappt?

In meiner Schule waren wir alle kunterbunt gemischt. Ob aus der Türkei, Eritrea oder eben Norwegen. Da war ich nicht die einzige Exotin. Zudem hatte ich mit meinen Lehrern wirklich Riesenglück. Alle hatten großes Verständnis für unsere unterschiedlichen Bedürfnisse, in dieser Hinsicht waren sie wirklich sehr empathisch. Ich kann mich nicht mal an einen Lehrer erinnern, den ich blöd fand. Da ich Sprachen allgemein sehr mag und daran schnell Spaß finde, hat es mit dem Deutsch schnell gut geklappt. Dadurch tat ich mich mit den meisten Fächern relativ leicht. Ich hatte meine Schwierigkeiten eher bei den Zahlen, was besonders witzig ist, wenn man bedenkt, dass ich später BWL studiert habe. 

Waren Sie eher der Typ Mitläuferin oder Anführerin?

Ganz klar die Anführerin. Ich war immer Klassen- oder Schulsprecherin. Ich habe mich auch immer in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften engagiert beziehungsweise habe selbst welche ins Leben gerufen. Wir haben Theaterstücke und Musicals aufgeführt. Ich hatte die Idee zu einer Müllsammelaktion unter uns Schülern. Das Thema Umwelt war damals noch nicht so aktuell wie heute, daher wurde mein Vorschlag eher skeptisch aufgenommen. Doch hinterher fanden es alle cool, sodass wir die Aktion regelmäßig wiederholt haben.

Wie kam es zum Studienfach BWL?

Aus reiner Verlegenheit. Ich erinnere mich an den Tag nach der Abifeier. Ich wachte auf, lag im Bett, und mir wurde klar, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, wie es mit mir weitergehen soll, und dass mich die Schule überhaupt nicht auf das richtige Leben vorbereitet hat. Das BWL-Studium schien mir damals einfach eine gute Grundlage für beinahe alles zu sein. Und tatsächlich bin ich meinem 19-Jährigen Ich sehr dankbar. Aus einer kleinen Idee für ein Fitnessprogramm ist ein erfolgreiches Unternehmen mit neun Mitarbeiterinnen und einem Mitarbeiter geworden. Dafür war mein Studium tatsächlich eine hervorragende Grundlage. 

Ihr älterer Sohn geht in die erste Klasse. Wäre Ihnen wohler, ihn im norwegischen Schulsystem aufgehoben zu wissen?

Er hat eine so tolle Klassenlehrerin, dass solche Sehnsüchte gar nicht aufkommen. Ich habe das gute Gefühl, dass diese Lehrerin individuell auf die Anforderungen jedes Kindes eingeht. Aber klar, irgendwann rückt der Lehrplan in den Vordergrund. Dann müssen alle Kinder im vorgegebenen Zeitraum alles können, und es wird schnell alles über einen Kamm geschoren. Ich will das norwegische Schulsystem nicht romantisieren, aber der Druck ist in Skandinavien einfach geringer. Was ich in Deutschland aber besonders gut finde, sind die Horte für Kinder. Sie sind nicht nur eine Hilfe für alle gestressten Eltern, die versuchen, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen, sondern kümmern sich auch schon früh um die soziale Erziehung der Kids. Das finde ich super.

Interview: Brigitte von Imhoff

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