Kolumne "Zeilen von Zwillimuddi"

"Mama, wir wollen nicht immer als Letzte abgeholt werden"

Die Pandemie hat vieles verändert – auch, dass die Mehrzahl der Kinder nicht mehr so lange fremdbetreut wird wie vor Corona. Und genau das stresst unsere Autorin. Denn ihre Kinder zählen neuerdings oft zu den letzten, die aus dem Hort abgeholt werden. Wie sie versucht, Ausgleiche zu schaffen und welche Fragen sie plagen, erzählt sie in ihrer Kolumne.

Auf heißen Kohlen im Nachmittagstermin

Es war der Klassiker: Immer, wenn jemand im Raum mit der Stimme leicht nach unten ging, und der Satz dem Ende nahe schien, holte ich Luft, um mich endlich zu verabschieden. Ratet, was ungefähr 14 Mal in diesem (leider wichtigen) Termin passierte? Genau: Entweder der Satz ging doch noch weiter – oder mir kam jemand zuvor. Und so saß ich da, schielte nervös auf die Uhr, und ging erst, als das Ding bereits mahnend 15.30 Uhr anzeigte. Und es höchste Eisenbahn war.

Mir blieben noch genau 30 Minuten für die Fahrt zur Schule. Ich nahm meine Absatzschuhe in die Hand, sprintete barfuß über das Kopfsteinpflaster zum Auto. Und landete keine drei Minuten später – natürlich – in einem dicken Stau. Fahrradunfall, Straße gesperrt. Kein Vor, kein Zurück. Ich verlor weitere 16 Minuten. Versuchte im 20-Sekunden-Takt, jemanden in der Schule zu erreichen, um Bescheid zu geben: ohne Erfolg. Wie ich die restliche Strecke zurücklegte ohne A) von der Polizei angehalten zu werden und B) selbst im Krankenhaus zu landen, ist ein kleines Wunder. Fakt ist: Ich beeilte mich wie nie zuvor, und erreichte um 16.12 Uhr atemlos die Tür des Hort-Spätdienst-Raumes in der Schule meiner Zwillinge Elli und Theo, die eigentlich fest davon ausgegangen waren, dass ich sie pünktlich um 16 Uhr bei der Kunst-AG im Bastelraum einsammele – und nicht in der Rest-vom-Schützenfest-Gruppe, in der die beiden weder ein anderes Kind noch die Erzieher beim Namen kennen.

"Entschuldigt bitte", hatte ich meine Begrüßung schon gestikulierend aus der Ferne begonnen, und während Elli und Theo auf mich zurannten, sah ich mich um. Von der ganzen Schule – von knapp 400 Schülern – waren neben meinen Kindern noch ZWEI hier. Meine Tochter war den Tränen nahe. "Du sollst uns nicht immer als Allerletzte abholen, Mami", sagte sie, und jetzt war ich den Tränen noch näher als sie.

 

Schon um 15 Uhr sind nur noch vier oder fünf Kinder da

Zu meiner Verteidigung möchte ich betonen: Ich habe Elli und Theo noch NIE nach 16 Uhr geholt – da beginnt im Hort nämlich besagter Spätdienst, den kein einziges Kind aus der ersten Klasse besucht. Schon in der Kita war die Vier auf dem Ziffernblatt meine heilige Grenze gewesen, ich hatte immer nur das mittlere Betreuungspaket gebucht, um mich selbst an stressigen Bürotagen dazu zu "zwingen", pünktlich Feierabend zu machen (und den Nachmittag mit den Kindern zu haben, die ich schließlich nicht bekommen habe, um sie den ganzen Tag nicht zu sehen).

Die Vokabeln "immer" und "allerletzte", die meine Tochter nutzte, sind demnach leicht übertrieben (keine Ahnung, woher sie das hat, räusper). Zugegebenermaßen aber zählen die beiden gerade oft zu den letzten vier oder fünf Kindern, die noch in der Betreuung sind. Und das, obwohl ich in der Regel abgehetzt, aber pünktlich um 15 Uhr am Schultor bin.

 

Verrückte Auswirkung der Pandemie

Schuld ist offenbar wie an so vielem in diesem Jahr: Corona. Tatsächlich werden unfassbar viele Kinder seit Monaten schon um 13 (!) Uhr abgeholt. Viele weitere dann kurz nach dem Mittagessen. Und die wenigsten "erst" um 15 Uhr. 

Immer wieder habe ich mich in den vergangenen Wochen gefragt, wie die anderen DAS in Gottes Namen nur hinkriegen – obwohl die Antworten nach dreisekündigem Nachdenken auf der Hand liegen und weniger mit übermenschlichen Kräften zu tun haben, als mit pandemiebedingter Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, flexiblen Modellen im Homeoffice. Die Fragen in meinem Kopf aber bleiben. 

Schadet es den Kindern, zu den Letztabgeholten zu zählen? Welches Signal gebe ich ihnen damit? Wieso setzt mich das so unter Druck? Warum landet man auch hier wieder ganz automatisch in der selten zielführenden Mama-Vergleichsfalle? Wie pleite werde ich sein, wenn ich statt an einem lieber an zwei Nachmittagen in der Woche die Babysitterin für 14 Euro pro Stunde buche? Kann ich nicht doch meinen Liebsten mehr einspannen in Sachen Kinderbetreuung? Arbeite ich zu viel? Habe ich genug Zeit für die Kinder? Bin ich eine schlechte Mutter? 

 

Um 20.30 Uhr in die Nachtschicht starten – mit Glück (und Chaos)

Vor allem bei letzt genannter Frage möchte ich laut und schneller NEIN schreien, als ich diese Zeilen tippen kann. Natürlich versuche ich, Ausgleiche zu schaffen. Wenn ich an das letzte Wochenende denke, wird mein Herz warm: Der Besuch im Schwimmbad, bei dem Elli erstmals ganz alleine durch das große Becken schwamm. Der Moment im Zoo, in dem Theo beim Anblick der Quatsch machenden Paviane vor Glück halb ausflippte. Unser Bett-Kino-Abend, bei dem wir eng aneinandergekuschelt zusammen einschliefen, lange bevor die fünf Freunde das Skelett im Tal der Dinosaurier gefunden hatten – all das ist unbezahlbar.

Und trotzdem kann ich mir ein solch entspanntes Wochenende wie dieses im Grunde kaum leisten. Denn unter der Woche bleibt zu viel Arbeit liegen. Wenn ich um 15 Uhr an der Schule stehen will, muss ich die U-Bahn um 14.24 Uhr erwischen. Und die Redaktion zu einer Zeit verlassen, an dem ich das Gegenteil von fertig bin.

Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Ich bin den ganzen Nachmittag nur halb-anwesend, weil der Laptop noch aufgeklappt ist, das Handy ständig brummt. Zweitens: Ich versuche, diverse Mails, Slacks und Tasks zu ignorieren – und starte um frühestens 20.30 Uhr in die Homeoffice-Nachtschicht (wenn die Kinder schlafen, aber weder Küche sauber noch Wäscheberge bekämpft sind). Bei beiden Varianten ist in Sachen Produktivität aber so viel Luft nach oben, dass Sams- und Sonntage im Normalfall automatisch ebenfalls zu Arbeitstagen werden. Für mich sind es wirklich mitunter diese neuen, reduzierten Fremdbetreuungszeiten, die Vereinbarkeitsfragen aufkommen lassen, die doch eigentlich längst gegessen waren. 

 

Hamsterrad ohne Ausstieg

Dilemma 1: Ich liebe meinen Job, und will ihn keine Minute lang missen.

Dilemma 2: Die schöne, alte Normalität (in der viele Kids ganz selbstverständlich deutlich länger als momentan in Kita oder Schule blieben) wird so schnell nicht wieder kommen.

Und: Wir reden hier von dem derzeit ja luxuriösem Zustand, dass die meisten Kinder topfit und die Schulen geöffnet sind. Ich schrieb in dieser Kolumne schon ein paar Mal, das ich alles andere als pessimistisch bin. Ich sehe auch die positiven Dinge: zum Beispiel, dass Elli und Theo immerhin sich haben – und nie wirklich alleine sind, wenn ich etwas später komme. 

Trotzdem: Wie soll das alles im Herbst und Winter werden, wenn Rotz, Schnief und vielleicht auch die Pandemie uns einholen – wenn es jetzt schon so ein Hamsterrad ohne Ausstieg ist? Beim besten Willen: Ich weiß es nicht. 

Falls es euch anders – oder exakt genau SO geht – falls ihr Gedanken, Vorschläge, Lösungsansätze, Meinungen zu diesem Thema habt: Schreibt mir! Ich freue mich über eure Post: c.weingaertner@junior-medien.de.

 

Zeilen von Zwillimudi

Chefredakteurin Claudia Weingärtner ist Zwillingsmama – und hat vom Spagat zwischen Kids und Job manchmal ganz schön Muskelkater. Den verarbeitet sie am liebsten, in dem sie sich den Stress von der Seele schreibt – jetzt auch in der "Zeilen von Zwillimuddi"-Kolumne.

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