Rückblick auf die Schulzeit

Jan Delay: "Mir gefällt das Unperfekte"

Der Hamburger Sänger Jan Delay über Helden, die Mist bauen, Mitschüler, die zu Leistungszombies mutieren, und seine Klassenlehrerin, die ihn zum Reimen ermutigte.

Herr Delay, Sie sprechen schon zum dritten Mal den sympathischen, etwas tollpatschigen Raben Socke. Wer waren die Helden Ihrer eigenen Kindheit?

Captain Future, Colt Seavers oder Tom Sawyer. Wenn ich es mir recht überlege, waren sie keine Superhelden, sondern eher Antihelden. ­Ihnen durfte auch mal was schief­gehen – so wie dem Raben Socke. Der baut ja ziemlich viel Mist. Doch er biegt es wieder gerade.

Ist es das, was Ihnen an dem gefiederten Waldbewohner so gefällt?

Total, das Unperfekte halt. Auch meiner Tochter versuche ich das beizubringen: Es ist nicht schlimm, wenn einem ein Fehler passiert. Man muss ihn halt nur wiedergutmachen.

Sie haben Ihr Abi an einem Hamburger Gymnasium gemacht – ohne Sitzenbleiben oder Abbrechen. Fast langweilig für einen Künstler. Fiel Ihnen die Schule leicht?

Überhaupt nicht! (lacht) Ich fand die Schule ziemlich ätzend, doch meine Eltern wollten unbedingt, dass ich sie fertig mache. Da ich kein schlechter Schüler war, habe ich das halt durchgezogen. Auch wenn es in der elften Klasse eine echt schwierige Phase gab, als alle Schüler um mich herum plötzlich zu so Leistungszombies mutiert sind. Alle wollten nur das Abi schaffen, total geimpft von ihren Eltern. 

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Sie haben trotzdem weitergemacht. Sind Sie heute froh über Ihren Abschluss?

Irgendwie schon, dass ich etwas durchgezogen und beendet habe. Aber für mein Leben heute bräuchte ich das Abizeugnis nicht. Für meine persönliche Entwicklung war die Schule aber natürlich schon gut, sich in einer Gemeinschaft einzufinden und mit Leuten klarzukommen, die man eigentlich nicht mag. Das Beste an der Schule waren meine Freunde und einige wenige tolle Lehrer.

Wer hat Sie besonders beeindruckt?

Vor allem meine Klassenlehrerin Frau Boos. Sie hatte es irgendwie drauf, jeden Einzelnen dazu zu ermutigen, seine Träume zu leben. Sie hatte eine so wertschätzende Art, und sie war es auch, die mir sagte, dass ich doch mal drauflosreimen soll. Daraufhin habe ich meine ersten Texte geschrieben und begonnen, mit Sprache zu experimentieren. Außerdem hat sie mir den Lyriker Erich Fried nähergebracht, dessen Gedichte ich bis heute sehr schätze. 

Hat Sie auch etwas demotiviert?

Und wie, ich fand es deprimierend, wie der überwiegende Anteil der Lehrer nur irgendwie seinen Tag runterriss. Man merkte ihnen einfach an, dass sie nicht für ihren Job brannten. Ist es nicht schlimm, wenn man etwas bedienen muss, was man nicht mag? So wie bei Musikern, die auf einen bestimmten Musikstil abonniert sind, nur weil sie damit mal Erfolg hatten. So wollte ich nie werden, sondern immer das machen, was aus meinem Herzen kommt. 

Ihre Eltern haben Sie immer unterstützt, in dem was Sie tun.

Sehr, für sie war es in Ordnung als ich zusammen mit Dennis (Anm.: Dennis Lisk, alias Denyo) begann, auf Deutsch zu rappen. Und als wir dann mit 15, 16 Jahren mit den ­Absoluten Beginnern unsere erste Platte rausbrachten und viele Wochenenden durch ganz Deutschland gondelten, um Konzerte zu geben. Teilweise fuhren wir den gesamten Sonntag von Bayern zurück nach Hamburg – damals gab es ja noch keine so schnelle Zugverbindung. 

Hat die Schule unter Ihrem wachsenden Erfolg gelitten? Die Beginner wurden ja immer bekannter und verkauften schnell Hunderttausende Platten.

Nein, eigentlich nicht, denn die Hausaufgaben habe ich auch vorher schon nie gemacht.

Jan Delay (43) wurde Ende der 1990er-Jahre mit der Hip-Hop-Band Absolute Beginner (heute nur noch Beginner) bekannt. Als Solokünstler ist seine Musik vor allem von Reggae und Funk inspiriert. Im Kinofilm "Der kleine Rabe Socke – Suche nach dem verlorenen Schatz" (Kinostart: 12. Dezember 2019) spricht er den Hauptdarsteller mit seiner rot-weiß geringelten Socke.

Interview: Kathrin Schwarze-Reiter

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