Trotz Corona-Einschränkungen

Wieso eure Kinder sich dieses Jahr erst recht auf die Einschulung freuen können

Mit Maske zur Einschulungsfeier, Zutritt für Großeltern verboten, keine Theateraufführung – und überhaupt ist dieses Jahr alles anders am ersten Schultag. Unsere Autorin schreibt, wieso diese besondere Premiere für ihre Zwillinge vielleicht gerade deshalb so schön war. Und warum alle Erstklässler und ihre Eltern sich 2020 erst recht auf die Einschulung freuen können.

Liebe i-Dötzchen-Mama, lieber i-Dötzchen-Papa,

habt ihr Corona in den vergangenen Wochen auch noch mehr verflucht als ohnehin schon? Habt ihr euch 100 Mal gefragt, wieso euer Kind ausgerechnet in diesem Jahr eingeschult wird? Und es bedauert, dass die Feier dazu pandemiebedingt nicht so läuft, wie ihr es euch eigentlich ausgemalt hattet? 

Dann herzlich willkommen in diesem komischen Club: Mir geht es genauso, und ich habe mich selbst im Vorfeld quasi doppelt bemitleidet. Denn als 38-jährige Zwllingsmama mit abgeschlossener Familienplanung ist diese Premiere für mich ein Unikat. Ein Tag, den es so nie wieder geben wird. 

Bauchweh beim Gedanken an den ersten Schultag

Meinen Kindern habe ich dazu kürzlich schon diesen Brief geschrieben, in dem ich wehmütig erklärte, wie wunderbar-wuselig ich meinen eigenen ersten Schultag auf dem von Verwandtschaft wimmelnden Pausenhof in Erinnerung habe.

Ich bin das Gegenteil einer Pessimistin. Und trotzdem hatte ich Bauchweh bei dem Gedanken an die abgespeckte, klasseninterne Einschulungsfeier, bei der nur Mütter und Väter mit Masken, dafür aber ohne Geschwisterkinder und Großeltern erlaubt sind. Ich habe natürlich versucht, mir von meinen Bedenken nichts anmerken zu lassen und den Countdown für Elli und Theo möglichst schön zu gestalten. Der bittere Beigeschmack aber blieb.

Viel Platz und jede Menge Beinfreiheit

Das Gute ist ja: Wenn man im Vorfeld so geringe Erwartungen hat, dann können letzt genannte ja im Grunde nur übertroffen werden. Und exakt so war es gestern.

Unfassbar aufgeregt (ich noch mehr als die beiden) betraten wir die Turnhalle, in der vorne Bänke für die Neu-Erstklässler aufgebaut waren – und dahinter für jedes Elternpaar zwei Stühle, die jeweils sehr weit entfernt standen von den Sitzgelegenheiten für die anderen Mamas und Papas. Wir nahmen also Platz in unserer kleinen imaginären Bubble da hinten, lauschten den Worten der Schulleiterin, hörten zwei Viertklässerinnen eine Geschichte vorlesen, zu der es ein kleines Bilder-Kino gab und beobachteten unsere Kinder, wie sie freudestrahlend nach vorne gingen und Sonnenblumen in Empfang nahmen, nachdem sie namentlich aufgerufen worden waren. 

Zauberhafte Stimmung ohne tratschende Tanten

Solltet Ihr diesen Moment noch vor euch haben: Vergesst die Taschentücher nicht. Keine Ahnung, wieso – aber ich kämpfte in diesen 45 Minuten mindestens 45 Mal gegen die Tränen. Und zwar nicht, weil alles so schrecklich war. Sondern weil es ein Naturgesetz zu sein scheint, dass Eltern nicht nur im Kreißsaal, sondern auch bei der Einschulung vor Rührung zu heulen beginnen. 

Fakt ist: In diesem Moment waren die verfluchte Pandemie – und auch die Bedenken für die nächsten Wochen, in denen die Schulen hoffentlich nicht so bald wieder dicht machen – total egal. Es lag eine ganz besondere, zauberhafte Stimmung hier in der Turnhalle. Gerade weil die Runde so klein, der Kreis so intim war. 

Keine tratschenden Tanten, die in der Ecke stehen. Keine quengelnden Kleinkinder, die die Ansprache der Klassenlehrerin übertönen. Keine Unruhe im Publikum, weil irgendeiner ja immer hustet oder mal muss. Einfach nur 24 Kinder, die sich auf ihren ersten Schultag (und den Inhalt ihrer Schultüten) freuen – und 48 sehr stolze Elternteile, die friedlich nebeneinander saßen, ganz egal, ob sie sich noch das Ehebett teilen oder nicht. 

Regenbogenkuchentorte, Gummibärchen und sehr viel Eis

Nachmittags, bei unserer Mini-Familienfeier, sagte meine Tochter: "Mama, ich möchte heute bitte noch mal in die Schule gehen!" – nicht nur Elli, sondern auch Theo waren beseelt und überglücklich. Vielleicht, weil der Tag so herrlich unaufgeregt war. Sie saßen stundenlang auf der Wiese, erkundeten ihre neuen Ranzen, begutachteten jedes einzelne Schultütenteil. Später aßen wir Regenbogenkuchentorte mit Gummibärchen und sehr viel Eis. Und während die beiden abends in meinen Armen zu schnarchen begannen, dachte ich, dass dieser Tag eigentlich nicht viel besser hätte sein können. 

Vergessen wird vermutlich so ziemlich niemand seinen ersten Schultag. Aber meine Kinder, eure Kinder: die haben ihren Enkeln zumindest etwas sehr Außergewöhnliches zu erzählen. Von ihrem allerersten richtigen Schultag in dem Jahr, in dem Corona war – "damals". 

Ich wünsche euch eine wunderbare Einschulung. Genießt es, und macht das Beste draus: Es lohnt sich.

Eure Claudia

P.S.: Und so zauberten wir diese Torte

Ich backe wirklich gerne – von diesem Regenbogenkuchengedöns hatte ich mich immer ferngehalten. Bis jetzt. Ich schnappte mir das erste Rezept, das ich bei Google fand, verdoppelte die Menge der Zutaten, ersetzte die Milch durch Saure Sahne (die macht Kuchen immer so schön saftig, finde ich) und buk zusammen mit den Zwillis los. Sechs Tortenböden in Freestyle-Schultütenform auf flachen Backblechen (dauerte dementsprechend lange). Als Elli und Theo schlummerten, verzierte ich mit Fondant und so ziemlich allem an Süßkram, den ich noch so in der Backschublade hatte. Kam ganz gut an, nicht nur optisch: hat tatsächlich auch geschmeckt! Vor allem mit salzigem Karamelleis. Zuckerschock lässt grüßen – gleichen wir jetzt mit gaaaanz viel Gemüse in den Butterbrotboxen aus ...

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Unsere Autorin

Claudia Weingärtner

Jahrelang reiste sie als Reporterin um die Welt. 2014 aber begann ihr größtes Abenteuer: Sie wurde Mama von Zwillingen.

Seitdem übt sie täglich den Spagat zwischen Jobdingen und Kinderkram – und verarbeitet den Muskelkater und andere Konsequenzen u.a. in Briefen, die sie an ihre beiden Kinder schreibt und auf zwillimuddi.com veröffentlicht. Seit April 2020 ist sie Chefredakteurin von "Leben & erziehen".

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