Lernen ohne Schule in Zeiten des Coronavirus

"Habt keine Angst vor dem Erlebnis Homeschooling!"

Sarah Schmid hat acht Kinder, vier davon im Schulalter. Was viele Eltern seit dieser Woche als völlig neue Erfahrung begegnet, ist für die Mutter seit Jahren Alltag: Sie und ihr Mann betreuen alle Kinder in den eigenen vier Wänden, Schulunterricht inklusive. Im Gespräch mit unserer Autorin erklärt Sarah Schmid, welche Vorteile der Heimunterricht haben kann – und gibt Tipps für alle Eltern, die sich nun ganz neu in der Homeschooling-Situation befinden.

Das Interview wurde am Morgen des 18. März geführt.

Frau Schmid, Sie unterrichten Ihre Kinder seit Jahren selbst zu Hause. Für dieses Lebenskonzept haben Sie sogar Ihre Heimat verlassen und sind nach Frankreich gezogen, da Homeschooling in Deutschland untersagt ist. Nun werden plötzlich Eltern in ganz Deutschland aufgerufen, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten.

Ja, wer hätte das je gedacht?

Halten Sie es für realistisch, dass Eltern ohne Homeschooling-Erfahrung es hinbekommen, den gewünschten Stoff zu vermitteln?

Sie haben ja keine Wahl, irgendwie muss es klappen.

Wie kann es denn am ehesten klappen? Oder anders gefragt: Wie funktioniert es bei Ihnen?

Wir richten uns locker nach dem deutschen Lehrplan. Bei allen Themen hinterfrage ich: Ist das lebensrelevant? Interessiert es mein Kind? Oder ist es unnötiger Gehirnballast?

Und das, was relevant ist, wird dann in Unterrichtseinheiten vermittelt?

Bei uns ist der Vormittag Lernzeit, allerdings ohne feste Zeiten. Wir machen nicht eine Stunde Deutsch, dann eine Stunde Mathe und so weiter. Stattdessen schaue ich stets, was die Kinder im Alltag und durch das Leben selbst lernen können – dann muss ich es nicht mehr künstlich und theoretisch herbeiführen. Fürs Backen muss man Mengen abmessen können, fürs Einkaufen einen Einkaufszettel lesen und schreiben können, solche Dinge meine ich. Manche Kinder lernen das Lesen auch von allein, weil es sie so interessiert, dass sie es sich selbst beibringen. Da merke ich dann bei einem meiner eigenen Kinder auch: Okay, da muss ich nicht unterstützen – bei den Geschwistern vielleicht schon.

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Vier ihrer Kinder sind im Schulalter. Wie schaffen Sie es, diese gemeinsam zu unterrichten?

Meine vier ältesten sind 13, elf, neun und sieben Jahre alt. Solange es um den Lernstoff der ersten bis dritten Klasse geht, muss man schon einplanen, sich gemeinsam hinzusetzen – bei mir also aktuell mit den beiden jüngeren. Danach entwickelt sich eine gewisse Selbstständigkeit und die Kinder können den Stoff auch eigenständig durchgehen. 

Wo sind ihre vier jüngeren Kinder während der Lernzeit? Passt ihr Mann dann auf sie auf?

Mein Mann ist zwar zu Hause, arbeitet aber im Home-Office, und das wissen die Kinder. Da sie nie fremdbetreut wurden, können sie sich gut mit sich selbst beschäftigen. Das klappt.

Erkennen Ihre Kinder Sie als ihre Lehrerin an?

Ich bin keine Lehrerin. Ich bin eine Lernbegleiterin. Wir erarbeiten die Dinge gemeinsam auf Augenhöhe.

Und das ist kein Problem in Ihrer jetzigen Heimat Frankreich?

Nein. Hier herrscht eine Bildungspflicht, aber keine Schulgebäudeanwesenheitspflicht wie in Deutschland. Viele Deutsche leben hier grenznah, die handhaben es so wie wir und unterrichten ihre Kinder selbst.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Fehler, die dabei gemacht werden können?

Zum einen natürlich das komplette Unschooling. Sprich: Die Kinder nicht zur Schule geben, sich aber auch nicht dafür zu interessieren, was sie stattdessen lernen. Kinder beim Lernen begleiten muss sein – alles andere hat schon was mit Vernachlässigung zu tun.

Der andere große Fehler, der vor allem dann auftreten kann, wenn man ganz frisch dabei ist – so wie jetzt die vielen Eltern in der Corona-bedingten-Situation: In einen übertriebenen Aktionismus verfallen und den Kindern sonst was wie viel an Stoff reinpressen wollen. Homeschooling ist viel intensiver und viel effektiver als der Unterricht in der Schule. Es entstehen keine Wartezeiten, es kann auf jedes Geschwister-Kind individuell eingegangen werden, deshalb muss das Lernen zu Hause auch auf keinen Fall so lange sein wie der Unterricht im Klassenraum. Kein Kind hält bei einem 1-zu-1-Unterricht eine Dauer von vier oder fünf Stunden durch – und die Eltern auch nicht.

Welchen Tipp haben Sie für alle Eltern, die aufgrund des Coronavirus notgedrungen ihre Kinder zu Hause unterrichten sollen?

Habt keine Angst vor dem Erlebnis! Ihr habt jetzt die Chance, den einseitigen Fokus der Schule auf die Lerninhalte beiseite zu schieben und euch auf die wirklich wichtigen Lernfelder zu konzentrieren. Die Persönlichkeitsentwicklung, der Charakter, die Ausdauer – all das ist wirklich wichtig. Wissensdetails hingegen kann man jederzeit nachholen. Es ist doch tragisch anzunehmen, dass sobald der externe Treiber "Schule" wegfällt, das Lernen aufhört. Wichtig ist, eine innere Motivation am Lernen zu fördern. Wenn Kinder die Fähigkeit erwerben, am richtigen Leben zu lernen, dann können sie alles erreichen, was sie wollen.

Haben Sie die Hoffnung, dass nach der Corona-Krise das Thema Homeschooling in Deutschland mehr Anhänger findet?

Ich habe die Hoffnung, dass es politische Änderungen geben wird und die Daumenschrauben gelockert werden. Das Interesse am Homeschooling innerhalb Deutschlands war schon vor dem Coronavirus da – es fehlte lediglich an legalen Möglichkeiten.

Liebe Frau Schmid, danke für Ihre Zeit!

Nicht nur die Bildung, auch die Geburten ihrer Kinder hat Sarah Schmid in die eigene Hand genommen: Sieben ihrer acht Kinder kamen in Alleingeburten ohne Ärzte oder Hebammen zur Welt. Berichte und Videos davon gibt es auf Sarah Schmids Website geburt-in-eigenregie.de

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Unsere Autorin

Silke Schröckert

Silke Schröckert wollte Journalistin werden, seit sie im Alter von acht Jahren das erste Mal Lois Lane in "Superman" gesehen hatte. Mit 23 wurde sie Chefredakteurin eines Kinderzeitschriftenverlages.

Heute ist Silke spezialisiert auf Familienthemen und textet für Kinder- und Comic-Magazine. Das freut vor allem Sohn Tom und Tochter Mina. Auf ihrer eigenen Seite schreibt sie für die Generation Großeltern. Bei leben-und-erziehen.de nimmt sie sich aktuellen Themen aus Sicht einer Zweifach-Mama an.

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