Eine Mutter und Lehrerin berichtet

Sind Jungen in der Schule die "bösen Buben"?

Unsere Autorin Viola Herrmann ist Lehrerin – und in dieser Rolle oft genervt von den Jungs in ihrer Klasse. Aber sie ist auch Mutter eines schulpflichtigen Sohnes und erlebt häufig, dass er und seine männlichen Mitschüler als ­Störfaktoren im System gesehen werden. Stimmt das? Ein (nicht ganz unparteiischer) Debattenbeitrag.

Das Simple Past ist wichtig. Es ist wirklich wichtig, und darum habe ich mir für diese Englischstunde etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Keine Schwellenpädagogik, sondern ausgeklügelte Didaktik. Den wohldurchdachten Inhalt von 45 Minuten Unterrichtszeit habe ich kindgerecht aufbereitet und selbstverständlich differenziert, damit mein Input auch wirklich die Gehirne meiner 26 Schülerinnen und Schüler erreicht. Es könnte alles so schön sein. Wenn da nicht diese Jungs wären! Sie scheren sich ganz offensichtlich nicht um meine Erklärungen. Stattdessen machen sie Quatsch, puffen ihrem Sitznachbarn in die Seite oder kritzeln das Deckblatt ihres Arbeitsheftes voll. Jedenfalls hören sie meines Erachtens nach nicht gerade aufmerksam zu. Meine mühevolle und zeitintensive Unterrichtsvorbereitung wird von ihnen anscheinend nicht gewürdigt, und ich merke, wie in mir langsam die Wut hochsteigt. Meine mahnenden Blicke ignorieren sie oder nehmen sie vielleicht wirklich nicht wahr. In dem von mir gewünschten Sinne, nämlich mit einer Verhaltensänderung, reagieren sie erst, als mir schließlich lautstark der Kragen platzt. Nun habe ich endlich ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, doch die Leichtigkeit der Stunde ist verflogen. Ärgerlich, denke ich mir, da hätte ich mir die Arbeit auch sparen können. 

Lehrerperspektive vs. Elternsicht

Szenenwechsel. Ich sitze beim Elternabend meines eigenen Sohnes und lausche mit großen Ohren. Schon seit Längerem gärt ein Konflikt zwischen Mädchen und Jungen, so wird es zumindest von der Klassenlehrerin kommuniziert. Die Rollen scheinen dabei klar verteilt zu sein: Die Jungen sind die Bösen, die Mädchen sind die Opfer. Unsere Söhne würden mit Ausdrücken um sich werfen, die Mädchen in der Toilette einsperren und sie in jeder großen Pause drangsalieren. Eine Kommunika­tion mit den Mitschülern auf Augenhöhe sei schlichtweg nicht möglich. Und überhaupt, so ergänzt die Lehrerin, habe es in letzter Zeit häufig Beschwerden von Fachlehrern über die Jungen in der Klasse gegeben. 

Nanu, denke ich mir da als Mutter, kann das wirklich so einseitig sein? Unlängst hatte mein Sohn mir berichtet, dass eine Mitschülerin ihn den ganzen Schultag lang mit "Nackenklatschern" traktiert hätte. Obwohl er das Mädchen mehrfach darum gebeten hatte, hörte es nicht auf, ihn während der Pausen zu verfolgen. Meine diesbezügliche Nachfrage bringt die Lehrerin ein wenig aus dem Konzept. Nein, nein, antwortet sie, natürlich sind nicht alle Jungen damit gemeint. Und natürlich seien die Mädchen häufig auch schuld an den Konflikten, über die sie sich anschließend beschwerten. Man dürfe das nicht so einseitig sehen.

Richtig, das darf man wirklich nicht! Es sind nicht einfach DIE Jungs, die stören. Genauso wenig, wie DIE Mädchen immer dem Unterricht folgen und sich völlig regelkonform verhalten. Der Unterschied ist, dass Jungen in der Regel in ihrem Verhalten mehr auffallen. Sie sind lauter und ungestümer als Mädchen. Sie testen ihre körperlichen Kräfte aus und werden daher im schulischen Umfeld häufig als störend empfunden.

Dabei sollte es bei dieser Diskussion natürlich nicht um eine Verallgemeinerung der Geschlechter gehen. Es gibt leise und zurückhaltende Jungen ebenso wie lautstarke Mädchen, die sich in einer eher dominanten Rolle wohlfühlen. Diese Differenzierung ist wichtig, um nicht den Blick auf jeden einzelnen Schüler zu verlieren. Aber Mädchen gelingt es eher, unter dem Lehrer-Radar zu fliegen. Natürlich testen auch sie ihre Grenzen aus und verletzen ihre Mitschülerinnen ebenso verbal, wie einige Jungen das tun. Doch ihre Art und Weise ist subtiler und fällt im stürmischen Schulalltag schlichtweg nicht so auf wie zwei auf dem Boden miteinander kämpfende Drittklässler.

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Die Schule ist weiblich – sind Jungen deshalb benachteiligt?

Insbesondere die Grundschule wird dominiert von weiblichen Lehrkräften. Laut einer Studie der GEW vom Juni 2018 liegt der Männeranteil im Grundschullehramt bei etwa 12 Prozent. Bei einem Kollegium von 40 Lehrkräften folgt daraus, dass lediglich vier männliche Lehrer 36 Kolleginnen gegenüberstehen. Von einer Balance, die es bei 51 Prozent männlichen und 49 Prozent weiblichen Schülern an Grundschulen gibt, kann man hier nicht ansatzweise sprechen. 

Als Lehrerin fühle ich mich manchmal von der Lautstärke und vor allem der Körperlichkeit einiger Jungen gestört. So schnell kann ich bei der Pausenaufsicht gar nicht rennen, wie an manchen Tagen ein Streit auf den anderen folgt und die Kampfhähne sich nur widerspenstig und mit hochrotem Kopf von mir trennen lassen. Da beginnt die nächste Unterrichtsstunde dann schon mit einem leichten Stresspegel und der Hoffnung darauf, dass der Konflikt sich nicht über die folgenden 45 Minuten ausdehnt und somit meine Unterrichtsplanung sprengt.

Als Mutter bin ich der Ansicht, dass mein Sohn ein Recht darauf hat, sich wie ein Junge zu verhalten. Wenn er dabei manchmal über die Stränge schlägt, dann ist das zwar nicht in Ordnung. Aber die Schule sollte für ihn auch ein Ort sein, an dem er sein soziales Verhalten trainieren kann. Eine negative Rückmeldung vom Lehrer finde ich völlig akzeptabel – Pauschalisierungen hingegen nicht.

Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen in der Schule

Jungen passen halt oftmals nicht in das Korsett, in welches unser Regelunterricht sie zwängt. Langes Stillsitzen, ruhige Arbeitsphasen, eine saubere Handschrift – das sind Herausforderungen, an denen einige scheitern. Auch das ordentliche Führen der Arbeitsmaterialien, stets konzentrierte Mitarbeit und eine empathische Ansprache des Lehrers sind schulische Anforderungen, die vielen Mädchen leichterfallen. Für den stärkeren Bewegungsdrang der Jungen bleibt hingegen fast nur im Sportunterricht Raum. Und dieser schrumpft abzüglich der Zeit des Umziehens auf wenige Minuten in der Woche zusammen. 

Mädchen haben zudem den Vorteil, dass gerade das Grundschulsystem mit vielen Inhalten eher auf ihre Interessenlage ausgerichtet ist. Das Schönschreiben mit dem Füller, Lesenlernen mit all den bunten Fibelfiguren oder Basteln in der Weihnachtszeit schaffen es nur bedingt, die Neugierde und das Interesse der meisten Jungen zu wecken. Aus fehlendem Interesse entsteht wiederum Langeweile. Und wer sich langweilt, kommt gerne auf die Idee, den Unterricht zu stören.

So kann es passieren, dass Jungen schlechtere Noten als Mädchen in einem Fach erhalten, obwohl ihr Leistungsstand vergleichbar ist. Der nachlässige Umgang der Jungen mit Arbeitsmaterial und ihre nonkonformen Verhaltensweisen können dazu führen, dass sie in der Bewertung ihrer Leistung herabgestuft werden. Das ist ungerecht und kann auf Dauer zu einem Verlust der Lernmotivation und zu Schulfrust führen. 

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Mehr männliche Lehrkräfte? Ja – aber nicht nur das!

Heißt das nun, dass mehr männliche Lehrkräfte gleichbedeutend mit mehr Verständnis für Jungen in der Grundschule sind? Natürlich ist es wichtig, dass Kollegien zu einem besseren Gleichgewicht von männlichen und weiblichen Lehrern finden. Gerade in der Grundschule identifizieren sich Kinder stark mit ihren Lehrern. Lehrkräfte sind häufig Ansporn, die eigene Leistung zu verbessern. Männliche Vorbilder für he­ranwachsende Jungen sind daher enorm wichtig. Nicht nur in den Fächern Sport und Mathematik, sondern auch in Musik und Kunst. Jungen (genau wie Mädchen) brauchen Leitfiguren, die ihnen mit Respekt begegnen und sie so annehmen, wie sie sind. 

Allerdings habe ich sowohl als Lehrerin als auch als Mutter männliche Lehrkräfte erlebt, denen dies nicht gelingt. Die sich von einem nach Schlusspfiff noch rollenden Ball persönlich provoziert fühlen. Und die dann die Jungen maßregeln, während sich die Mädchengruppe dahinter schlapp lacht über die ungerechte Schelte. Es sind halt nicht DIE Jungen, die als Störfaktor im System Schule auftauchen. Ebenso wenig wie es DIE männlichen Lehrkräfte gibt, die als Heilsbringer Jungen eine größere Chance auf Schulerfolg ermöglichen.

Impulse für die Zukunft, Lösungen für heute

Folgt daraus, dass es das System Schule an sich ist, welches die ihr eigens anvertrauten Kinder störend wirken lässt? Die unterschiedlichen Überlegungen zu dieser Frage füllen ganze Bücherregale. Doch theoretische Abhandlungen helfen im täglichen Schulalltag wenig und tragen nicht dazu bei, Situationen vor Ort zu entspannen. Wichtig ist doch vielmehr, mit den aktuellen schulischen Gegebenheiten effektiv umzugehen. Die Priorität sollte darauf liegen, allen Schülern und Schülerinnen einen geschützten Raum zum Entwickeln der eigenen Persönlichkeit zu bieten und ihnen somit eine optimale Förderung zu ermöglichen. Jungen müssen auch in der Schule Jungen sein dürfen. Natürlich im Rahmen der geltenden Regeln, das ist keine Frage. Aber gerade Lehrerinnen müssen auch akzeptieren, dass Jungen sich anders verhalten als Mädchen. Und dass sie nicht per se ein Störfaktor sind, sondern häufig im schulischen System lediglich als solcher wahrgenommen werden. Als Mutter ist diese Akzeptanz für mich eine Selbstverständlichkeit. Als Lehrerin bleibt sie manchmal auch für mich eine Herausforderung.

Autorin: Viola Herrmann

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