Schüler mit Handicap

Inklusion an der Schule: Vom Glück, einer unter vielen zu sein

Der 15-jährige Kajetan besucht eine Mittelschule in Oberbayern – und ist ein positives Beispiel dafür, dass Inklusion von Kindern mit Behinderung an der Regelschule gelingen kann. Sofern die Rahmenbedingungen stimmen. Und alle Beteiligten an einem Strang ziehen.

Ein stärkerer Schüler hilft dem schwächeren: So etwas kommt in jeder Schule vor. Doch diese Szene im Klassenzimmer der 6b an der Franz-von-Kohlbrenner-Mittelschule in Traunstein in Oberbayern ist besonders, denn: Kajetan ist ein Inklusionskind. Der 15-Jährige leidet an Tetraparese, einer spastischen Lähmung beider Arme und Beine. Als er in die Schule kam, besuchte er zunächst eine Förderklasse. Bis schließlich überdeutlich wurde, dass der Junge hier intellektuell unterfordert war. Nachdem er die dritte und vierte Klasse der Regelschule wiederholt hatte, wechselte Kajetan auf die Mittelschule in Traunstein. Dort schreibt er inzwischen so gute Noten, dass er demnächst den M-Zweig besuchen kann mit dem Ziel "mittlere Reife". Und danach? "Irgendetwas mit Holz" wolle er mal machen, erzählt der Junge, der Papa ist Zimmerer. 

Wenn jetzt Kajetan seinen Klassenkameraden Mathe erklärt, dann schwingt im Subtext mit: Inklusion ist machbar. Inklusion kann gelingen. Es ist die sichtbare Einlösung eines Versprechens, das Deutschland vor zehn Jahren mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention gegeben hat: dass Menschen mit Handicap ein Anrecht haben auf politische, gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung sind die Schulen seither heterogener geworden. Betrug 2009 der Inklusionsanteil – der Anteil der Kinder mit Förderbedarf, die gemeinsam unterrichtet werden mit Kindern ohne Förderbedarf – deutschlandweit noch 18,4 Prozent, war er bis 2016 bereits auf 39,3 Prozent angestiegen. Kajetan aus Traunstein ist einer von ihnen.

Leben & erziehen Abo + Geschenk

Dein Begleiter von der Schwangerschaft über die Geburt bis hin zum Alltag mit Kindern. Jetzt mit 25% Rabatt testen!

Dabei gibt es aber große Unterschiede zwischen den Ländern. Exklusiv – also gesondert – unterrichtet wurden im Schuljahr 2016/2017 bei Spitzenreiter Bremen 1,2 Prozent aller schulpflichtigen Kinder, bei Schlusslicht Baden-Württemberg betrug dieser Anteil 4,9 Prozent und ist sogar seit 2008/2009 um 0,2 Prozentpunkte gewachsen, ähnlich wie in Bayern auch (von 4,6 auf 4,8 Prozent). Ob aber beispielsweise die Bremer Topquote tatsächlich spitze ist, darüber herrscht Uneinigkeit. Ute Schimmler etwa, Lehrerin an einer Bremer Grundschule, geht mit dem Stadtstaat in ihrem Buch "Inklusion – so nicht!" hart ins Gericht. Das Bundesland habe in dem Fach "Inklusion" nur die Note "mangelhaft" verdient: zu wenig sonderpädagogische Fachkräfte an den Schulen, zu schlechte Vorbereitung der Grundschullehrer auf die veränderten pädagogischen Anforderungen. "Viele Lehrer", sagt sie, "sind schlicht überfordert." Wenn dann nur eine Lehrkraft in einer Inklusionsklasse unterrichtet und ein einzelnes Kind einen Großteil der Aufmerksamkeit bindet, leidet insgesamt das Unterrichts­niveau. Der Wille zur Inklusion allein genügt nicht – das Bundesland muss auch willens sein, die dafür nötigen Rahmen­bedingungen zu schaffen. 

Das Gelingen von Inklusion hängt ab von der Addi­tion vieler Einzelfaktoren – und ist unterm Strich ein echter Kraftakt vieler Personen. Im Fall Kajetan ist da zum einen die Mutter, Petra Kleinert: Unermüdlich kämpft sie seit seiner Geburt mit Ämtern aller Art, fragt sich durch zu Ansprechpartnern, stellt Förderanträge, erneuert Anträge, bleibt hartnäckig. Inklusion, sagt sie, war immer ihr Wunsch für Kajetan. Das aber stets mit maßvollem Blick: Was tut Kajetan gut? Wo muss er gefördert, wo beschützt werden? Der Kampf um Inklusion ist Marathon und Maßarbeit zugleich. An Kajetans Seite stehen aber auch außerfamiliäre Unterstützer. Ulrike Hoernes etwa, Konrektorin der Franz-von-Kohlbrenner-Mittelschule, ist eine Verfechterin des Inklusionsgedankens – "wenn es passt". Inklusion sei nichts, was man mit der Gießkanne über alle Schülerinnen und Schüler mit besonderem pädagogischem Bedarf gießen dürfe, "man muss sich jedes einzelne Kind anschauen". 

Für Klassenlehrerin Susanne Peters war Kajetan der erste Inklusionsschüler, den sie je hatte, und "ganz ehrlich: Ich habe mir darüber nicht groß den Kopf zerbrochen." Obwohl Kajetan zwei Jahre älter ist als seine Schulkameraden, war er vom ersten Tag an in der Klasse integriert. Was aber auch, betont Peters, an der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft Kajetans liegt. Zudem sei er ein Ansporn für die anderen: "Wenn Kajetan trotz seiner Einschränkungen gute Noten schreibt, haben sie schon mal eine Entschuldigung weniger." Neben ­Kajetan in der Schulbank sitzt Daniel Klein, seit der vierten Klasse Kajetans Schulbegleiter und Unterstützer vor allem in Sachen Mobilität, damit Kajetan mit der Klasse mithalten kann. Schulbegleiter (auch Integrationshelfer oder Schulassistenten genannt) sind ein entscheidender Faktor, damit Inklusion gelingt. Für Lehrerin Peters war es anfangs merkwürdig, ständig einen zweiten Erwachsenen mit im Klassenraum zu haben. Doch heute möchte sie Daniel Klein nicht mehr missen. Ohne Schulbegleiter, ist Peters überzeugt, wäre die Inklusion von Kindern wie Kajetan nicht möglich: "Ich kann nicht auf die speziellen Bedürfnisse eines Schülers eingehen und gleichzeitig allen anderen gerecht werden."

Doch "den Job als Schulbegleiter muss man sich erst einmal leisten können", findet Daniel Klein. "Eine Familie kann man damit nicht ernähren." Die Tätigkeit ist für ihn dennoch ein "Herzensding". Weil er täglich sieht, wie gut Kajetan sich entwickelt. Den Rollator benötigt der Junge inzwischen kaum noch, dafür geht er begeistert in die AG Ringen. Für seine Klassenkameraden ist er schlicht derjenige, der gut in Mathe und ein Spitzentorwart ist. Und für die Schule ist er der Beweis: Inklusion kann gelingen. Wenn alle mit an Bord sind. Und wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Inklusion an Schulen – die Lage in Deutschland

Veränderungen der Inklusionsquote zwischen 2008/2009 und 216/2017 im Bundesländervergleich

Bundesland 2008/2009 2016/2017
Baden-Württenberg: 1,66 2,64
Bayern: 0,89 1,70
Berlin:  2,76 4,82
Bremen: 2,94 5,88
Hamburg: 0,83 5,65
Hessen: 0,53 1,50
Mecklenburg-Vorp.: 2,45 3,78
Niedersachsen: 0,31 3,33
Nordrhein-Westf, 0,74 3,05
Rheinland-Pfalz: 1,92 1,82
Saarland: 1,92 liegt nicht vor
Sachsen: 1,35 2,79
Sachsen-Anhalt 0,83 3,00
Schleswig-Holstein 2,16 4,34
Thüringen: 1,52 2,63

(Inklusionsquote: Anteil der Schüler mit Förderbedarf an allen Schülern (Primär- und Sekundärstufe 1), die eine Regelschule besuchen, in Prozent)

Autorin: Beate Strobel

Teile diesen Artikel: