"Reception classes" als Vorbild

Frühe Einschulung: Kann das gut für Kinder sein?

In England und Wales kommen viele Kinder schon mit vier Jahren in die Schule. Sogenannte "reception classes" bereiten sie dann auf die eigentliche Grundschule vor. Wie sinnvoll ist so eine frühe Einschulung?

Experten-Bild

Unser Interviewpartner:

Thomas Cornelissen, 43, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Essex.

Herr Cornelissen, in Deutschland beginnt die Schulpflicht mit sechs Jahren. Viele Eltern finden das zu früh und bemühen sich, ihr Kind möglichst spät einzuschulen. Ist das aus Ihrer Sicht sinnvoll? 

Zunächst müssen wir uns dazu die Begrifflichkeiten ansehen, denn was bedeutet eigentlich "spätere Einschulung"? Die Studie, die wir gemacht haben, lief in England. Hier werden die Kinder generell sehr früh eingeschult, meist mit vier oder fünf Jahren. Sie landen dann in der sogenannten "reception class", also etwa "Einführungsklasse". Die sind nicht so organisiert wie in Deutschland. Der Unterricht findet dort deutlich aufgelockerter statt. Für unsere Arbeit untersuchten wir Kinder, die unter den Jüngsten eines Jahrgangs waren. Einige von ihnen wurden pünktlich zum Schuljahresanfang eingeschult, und eine Vergleichsgruppe wurde ein halbes Jahr zurückgehalten. Dann sahen wir uns an, wie diese Kinder später reüssierten, also wie sich der frühere Schuleintritt auf deren kognitive und nicht ­kognitive Entwicklung auswirkte. Ergebnis: Das Zurückhalten, also die spätere Einschulung, beeinflusste die Kinder negativ. Es war also besser, wenn man den Nachwuchs früher einschulte. Was uns erstaunte: Jener positive
Effekt hielt zum Teil bis zum elften Lebensjahr an.

Die längere Zeit im Kindergarten oder zu Hause hat den zurückgehaltenen Kindern also nichts gebracht. Was könnte der Grund dafür sein?

Ganz konkret haben diese Kinder ja ein halbes Jahr möglicher Schulzeit verloren, die sie sonst gehabt hätten. Gleichzeitig verschaffte ihnen der spätere Eintritt keinen Altersvorteil, denn am Ende des Schuljahres, wenn sie beurteilt werden, waren sie immer noch die jüngsten. Das wäre sicherlich anders bei einer Rückstellung für ein ganzes Jahr. Neben den schulischen Leistungen haben wir uns übrigens auch die Sozialkompetenz angesehen. Erstaunlich fanden wir, dass selbst einige Jahre später das Sozialverhalten der Kinder, die den Unterricht früher besuchten, besser war. 

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Lassen sich diese Ergebnisse auf Deutschland übertragen?

Ja, ich denke schon, wenn auch nicht eins zu eins, denn die Schule hier ist sehr altersgerecht gestaltet. Ich sehe das im Moment bei meinem Sohn: Er ist genau in diesem Alter, und der Schulbesuch macht ihm große Freude. Denn es herrscht kein Druck, und er ist stolz darauf, ein Schulkind zu sein. Es scheint: Je eher die Kinder in die Schule kommen, desto besser ist das für ihr Fortkommen – wenn die Schule altersgerecht gestaltet ist. 

Was haben Sie noch herausgefunden?

Besonders stark war der Effekt für Jungen, die aus benachteiligten Elternhäusern stammten. Hier gab es sehr deutliche positive Effekte des frühen Schulbesuchs.
Das deckt sich auch mit Studien für Deutschland, die für diese Zielgruppe positive Effekte des Kindergarten­besuchs finden. Es gilt also: je eher, desto besser. Unsere Studie belegt auch, dass die frühere Schulbildung positive Auswirkungen auf die Sprach- und Rechenkenntnisse im Alter von fünf und sieben Jahren hatte. Es gab dauerhafte Auswirkungen auf die nicht kognitiven ­Fähigkeiten. Es fand sich Positives bei der Koordination und Feinmotorik, der Kreativität und der emotionalen und sozialen Entwicklung. Und zuletzt auch: Der baldige Schuleintritt verbesserte die Schüler-Lehrer-­Beziehung und das akademische Interesse der Kinder ... 

Würden Sie sich eine Handlungsempfehlung für deutsche Schulen zutrauen?

Eine Empfehlung fällt mir schwer. Aber unsere Studie zeigt, dass frühkindliche Bildungsangebote sehr gut funktionieren können. Das ist besonders für Eltern interessant, die vor der Entscheidung stehen, ob sie ihr Kind für ein Jahr zurückhalten, um ihm mehr Zeit zum Spielen zu geben. Wir haben jedenfalls keinerlei negativen Effekte eines früheren Schulbesuchs nachweisen können. Hauptsache, es gibt eine frühzeitige Berührung mit Bildung, die altersgerecht gestaltet ist. Auch stärkere Bildungsanreize im Kindergarten sind sinnvoll. 

Ist das ein Plädoyer für Einführungsklassen in Deutschland?

Nun ja, mein Eindruck ist sicher von meiner eigenen Zeit im Kindergarten geprägt. Außerdem lebe ich seit zehn Jahren in Großbritannien – da fällt mir die Einordnung ein wenig schwer. Aber ich bin mir ­sicher, dass der Übergang vom Kindergarten zur Schule eine sehr große Umstellung ist. Stellen wir uns vor: Das Kind durfte bisher frei handeln. Nun sitzt es plötzlich in der ersten Klasse und muss sich diszipliniert verhalten. Dieser Übergang wird in Großbritannien sanfter gestaltet. Mein vierjähriger Sohn bringt aus der ­Schule vor allem den Ansatz mit, dass es toll ist, etwas über Buchstaben und Zahlen zu lernen. Ich glaube, das sollte stets ohne Druck geschehen. Dann funktioniert so ­etwas wunderbar! 

Die englische "reception class"

Die "reception class", wörtlich "Aufnahmeklasse", ist das erste Jahr der Grundschule in England. Der Eintritt in diese findet in dem Schuljahr statt, in dem das Kind fünf Jahre alt wird – viele Kinder sind dann noch vier Jahre alt. Vor einigen Jahren war es in einigen Regionen Englands üblich, die Jüngsten eines Jahrgangs noch um ein Viertel- bis halbes Jahr zurückzustellen. Die Auswirkungen dieser Zurückstellung hat Cornelissen gemeinsam mit seinem Kollegen Chris­tian Dustman untersucht, dem Direktor des Centre for Research and Analysis of Migration am University College London (www.cream-migration.org). 

Heute treten so gut wie alle Kinder pünktlich zum Schuljahresbeginn in die reception class ein. Die Unterrichtszeiten sind in der Regel von 9 bis 15.30 Uhr. Der Besuch ist kostenfrei inklusive des Mittagessens in der Schule – dies mag die hohe Teilnahmequote von 96 Prozent erklären. Auf eine Klassengröße von bis zu 25 Kindern kommen mindestens zwei Lehrer.

Die reception classes unterliegen landesweit einheitlichen Lernzielen.
So lernen die Kinder Buchstaben und erste Wörter lesen und schreiben, sie erkunden den Zahlenraum bis 20, werden mit einfachen Additionen und Subtraktionen vertraut gemacht. Zudem stehen Bewegung, motorische Entwicklung, künstlerische Betätigung (malen und basteln) und Entwicklung des Sozialverhaltens auf dem Lehrplan. Am Ende fertigen die Lehrer einen Bericht für jedes Kind über den Grad der Erreichung der Lernziele an. Dieser dient der Information der Lehrer in der nachfolgenden Jahrgangsstufe. Diese Daten waren auch für die Studie verfügbar.

Über den Tag verteilt wechseln die Einheiten, in denen die Kinder still sitzen und zuhören – im Schneidersitz auf dem Teppich, da es keine klas­sischen Schulbänke gibt – mit Zeiten ab, in denen die Kinder Aktivitäten frei wählen. Diese werden an Gruppentischen angeboten. Auch freies Spiel mit Spielzeugen oder auf dem Schulhof ist dann möglich.

Mindestens eine halbe Stunde pro Woche widmet sich eine Lehrkraft jedem Kind einzeln und seinen besonderen Interessen oder Bedürfnissen. In der Regel werden einmal pro Woche Hausaufgaben aufgegeben. Typisch ist auch, dass Kinder einmal wöchentlich zwei ausgeliehene Bücher aus der Schulbücherei mit nach Hause bringen: eins zum Vorlesen durch die Eltern und eines mit sehr kurzen und einfachen Wörtern zum Üben für die Kinder selbst.

Interview: Matthias Lauerer

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