Viele Wege führen zum guten (Schul-)Abschluss

Gymnasium oder Realschule?

Unser Schulsystem ist durchlässiger denn je. Egal, von welcher Schulart aus Kinder starten, können sie es bis zur Hochschule schaffen – wenn sie es möchten. Denn wer sagt, dass ein Studium für jedes Kind das richtige Ziel ist?

Schon mal was vom "Grundschul-Abi" gehört? Nein? Dann kommst du nicht aus Bayern. Denn dort müssen Grundschüler mindestens einen Notendurchschnitt von 2,3 in den Fächern Mathe, Deutsch und Heimat- und Sachkunde haben, um aufs Gymnasium zu dürfen. Bis 2,6 dürfen die Kinder auf eine Realschule, alle anderen kommen auf die Mittelschule. Um den Schnitt fürs Gymnasium zu erreichen – und damit das "Grundschul-Abi" zu bestehen –, bekommen oft schon Viertklässler Nachhilfe. Denn für viele Eltern ist klar, dass ihr Sohn oder ihre Tochter aufs Gymnasium gehen muss. Zwar gibt es – je nach Bundesland – unter anderem Mittel-, Real-, Gesamt- oder Gemeinschaftsschulen, doch die stehen für viele Familien gar nicht erst zur Diskussion. Das bestätigt auch Anke Bichler von der Grundschule an der Dachauer Straße in München: "Das Gymnasium erscheint vielen Eltern als alternativlos", sagt die Schulleiterin. 

Hohes Lerntempo am Gymnasium

In Bayern oder Thüringen entscheidet – anders als zum Beispiel in Hessen oder Rheinland-Pfalz, wo der Elternwille ausschlaggebend ist – die Schule über die Schulkarriere. "Der Irrglaube ist, dass mit dem erreichten Übertritt alle Sorgen vorbei sind. Aber dann beginnen ja erst die großen Herausforderungen", warnt Bichler. Tatsächlich können viele Schüler mit dem hohen Lerntempo an Gymnasien nicht mithalten. Jenö aus dem baden-württembergischen Ludwigsburg zum Beispiel hat in der 8. Klasse vom Gymnasium an eine Realschule gewechselt. Nicht weil seine Noten zu schlecht waren, sondern weil ihm der Stoff zu viel und zu theoretisch war. "Er hat schon immer gerne an der Werkbank gebastelt", sagt seine Mutter Katja. Inzwischen steht der 16-Jährige kurz vor der mittleren Reife. Danach fängt er eine Ausbildung als Mechatroniker an. 

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Vom Mittelschüler zum Abiturienten

Großen Zulauf von ehemaligen Gymnasiasten hat auch die Friedrich Wilhelm Murnau-Gesamtschule in Bielefeld. "Die Gymnasien selektieren stark. Wir haben ab der 6. Klasse eine riesige Welle an Anfragen", so Schulleiter Frank Ziegler. Der "überzeugte Vertreter von Gesamtschulen" plädiert für längeres gemeinsames Lernen. Ideal fände er eine Mischung aus schwächeren, mittelguten und leistungsstarken Schülern in den Klassen. Tatsächlich aber haben rund 50 Prozent seiner Fünftklässler lediglich eine Mittelschulempfehlung. Aber: Viele dieser Schüler holen auf. Ziegler: "Von unseren letzten Abiturjahrgängen hatte über die Hälfte nach der 4. Klasse nur eine Empfehlung für die Hauptschule."

Und was ist mit den Schülern, die es nach der Grundschule nur auf die Mittelschule schaffen? Die sind oft frustriert. "Wir müssen viele Kinder in der 5. Klasse erst mal auffangen, weil sie natürlich mitbekommen haben, dass alle aufs Gymnasium oder zumindest auf die Realschule wollen", sagt eine Lehrerin, die seit 15 Jahren an verschiedenen Schulen in Süddeutschland unterrichtet. Dabei ist das Schulsystem heute durchlässiger denn je – zumindest theoretisch können auch Mittelschüler über den M-Zweig und die Fachoberschule Fachabitur oder sogar Abi­tur machen oder starke Schüler auf die Realschule oder das Gymnasium wechseln. "Einige meiner Kollegen waren selbst auf einer Mittelschule", erzählt die Lehrerin. 

Sie kann deshalb die Angst vor der Mittelschule nicht verstehen. "Wenn ich weiß, mein Kind schafft es nicht, dann würde ich es lieber auf eine Mittelschule geben, wo es auch Erfolgserlebnisse haben kann, als ständig diesen Druck zu haben", sagt die 44-Jährige. Nach dem Motto "Lieber einen guten Mittelschulabschluss als einen schlechten Realschulabschluss" plädiert die Pädagogin für mehr Offenheit. Die Schule unterstützt ihre Schüler auch bei der Suche nach einem Ausbildungsvertrag. Viele Betriebe suchen händeringend Lehrlinge. Zwar finden nicht alle Schüler genau den Ausbildungsplatz, den sie möchten, aber laut Bundesinstitut für Berufsbildung waren Ende September 2019 bundesweit rund 53.000 Ausbildungsplätze unbesetzt.

Private Alternativen

Manche Familien wenden sich in ihrer Verunsicherung im Schullabyrinth ganz von städtischen oder staatlichen Schulen ab und suchen Alternativen. Die privaten Sabel-Wirtschaftsschulen, die es in München, Nürnberg und im thüringischen Saalfeld gibt, nehmen neben Mittelschülern auch ehemalige Gymnasiasten und Realschüler auf. Der Eintritt ist in der 6., 7., 8., oder 10. Klasse möglich. Ziel: ein mittlerer Bildungsabschluss. Rund die Hälfte der Absolventen macht danach eine Ausbildung. "Oft können sie ihre Ausbildungszeit verkürzen, weil sie so viel Vorwissen haben", sagt Schulleiter Heinz Rösner. In kaufmännischen Berufen haben sie sogar einen Rechtsanspruch auf eine Verkürzung. Die andere Hälfte geht auf die Fachoberschule. 

Andere Familien setzen auf reformpädagogische Ansätze und melden ihre Kinder an Waldorfschulen an. "Viele Eltern entdecken in der 4. Klasse ihre Liebe zur Waldorfpädagogik", sagt Henning Kullak-Ublick vom Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen. "Aber ich finde es völlig legitim, wenn Eltern nicht wollen, dass ihr Kind schon in der 4. Klasse in eine biografisch wirksame Schublade gesteckt wird." An Waldorfschulen durchlaufen alle Kinder gemeinsam zwölf Schuljahre. "Die meisten machen mindestens einen mittleren Schulabschluss, rund 60 Prozent – und zwar bezogen auf das erste Schuljahr – das Abi", betont Kullak-Ublick.
Der Fotograf Benjamin Schmidt blickt noch immer mit Begeisterung auf seine Zeit an der Waldorfschule in Offenburg zurück. Dort lernte er nicht nur mathematische Formeln und Fremdsprachen, sondern auch, wie man einen Garten anlegt, mit Holz arbeitet oder Bücher bindet. Benjamin machte das Abi. "Entspannt war das am Ende zwar überhaupt nicht!", erinnert er sich. Er musste viel Stoff nachholen. Aber er schaffte das Abi und studierte Fotodesign. "Für mein Studium und meine Arbeit als freier Fotograf waren und sind viele Aspekte aus der Zeit an der Waldorfschule förderlich."

Petra hat für ihren Sohn gleich ein ganz anderes Schulsystem ausgesucht, die St. George’s School – The British International School, die es in München, Köln und Duisburg-Düsseldorf gibt. "Schon in der 3. Klasse sagte uns die Lehrerin, dass unser Sohn so ein Typ sei, der durch das Raster des deutschen Schulsystems fallen wird." Kilian (15) ist nicht so gut in Deutsch, dafür aber fit in Naturwissenschaften. "Ich habe den Eindruck, dass die Kinder im britischen Schulsystem bei ihren individuellen Schwächen abgeholt und unterstützt werden
und gleichzeitig ermutigt werden, ihre Stärken zu ­nutzen", sagt die 49-Jährige. Der Abschluss (International Baccalaureate Diploma) berechtigt zum Studium in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern. Dafür zahlt die Familie jeden Monat rund 1.000 Euro. Petra: "Das ist natürlich eine Investition. Aber dafür ist Kilian ein selbstbewusster, motivierter Teenager mit guten Noten, der nicht als Neunjähriger schon in eine Schublade gesteckt wurde."

Autorin: Claudia Steiner

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